VonMaximilian Gangschließen
Deutschlands größter Stahlproduzent Thyssenkrupp wird seine Produktionskapazitäten in Duisburg reduzieren. Dies wird auch zu einem Stellenabbau führen.
Duisburg – Thyssenkrupp Steel, der größte Stahlproduzent Deutschlands, plant eine erhebliche Reduzierung seiner Produktionskapazitäten in Duisburg. Dies werde unweigerlich zu einem Stellenabbau führen, teilte das Unternehmen am Donnerstagabend (11. April) mit. Die genaue Anzahl der betroffenen Arbeitsplätze und der Zeitpunkt des Umbaus sind noch unklar.
Rund 27.000 Menschen sind in der Thyssenkrupp-Sparte beschäftigt, davon 13.000 in Duisburg. Eine Beschäftigungsgarantie gilt bis Ende März 2026. „Es ist das erklärte Ziel, betriebsbedingte Kündigungen auch weiterhin zu vermeiden“, heißt es in der Mitteilung. Es ist die zweite bittere Pille innerhalb weniger Wochen für den Wirtschaftsstandort NRW: Erst kürzlich hatte das Telekommunikationsunternehmen Vodafone umfangreiche Stellenstreichungen angekündigt.
Stellenabbau bei Thyssenkrupp in Duisburg – Reduzierung der Kapazitäten zur Stahlproduktion
Der Kern der Neustrukturierung wird eine Reduzierung der Produktionskapazitäten für eine Verkaufsmenge von 11,5 Millionen Tonnen auf 9 bis 9,5 Millionen Tonnen pro Jahr sein. Dies entspricht einem Rückgang von bis zu 22 Prozent. Zum Vergleich: Im Jahr 2023 produzierte die gesamte deutsche Stahlindustrie 30,6 Millionen Tonnen warmgewalzter Stahlerzeugnisse. Die angestrebte Menge von 9 bis 9,5 Millionen Tonnen entspricht dem Niveau der letzten drei Jahre, so das Unternehmen.
Die 11,5 Millionen Tonnen beinhalten auch die Kapazitäten, die von dem Duisburger Unternehmen Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM) für Thyssenkrupp produziert werden. Thyssenkrupp Steel hält 50 Prozent der Anteile an HKM, der Stahlkonzern Salzgitter 30 Prozent. Bei HKM sind knapp 3000 Menschen beschäftigt.
Die stark konjunkturabhängige Sparte steht seit Jahren im Fokus. Thyssenkrupp plant eine Verselbstständigung von Steel. Mit dem tschechischen Energieunternehmen EPH laufen seit längerem Gespräche über eine 50:50-Partnerschaft im Stahlgeschäft.
Umgestaltung und Stellenabbau bei Thyssenkrupp in Duisburg keine Überraschung
Die Neuaufstellung wurde bereits vor Wochen angekündigt. Ende Februar hatte der Aufsichtsratsvorsitzende von Steel, Sigmar Gabriel, in einem WAZ-Interview angegeben, dass der Sparten-Vorstand Vorschläge für eine Neustrukturierung erarbeiten will. Ein Stellenabbau könne nicht ausgeschlossen werden. Am Ende sollte ein zukunftsfähiges Stahlunternehmen stehen, „in dem auch noch die Kinder und Enkel der heutigen Stahlarbeiter einen Arbeitsplatz finden“. Gabriel betonte auch, dass Entscheidungen in Zusammenarbeit mit den Mitbestimmungsgremien getroffen werden sollten.
Stellenabbau bei Thyssen-Krupp: Betriebsrat fordert „Zukunft statt Kündigung“
Die Ankündigung vom Donnerstag löste bei den Beschäftigten und in der Politik trotzdem große Besorgnis aus. Tekin Nasikkol, der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats der Stahlsparte, sprach von einem harten Einschnitt. „Wir fordern Zukunft statt Kündigung“, sagte er. Der Bezirksleiter der IG Metall, Knut Giesler, erklärte: „Wir werden nicht akzeptieren, dass Zigtausende Menschen um ihren Job bangen müssen.“
Sorge bei der Politik wegen Stellenabbau bei Thyssenkrupp
Die NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) bezeichnete die Ankündigung als „eine enttäuschende Nachricht - für den Stahlstandort Deutschland und Nordrhein-Westfalen, in erster Linie aber für die vielen Beschäftigten“. Der Konzern stehe vor der großen Herausforderung, mit den Sozialpartnern faire Lösungen für die Betroffenen zu finden.
