VonMarvin K. Hoffmannschließen
Ein Alkoholiker aus NRW hat täglich 40 Jahre lang Alkohol getrunken. Nun kämpft er gegen seine Sucht. Silvester und Weihnachten stellen ihn vor eine Herausforderung.
Hamm – „Dieser Dämon schläft nie, und man ist erst geheilt, wenn man unter der Erde liegt – dann kann man wirklich sagen, dass man nicht mehr rückfällig wird“, sagt Werner in einem offenen Gespräch mit wa.de über seine massive Alkoholsucht und deren Folgen. Werner heißt eigentlich anders. Seinen Namen haben wir geändert, damit er nicht noch mehr Schaden davonträgt. 40 Jahre hat der heute 56-Jährige aus NRW nach eigenen Aussagen „massiv getrunken“. Die Gefahr, rückfällig zu werden, ist allgegenwärtig. Gerade jetzt.
Vielen Menschen sterben in Deutschland an den Folgen von Alkohol
So wie Werner geht es 7,9 Millionen Menschen der 18- bis 64-jährigen Bevölkerung in Deutschland. Das ist die ungeheure Anzahl derer, die laut Bundesgesundheitsministerium „Alkohol in gesundheitlich riskanter Form“ konsumieren. Allein im Jahr 2016 starben demnach 19.000 Frauen und 43.000 Männer an einer ausschließlich auf Alkohol zurückzuführenden Todesursache. Auch Werner wäre fast am Alkohol gestorben.
Früh fing er an, spät hörte er auf. Offenbar aber gerade noch rechtzeitig. „Viele haben mich ins Gebet genommen, aber nur eine Freundin hat mich auch erreicht. Da wusste ich: Ich muss aufhören mit dem Scheiß. Über die ambulante Reha bin ich bei der Caritas in Hamm gelandet. Seit dem 12. April 2022 bin ich trocken, wie man so schön sagt“, erzählt der 56-Jährige. 40 Jahre lang pflasterten Korken seinen Weg.
Erste Erfahrung mit Alkohol im Alter von fünf Jahren
„Es ging schon in Kindheitstagen los“, erinnert er sich. Der Vater, Elektriker, habe oft und viel mit den Kollegen getrunken. „Wie es in den 60ern und 70ern eben Usus war“, sagt Werner. Entsprechend sei das Familienoberhaupt dann auch immer nach Hause gekommen – oder besser: gewankt. „Das war nicht tragisch, er war nie ausfällig oder gewalttätig. Er war auch nicht so von der Rolle, dass er nichts mehr auf die Reihe bekommen hatte. Aber es war eben normal, dass er betrunken war“, sagt der Sohn, der Jahre später in die Abhängigkeit rutschen sollte. „Auch wenn Besuch kam oder bei Familienfeiern – es gab immer Schnaps und Bier“, sagt Werner – und beschreibt damit ein Problem, das noch heute existiert.
Berthold Schöpe arbeitet bei der Suchtberatung der Caritas in Hamm, wo es zudem seit über 50 Jahren eine Suchthilfe gibt. Er würde sich einen verantwortungsvolleren Umgang mit Alkohol, um den sich viele Mythen ranken, wünschen. „Es ist ein Thema“, sagt er im Gespräch mit wa.de, „für das wenig Menschen für sensibilisiert sind.“ Es gehe ihm nicht darum, den Alkohol zu verteufeln, „sondern zu sagen, dass da eine potenzielle Gefahr drinsteckt“. Schöpe wird deutlich: „Alkohol ist ein Gift, das wir unserem Körper zufügen.“ Doch das ist viel zu wenigen Menschen bewusst.
