Zahl der Spätgebärenden steigt

Später dran: Jede fünfte Mutter in Hamm ist bei Geburt ihres Kindes über 35 Jahre alt

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Die Mütter in Hamm zählen nach wie vor zu den jüngsten in Nordrhein-Westfalen. Dennoch ist das Durchschnittsalter bei der Geburt deutlich gestiegen.

Hamm – Wann ist der richtige Zeitpunkt für ein Kind? Immer mehr Paare in Hamm beantworten diese Fragen später als früher mit „Jetzt!“. Das durchschnittliche Alter der Mütter bei der Geburt eines Kindes ist binnen eines Jahrzehnts um ein ganzes Jahr gestiegen, auf 30,6 Jahre. Zudem hat heute jedes fünfte Baby eine Mutter, die bei der Geburt über 35 Jahre alt war. Vor 25 Jahren war das nur bei jedem zehnten Säugling der Fall. Das geht aus Zahlen des Statistischen Bundesamtes in der Regionaldatenbank Genesis hervor.

Eine Schwangerschaft mit über 35 Jahren ist also heutzutage relativ normal – gilt aber automatisch als Risikoschwangerschaft. Ist das angesichts der Normalität der späten Schwangerschaft weiterhin angemessen? „Ich denke, dass rein medizinisch heute nichts anders ist als vor 25 Jahren“, sagt Rolf Oliver Fietz, Chefarzt der Geburtshilfe des Evangelischen Krankenhauses. Je älter die Mutter, desto häufiger sind Vorerkrankungen. Zudem kommen Komplikationen wie schwangerschaftsbedingter Bluthochdruck, Thrombosen oder Schwangerschaftsdiabetes häufiger vor.

Hebamme rät zu ganzheitlichem Blick: „Allein das Alter der Schwangeren sagt nichts aus.“

Allein das Alter der Mutter in den Blick zu nehmen, sei allerdings nicht sinnvoll, sagt der Arzt. „Es kommt auf die Gesamtkonstellation an. Wenn jemand 40 Jahre alt ist, fit, und keine Medikamente nimmt, ist das Risiko für Komplikationen niedriger als bei jemandem, der 25 Jahre alt und multimorbide ist.“

Ähnliches berichtet Angela Meusel, leitende Hebamme der St.-Barbara-Klinik. „Allein das Alter der Schwangeren sagt nichts darüber aus, wie gut eine Schwangerschaft oder die Geburt verläuft.“ Wichtig sei es, gesund zu essen und sich fit zu halten. Doch das falle etlichen Schwangeren schwer. „Viele erhalten ja ein Beschäftigungsverbot“, sagt sie. Interpretiert werde dies mitunter als Aufforderung, sich aufs Sofa zu legen. „Dabei ist es beispielsweise für einen guten Geburtsverlauf wichtig, beweglich zu bleiben“, sagt sie.

Karriere, Prioritäten, Kinderbetreuung, Partnerwahl: Viele Faktoren tragen zu später Mutterschaft bei

Meusels Beobachtung nach tragen viele Faktoren dazu bei, dass sich Paare später für ein Kind entscheiden: „Viele gehen arbeiten und setzen andere Prioritäten, außerdem dauert es oftmals, bis man den richtigen Partner gefunden hat.“ Darüber hinaus gebe es nicht überall die Kinderbetreuungsangebote, die Familien brauchen.

Alter der Mütter bei der Geburt: So alt waren die Mütter in Hamm und Deutschland bei der Geburt ihrer Kinder (Angaben in Prozent).

Im Vergleich mit dem Rest der Bundesrepublik sind die Hammer Mütter übrigens vergleichsweise jung. Das Durchschnittsalter der Mutter bei der Geburt eines Kindes lag 2021 deutschlandweit bei 31,8 Jahren – in Hamm nur bei 30,6 Jahren (aktuellere Zahlen sind noch nicht verfügbar) wie bereits in früheren Jahren. Unter den Kreisen und kreisfreien Städten in Nordrhein-Westfalen ist das der fünftniedrigste Wert. Am jüngsten sind die Mütter übrigens im Kreis Herne mit durchschnittlich 30 Jahren bei der Geburt eines Kindes, am ältesten in Düsseldorf mit 33,2 Jahren.

Frauen in Hamm werden vergleichsweise früh Mutter

Fietz glaubt, dass das vergleichsweise niedrige Alter in Hamm unter anderem an einer baptistischen Gemeinde liegt, in der die Frauen oftmals früh Mütter würden. Zudem leben in Hamm viele Familien mit Migrationshintergrund, in denen die Frauen ebenfalls früh Kinder bekommen.

Rolf Oliver Fietz ist Chefarzt in der Geburtshilfe des Evangelischen Krankenhauses.

„Aus medizinischer Sicht ist eine Schwangerschaft zwischen 20 und 30 Jahren ideal“, sagt Fietz. Er rät aber zu einem ganzheitlichen Blick auf die Lebensverhältnisse. „Kinderkriegen ist immer dann besonders gut, wenn’s halt passt, überlegt ist und man es auch mit seinen Lebensverhältnissen vereinbaren kann.“

Zahl der Kinder pro 1000 Frauen stagniert

Übrigens ist die Zahl der Neugeborenen gesunken: 2021 lag sie bei 1687, das sind 384 Babys weniger als 1996. Das liegt aber nicht daran, dass die einzelne Hammerin statisch gesehen weniger Kinder bekäme. Die Zahl der Babys pro 1000 Frauen zwischen 15 und 50 Jahren lag 1996 bei 48 und 2021 bei 46. Ursache für die niedrige Zahl an Babys ist einfach, dass 2021 deutlich weniger Frauen im gebärfähigen Alter in Hamm lebten als 1996.

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