Korn beginnt schon zu keimen

Weizen und Co.: Es drohen Ernteausfälle

+
Der Weizen ist zu nass. Zum Teil werden die einzelnen Körner schon grau.
  • schließen

Die Felder sind nass, das Korn beginnt schon zu keimen. Nach dem vielen Regen drohen Ernteausfälle beim Getreide. Eins ist klar: Wenn sich das Wetter nicht ändert, ist die Ernte nur noch für Vieh geeignet.

Soest – Friedrich-Wilhelm Kind, langjähriger Ortslandwirt in Soest bis 2022, ist besorgt: „Ob Roggen, Weizen, Raps, Ackerbohne oder Triticale (eine Kreuzung aus Roggen und Weizen) – es steht alles noch auf dem Acker. Und: Mit jedem Schauer wird es problematischer, die Felder zu befahren.“ Ob auf der Haar oder der Niederbörde, die genannten Getreidesorten seien jetzt überall überreif. Gerade habe er sich seinen Roggen angeschaut und musste feststellen, dass dieser bereits gekeimt hat.

„Am Wochenende wollen wir ernten, aber jetzt sind schon wieder für Samstag Regenmengen von 20 Millimeter pro Quadratmeter angesagt. Dann steht das Wasser zwei Zentimeter hoch auf den Feldern. Spätestens Anfang nächster Woche müssen wir aufs Feld.“ Die Böden, erklärt Kind, sind wassergesättigt. Dadurch sei die Qualität des Brotgetreides massiv beeinträchtigt. „Vermutlich ist unser Getreide nicht mehr für Brot geeignet, sondern nur noch für Viehfutter.“

15 Prozent Feuchtigkeit: Mehr darf es nicht sein

Der Soester Landwirt lässt durch Lohnunternehmen ernten. Im Moment, sagt er, weise das Getreide eine Feuchtigkeit von 30 Prozent auf. „Es braucht anderthalb bis zwei trockene Tage, um auf etwa 15 Prozent Feuchtigkeit zu kommen.“

Viel feuchter darf es bei der Ernte nicht sein: „Feuchtes Korn muss bald verwertet werden, weil es sonst schimmelt. Sind wir gezwungen, es zu trocknen und dafür Heizöl oder Flüssiggas einzusetzen, wird es teuer.“ Sogar der Totalverlust könnte eintreten. Dann nämlich, „wenn das Korn auf dem Feld keimt, Wurzeln und ein Blatt bildet.“

An vielen Stellen in der Börde sieht man auf dem Boden liegendes Getreide.

Ernte schon mehr als zwei Wochen aufgeschoben: Backweizen könnte knapp werden

Im Moment ist für die nächsten Tage ein Wetterumschwung angesagt: „Dann wird es sich nicht vermeiden lassen, dass die Straßen voll sind mit Mähdreschern und dass es staubt.“ Kind bittet die Anwohner und Autofahrer schon jetzt um Verständnis. Es ist vielleicht die letzte Chance, die Ernte doch noch zu retten. Gelänge das nicht, müsse man sich Gedanken machen, wie man die Felder wieder für die nächste Aussaat fertig mache. Etwa durch Unterpflügen.

Josef Lehmenkühler, Vorsitzender des landwirtschaftlichen Kreisverbands Soest, fasst die Lage so zusammen: „Es ist pitschnass auf den Feldern. Jetzt werden Wind und Sonne gebraucht. Es ist allerhöchste Zeit, damit das Korn nicht in den Ähren keimt.“ Roggen, Weizen und Triticale sollten schon vor etwa 14 Tagen bis drei Wochen geerntet worden sein, aber genau da setzte der Dauerregen ein. Auch er sieht schwarz für den Backweizen und vermutet, dass dieser knapp werden wird. „Der kommt dann vermutlich aus Frankreich, dort gibt es im Süden Regionen, wo früher geerntet wird als bei uns“, erklärt er.

Retten, was noch zu retten ist: Propionsäure als Konservierungsmittel

Auch Lehmenkühler geht davon aus, dass zum Wochenende hin der Erntebetrieb beginnt, und zwar überall im Kreisgebiet gleichzeitig. Motto: Retten, was noch zu retten ist.

Sollte das Korn für die Lager zu feucht sein, kennt er neben Lüftung oder Wärme noch eine dritte Möglichkeit, das Korn zu retten: „Propionsäure ist ein Konservierungsmittel, das beispielsweise auch in der Sauce der Currywurst vorkommt“, erklärt er. Es sei ganz harmlos und soll im Kornspeicher verhindern, dass das Getreide schimmelt. „Es ist nahrhaft und macht Getreide lagerfähig, aber nicht besonders lange.“

Korn direkt mahlen: Wenn Körner aus Ähre fallen sind sie verloren

Und dann gibt es noch eine andere Möglichkeit, das feuchte Getreide zu behandeln: „Gestern hat hier jemand geerntet und das Korn direkt mit dem Mähdrescher gemahlen, wie Mais.“ Über dieses Mehl kommt dann Folie darüber, wie bei Silage.

Aber was auch immer mit dem Korn nach der Ernte passiert - erst einmal muss es vom Feld. „Wenn der Trocknungsprozess durch ist, fallen die Körner aus der Ähre aufs Feld, weil sie überreif sind. Das bedeutet Mengenverluste, denn diese Körner sind verloren.“

„Die letzte Gerstenernte war leicht unterdurchschnittlich“, bilanziert Lehmenkühler. „Wenn wir das hinterher auch von Roggen, Weizen, Raps, Ackerbohne oder Triticale sagen können, wären wir zufrieden. Aber abgerechnet wird erst am Schluss.“ Soll heißen: Eine Prognose mag er nicht abgeben.

Kommentare