„Unkritisch positive Einstellung zum Alkohol“ in der Gesellschaft
„In der Gesellschaft herrscht eine weit verbreitete, unkritisch positive Einstellung zum Alkohol vor“, stellt das Bundesgesundheitsministerium nüchtern fest. Durchschnittlich werden pro Kopf der Bevölkerung jährlich rund zehn Liter reinen Alkohols konsumiert. Gegenüber den Vorjahren sei eine leicht rückläufige Tendenz zu registrieren. „Dennoch liegt Deutschland im internationalen Vergleich unverändert im oberen Drittel“, heißt es. Gerade rund um Weihnachten und Silvester steigt der Konsum. Viele können sich gar nicht erst dagegen wehren.
Das weiß auch Suchtberater Schöpe. „Zum Weihnachtsfest und besonders zum Jahreswechsel ist der Druck besonders groß, weil Alkohol einfach dazugehört und man das Gefühl hat, man muss in einer Gesellschaft trinken“, sagt er und lädt zu einem Gedankenexperiment ein: „Man muss sich nur mal überlegen: Bei welcher Feier gibt es keinen Alkohol? Das fängt schon bei der Erstkommunion an. Da merkt man erstmal, wie sich das Verhalten in einem gefestigt hat.“
Auch Werner ist einst eine Feier zum Verhängnis geworden. „Meine erste Erfahrung mit Alkohol habe ich im Alter von fünf Jahren gemacht. Dann war aber eigentlich Ruhe, bis ich 16 Jahre alt war“, erzählt er. Ab diesem Zeitpunkt kannte er nur noch eine Richtung: immer rein.
Erster Rausch mit 16 Jahren: „Habe mich volles Rohr abgeschossen“
„Da war ich auf einer Feier“, erinnert er sich. Er hätte es sich gar nicht vorgenommen, aber es gab Bier. „Und dann habe ich mich volles Rohr abgeschossen“, sagt er. Es folgte der Filmriss, aber kein Kater. „Den hatte ich eigentlich nie“, sagt Werner. Kein Wunder, den Pegel hielt er fortan konstant. 40 Jahre lang. In seiner Erinnerung habe es sich „cool“ angefühlt. „Wärme, Nähe und Zuneigung hatte ich nur im Rausch. Ab da war ich jeden Tag betrunken, bis ins 55. Lebensalter“, sagt er.
Berthold Schöpe von der Caritas-Suchtberatung in Hamm sagt: „Es ist immer besser, auf den Alkohol zu verzichten – egal in welcher Situation.“ Aber Werner konnte das nicht mehr. Nur kurz setzte er mal aus. „In den 1980ern habe ich mal vier Wochen nichts getrunken wegen einer Wette, die habe ich sogar gewonnen. 2008 war ich außerdem im Außendienst in Saudi-Arabien für drei Wochen – da musste ich ja zwangsläufig pausieren aufgrund der dort geltenden Gesetze. Das war eine interessante Erfahrung, aber direkt auf dem Rückflug habe ich wieder angefangen und die drei abstinenten Wochen zu Hause doppelt und dreifach nachgeholt“, meint er. Der Ablauf: nahezu immer gleich.
Wenn der Suchtdruck kommt
„Ich vergleiche es gerne mit Szenen aus dem Film ‚Der Exorzist‘. Sie sind regelrecht besessen vom Alkohol und kämpfen dagegen an“, beschreibt Werner den Druck, den die Sucht ausübt.
Verschiedene Dinge können diese „Dämonen“ hervorrufen. „Manche werden durch alkoholfreies Bier getriggert, weil der Geschmack da ist. Das ist bei mir nicht der Fall“, sagt er. Wieder andere werden vom Grillgeruch im Sommer getriggert. „Eine Frau, die ich kenne, musste ihren Schrebergarten abgeben, weil sie das im Sommer nicht ausgehalten hat. Das assoziiert sie sofort mit Biertrinken“, sagt Werner, der eher Probleme damit hat, alleine zu sein.
