VonGerald Busschließen
Die Stadtwerke Werl rechnen neu. Bei Gas geht’s erst runter, bei Strom bald rauf. Was Kunden jetzt tun sollten.
Werl – Mit der Politik im Bund ist es wie mit den Temperaturen im Winter: So richtig warm werden viele Kunden der Stadtwerke damit nicht (mehr). Während die Menschen die Regler runter drehen, um Energie zu sparen, dreht die Bundespolitik allerdings richtig am Rad – und wirft vieles, was vor Wochen als gesetzt galt, wieder über den Haufen. Das hat Folgen für die Energiekosten, die die Stadtwerke Werl für 2024 berechnen müssen. Positive Folgen, aber auch negative beim Gas und beim Strom. Vor allem ab April drohen Mehrkosten.
Die Lage beim Gas
Aber zunächst hat das Aussetzen der Mehrwertsteuererhöhung von 7 zurück auf 19 Prozent eine positive Auswirkung auf die 6 000 Gas-Kunden der Stadtwerke Werl: Denn das macht auf das Jahr gerechnet rund 200 Euro für den Durchschnittshaushalt aus, hat Stadtwerke-Geschäftsführer Robert Stams auf Anfrage unserer Zeitung errechnet. Die Steuer-Entscheidung sorgt dafür, dass der heimische Energieversorger den Gaspreis ab Januar nicht nur um 25, sondern gar um 35 Prozent senken kann. Allerdings: Der Verzicht auf die Steueranhebung gilt nur bis 31. März. Dann wird es mit größter Wahrscheinlichkeit wieder auf 19 Prozent gehen, da der Bund sparen muss. „Dann sind aber zumindest für diesen Winter die heizintensiven Monate vorbei, das rechnet sich“, sagt Stams. Es sei davon auszugehen, dass der Durchschnittshaushalt durch diese neue Entscheidung also rund 100 Euro von Januar bis März sparen kann.
Klar ist aber auch: Geht die am 1. Oktober 2022 gesenkte Mehrwertsteuer wieder rauf, werden die Stadtwerke das direkt an die Kunden weitergeben. „Das geht gar nicht anders, es würde sonst allein zu unseren Lasten gehen“, sagt Stams. „Sicher ist, dass das Nicht-Steigen der Steuer ein Ende haben wird, aber wir wissen nicht wann.“ Kommt es so im Frühjahr, dann werden die Stadtwerke ihre Kunden wohl zu einer zusätzlichen Zählerabrechnung auffordern – ein ungewöhnlicher Schritt mitten im Jahr. „Aber wir müssen das abgrenzen.“ Eine zusätzliche Abrechnung lässt eine scharfe Berechnung der tatsächlichen Kosten zu.
Was Kunden jetzt tun sollten
Turbulenzen bei den Gas- und Strompreisen – was sollten Kunden jetzt tun? Die Ablesungen der Gas-, Strom- und Wasserzähler für die Jahresverbrauchsabrechnung sollten „unbedingt“ bis 22. Dezember, „am besten über das Kundenportal“, angegeben werden, sagt der Stadtwerke-Chef. Die Höhe der Abschläge werde in der Jahresrechnung anhand des Verbrauchs automatisch neu berechnet. Daher empfiehlt Robert Stams: „Die Jahresrechnung ab Mitte Januar abwarten und jetzt keine Abschlagsanpassungen vornehmen“. Es bleibe dabei, „dass die günstigste Energie die ist, die nicht verbraucht wird“, dazu gebe es Tipps auf der Stadtwerke-Homepage. Stams macht Werbung in eigener Sache: den Stadtwerken treu zu bleiben, „da es zu keinen versteckten Preisanpassungsklauseln, dreimonatigen Preisgarantien, wegfallenden Wechsel-Boni, plötzlich steigenden Grundgebühren und unerwarteten Steigerungen der Kilowattpreise kommt.“ Die Preispolitik sei fair und transparent – und die erzeugte Wertschöpfung komme Werl zu Gute.