Felix Banaszak, der Duisburger Bundestagsabgeordnete der Grünen, sprach von einem „herben Schlag“. Die Nachricht sei jedoch nicht völlig überraschend, da am Standort seit einigen Jahren deutlich weniger Stahl produziert werde, als die Kapazitäten zulassen würden. „Die jetzt angekündigte Anpassung der Produktionskapazitäten kann auch eine Chance sein, den Standort nachhaltig und profitabel aufzustellen.“
Sarah Philipp, die Landesvorsitzende der SPD, bezeichnete die Pläne als „eine ganz bittere Pille für NRW und das Ruhrgebiet“. Thyssenkrupp sei so eng mit NRW verbunden wie der Rhein und die Ruhr. „Jeder Einschnitt bei Thyssenkrupp ist auch ein Einschnitt für den nordrhein-westfälischen Industriestandort.“
So begründet Thyssenkrupp den Stellenabbau in Duisburg
Das Unternehmen erklärte, dass „die vorgesehenen Maßnahmen zum Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit zwingend notwendig“ sind, um die Stahlproduktion am Standort Duisburg „in eine gesicherte Zukunft zu führen“. Damit würden hochwertige Arbeitsplätze langfristig gesichert und die Grundversorgung mit Stahl in Deutschland widerstandsfähig aufgestellt.
Mit der geplanten Neuaufstellung reagiert das Unternehmen auf die schwache Konjunktur, aber vor allem auf mittel- und langfristige strukturelle Veränderungen auf dem europäischen Stahlmarkt und in entscheidenden Märkten. Dazu gehören hohe Energiekosten und ein steigender Importdruck, vor allem aus Asien.
Trotz Umgestaltung: Thyssenkrupp will an klimaneutraler Stahlerzeugung festhalten
Das Unternehmen betonte, dass es an dem Umbau der Produktion in Richtung klimaneutraler Stahlerzeugung festhalten werde. „Der Bau der ersten Direktreduktionsanlage am Standort Duisburg wird weiter wie geplant umgesetzt, mit Unterstützung durch die dafür von Bund und Land freigegebenen Fördermittel.“ Auch das Ziel, bis spätestens 2045 klimaneutral zu produzieren, bleibe bestehen.
Die Anlage wird einen Hochofen ersetzen. Sie soll 2027 in Betrieb genommen werden und später mit umweltfreundlich produziertem Wasserstoff betrieben werden. Bund und NRW fördern das Projekt mit zwei Milliarden Euro.
Wirtschaftsminister Habeck kündigt Unterstützung für Thyssenkrupp an
Eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministers Robert Habeck (Grüne) sagte, das Ministerium bedauere die unternehmerische Entscheidung. Diese sei insbesondere vor dem Hintergrund des globalen Wettbewerbs und eines Überangebots getroffen worden. Sie betonte, dass der Bund Thyssenkrupp maßgeblich unterstütze, die Umstellung auf grünen Stahl voranzutreiben. Auch andere Stahlproduzenten in Deutschland lasse der Bund nicht allein.
Christian Obst, Analyst der Baader Bank, sieht eine Reduzierung der Kapazität als sinnvoll an. Es gebe jedoch viele offene Fragen, wie den Zeitplan oder die Kosten. Auch die Hauptfrage, ob das Stahlgeschäft Teil von Thyssenkrupp bleiben werde, sei weiterhin offen.
Für den 30. April ist eine Belegschaftsversammlung aller Standorte in Duisburg geplant. Sie soll im Stadion des MSV Duisburg stattfinden. Der Betriebsrat erwartet dazu laut Nasikkol einen Großteil der 27.000 Beschäftigten. „Wir werden unseren Forderungen Nachdruck verleihen.“ (mg, mit dpa)
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