„Aus solchen Situationen muss ich mich sofort herausziehen“, sagte er. Meistens setze er sich auf sein Motorrad oder fahre mit dem Auto durch die Gegend, nach 20 bis 30 Minuten sei es dann wieder gegessen. Das gelingt nicht jedem: Bei circa 40 bis 60 Prozent der Patienten kommt nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung innerhalb von ein bis zwei Jahren zu einem Rückfall.
Alkoholiker wollte weniger trinken, es gelang ihm aber nicht
Anfang der 2000er habe er gemerkt, dass es immer mehr wird. „Ich wollte aber nicht aufhören, sondern nur reduzierter trinken. Das habe ich über Jahre und Jahrzehnte versucht, klappte nicht“, sagt der. Die Eskalation vollzog sich jedes Mal – bis zum totalen Absturz. Bruchlandungen hat er in der Zeit viele hingelegt.
„Man wird morgens wach – Filmriss. Keine Ahnung also und die Frage: Habe ich irgendetwas gemacht?“, erklärt Werner. Eine vernebelte Erinnerung, ein Fetzen bloß im Flickenteppich der zerstörten Gedanken, ist vielleicht da: Hat mir der Kollege gestern nicht so eine blöde Mail auf der Arbeit geschrieben? Gut, dass ich nicht geantwortet habe. Oder habe ich es doch getan? Rechner hochgefahren: Scheiße, du hast geantwortet. „Das waren einfach Peinlichkeiten, die ich mir geleistet habe, auch über WhatsApp. Das war oft schon wirklich ziemlich übel“, sagt Werner, der die meiste Zeit alleine trank.
Alkohol – die ganze Nacht und jeden Tag
„Abends habe ich mich ab 21 Uhr in meine Dachstube gesetzt und mir einen Wein aufgemacht“, erzählt er. Bis ungefähr Mitternacht habe er getrunken, dann war er „voll“ und ist eingeschlafen. „Gegen drei oder vier Uhr wurde ich meistens wieder wach und habe weitergesoffen. Morgens hatte ich entsprechend Restalkohol, der sich über den Tag teilweise abgebaut hat, bis ich wieder nachgelegt habe – und alles von vorne begann“, sagt Werner, der ein Studium abschloss und einer Arbeit nachgeht.
Funktioniert habe er über den Tag – aber auch nur, weil er genügend Alkohol im Blut hatte. Dafür hatte er schließlich jede Nacht gesorgt.
Gefährliche Alkoholsucht: zwei bis drei Liter Wein, eine Flasche Schnaps
Anfangs reichte noch Bier. Dann wurde es immer mehr. „Davon musste ich aber irgendwann nur noch zur Toilette, weil ich ja so viel getrunken habe. Also bin ich auf Wein umgestiegen. Allerdings habe ich irgendwann die gleiche Menge Wein wie anfangs Bier getrunken“, sagt er. Der Konsum in seinen „schlimmsten Tagen“: zwei bis drei Liter Wein und eine Flasche Schnaps – pro Tag bzw. Nacht. Das hatte nicht nur soziale Folgen, auch wenn die am schlimmsten waren.
„Im Oktober 2020 hat sich schließlich meine Frau von mir getrennt, und meine damals neun Jahre alte Tochter wollte nicht mehr ‚Papa‘ zu mir sagen. Das hat mich sehr getroffen“, erzählt Werner, der mittlerweile in Werl lebt. Die Flucht aus seinem alten Umfeld, verbunden mit der Kehrtwende, hat ihm womöglich das Leben gerettet.
Leberzirrhose durch jahrelangen Alkoholmissbrauch
Durch den jahrzehntelangen Alkoholmissbrauch hatte Werner mit einer starken Leberzirrhose zu kämpfen. Das lebenswichtige Organ konnte Giftstoffe nicht mehr abbauen. „Gemerkt habe ich es erst, als ich auf der Treppe zusammengebrochen bin“, meint er. Ärzte hätten ihm dann gesagt, dass er zwei Optionen habe: weitersaufen und verrecken – oder aufhören und weiterleben. Werner entschied sich für letztere.