Die Lage beim Strom
Beim Strompreis droht hingegen ein unerwarteter Preisaufschlag von rund zehn Prozent für die Stadtwerke-Kunden. Aber auch dort bleibt die Frage: wann? Eigentlich, so Stams, habe die Ampel-Regierung die steigenden Netzentgelte für Stromkunden ab 2024 abfedern wollen. Für die Stabilisierung der Netzentgelte wollte der Bund 5,5 Milliarden Euro aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) ausgeben für die Übertragungsnetzbetreiber. Nun droht die Streichung. Fällt der Zuschuss, wie nun erwartet wird, weg, „dann müssen Kunden die höheren Netzentgelte alleine stemmen“. Für einen Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 3 500 Kilowattstunden bedeute das eine Mehrbelastung von etwa 140 Euro im Jahr. Denn die Stromkosten würden damit um rund 4 Cent pro Kilowattstunde steigen (brutto). Aber zunächst gebe es noch keine neuen Werte, daher senken die Stadtwerke Werl den Strompreis ab Januar um weitere rund fünf Prozent. „Aber wenn das neue Preisblatt kommt, dann wird es leider wieder teurer“, sagt Stams. „Denn wir können die Kunden nicht auf unsere Kappe nehmen und müssen sie durchreichen an die Kunden.“
Wärmepumpen-Pech
Heißt: Womöglich werden die Verwerfungen für den Musterhaushalt in etwa zum Nullsummenspiel. Rund 100 Euro Spareffekt beim Gas könnten rund 100 Euro Mehrkosten beim Strom – falls die Anhebung ab April kommt – entgegen stehen. Aber genaue Aussagen sind zurzeit nicht möglich. Und vor allem Wärmepumpen-Kunden seien „gekniffen“: Ohne Gas gibt es für sie keine Spareffekt, nur Mehrkosten beim Strom.
Die „Deckel“-Folgen
Dass der Bund die Energiepreisbremsen bei Gas (12 Cent pro Kilowattstunde) und Strom (40 Cent pro kWh) entgegen der Planung nun doch schon zum Jahreswechsel aufhebt, hat auf die Werler Stadtwerke-Kunden keine Auswirkungen. Denn bei beiden Energieformen liege der Energieversorger ab Januar bei allen Tarifen ohnehin unter den gedeckelten Preisen. „Ich finde es richtig, dass die Bremsen auslaufen“, sagt Stams, „weil sie als Sicherungsinstrument nicht mehr benötigt werden“. Im Vorjahr hatte der Bund damit die Bürger vor ausufernden Energiepreisen schützen wollen; das habe gegriffen, sagt der Stadtwerke-Chef. „Nicht richtig“ findet er hingegen die Wieder-Anhebung der Mehrwertsteuer beim Gas (beim Strom galt die Steuersenkung nicht). „Denn das trifft vor allem die Sozialschwachen.“
Grundsätzlich sieht Stams „alles in Frage gestellt“ durch die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, dass das Handeln der Berliner „Ampel“ beim Klima- und Transformationsfonds verfassungswidrig war – samt Auswirkungen auf den 200 Milliarden Euro schweren Wirtschaftsstabilisierungsfonds. Das verunsichere Kunden spürbar. „Wir bekommen vermehrt Anfragen, weil die Menschen durch die Politik im Bund verunsichert sind.“ Es fehle jede Verlässlichkeit – auch für sein Haus. Denn die Stadtwerke seien bei den Preisberechnungen für 2024 vor einigen Wochen von anderen Faktoren ausgegangen, als sie nun kommen. Das hinterlasse Fragen: Wie sieht es mit Förderungen bei Klima- und Wärmewendeaktivitäten aus? Werden Dämm-Aktionen noch unterstützt? Wie steht es um den Ausbau von Wärmenetzen? Stams sagt es diplomatisch: „Der Doppel-Wumms-Wegfall war nicht gerade eine vertrauensbildende Maßnahme für die Energiewende – er sorgt für hohe Planungsunsicherheit.“ Und noch deutlicher: „Mein Vertrauen in die Einhaltung der ambitionierten Zeitpläne, was die Energiewende angeht, ist aktuell nicht mehr vorhanden.“