Nun aber stehen schwierige Tage an. Weihnachtszeit und Jahreswechsel sind eine Herausforderung für suchtkranke Menschen. Alkohol ist gesellschaftsfähig, gehört eben bei vielen Feiern einfach dazu. Egal ob mit der Familie, den Freunden oder den Arbeitskollegen. „Hinzukommt zu Weihnachten die emotionale Seite, beispielsweise bei Menschen, die alleine sind oder bei denen Dinge im Leben nicht so gut laufen“, ergänzt Suchtberater Schöpe. Hilfe finden Betroffene zum Beispiel hier:
- Das Infotelefon der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zur Suchtvorbeugung erreichen Sie unter der Rufnummer: (0221) 892031
- Sprechen Sie mit Ihrem Hausarzt, suchen Sie sich professionelle Hilfe
- Die anonyme Sucht- und Drogen-Hotline erreichen Sie unter (01806) 313 031
Alkoholkranke sollen sich Strategien für die Weihnachtstage überlegen
Betroffene sollten sich dann „Strategien“ zulegen. „Wie kann man damit umgehen? Ist es besser, von der Weihnachtsfeier fernzubleiben? Kann man sich Verbündete schaffen? Ganz unterschiedliche Dinge. Bei jedem individuell, wie er oder sie mit diesem – aus Sicht eines Suchtkranken – belasteten Fest umgeht“, rät Schöpe. Auch Werner hat solche Strategien.
„Ich habe kein Geheimnis aus meiner Sucht gemacht“, sagt er. Auch sein Chef habe Bescheid gewusst, die Resonanz sei überwiegend positiv gewesen. „Von vielen wird es als Krankheit wahrgenommen, und keiner würde auf die Idee kommen, mir etwas anzubieten“, sagt Werner. Mittlerweile sei er sogar wieder häufiger auf Partys. „Da trinke ich dann mein Wässerchen, meinen Kaffee oder meine Apfelschorle. Wenn ich jetzt sehe, dass alle voll wie Haubitzen sind, dann kann ich noch fahren – da wird mir klar, welche Vorteile ich habe, wenn ich nüchtern bleibe.“
Die Sucht ist immer da: „Mein erster Weihnachtsmarkt ohne Glühwein“
Letztens habe er sogar gemeinsam mit seiner Tochter einen Weihnachtsmarkt besucht. „Das war erst komisch – es war schließlich mein erster Weihnachtsmarkt ohne Glühwein. Aber das war dann auch in Ordnung, und ich hatte kein Verlangen“, sagt Werner. Seit er trocken ist, hat sich das Verhältnis entspannt. Vater und Tochter haben wieder zueinandergefunden. Er möchte, dass das so bleibt. Die kommenden Tage und Wochen muss er daher irgendwie überstehen, ohne rückfällig zu werden.
„Das ist jetzt eine gefährliche Zeit. Ich habe im Prinzip keine Familie mehr, außer meine Tochter“, sagt Werner. „Dröge Tage“ seien es rund um Weihnachten. „Ich bin oft alleine, auf der Arbeit gibt es wenig zu tun. Daher muss ich mir schon im Vorfeld einen Plan zurechtlegen. Wenn ich nur zu Hause herumsitze, würde ich wahnsinnig werden“, sagt er. Dann ist die Gefahr am größten, dass der Suchtdruck kommen könnte. „Ich fliege zum Beispiel mit einer Begleitung in den Urlaub – das lenkt mich gut ab“, sagt Werner.
Sein Dämon, er schläft eben nie. „Ich weiß nicht, was passiert, wenn ich einen Schluck Alkohol trinke – ich habe mich lange damit beschäftigt, aber jetzt ist diese Frage nicht mehr relevant. Ich wäre fast übelst verreckt an diesem Zeug. Ich will es einfach nicht mehr in meinem Körper haben“, sagt Werner. Auch nicht an Weihnachten oder Silvester.
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