Zig Tiere werden abgegeben – oder sogar ausgesetzt

Volle Tierheime, leere Praxen? Höhere Tierarztkosten haben dramatische Folgen im HSK

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Übrigens: Das ist Hunter. Der dreijährige Deutsch Kurzhaar-Labrador Mischling wartet bereits seit Weihnachten 2021 im Tierheim Brilon auf ein neues Zuhause. Für Hunter werden Hunde-Kenner gesucht, denn er ist ausdrücklich kein Vierbeiner für Anfänger – so schön er auch ist. Sein neues Heim sollte ländlich gelegen sein, um ihm einen ruhigen Rahmen bieten zu können. Ideal wäre zum Beispiel ein Hof. Also: Wer fühlt sich angesprochen?
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Die Tierheime im HSK kämpfen mit einer Flut an Abgaben. Viele Tierbesitzer können sich die Arztkosten für ihren Vierbeiner nicht mehr leisten. Teilweise werden die Tiere sogar einfach eiskalt ausgesetzt.

Hochsauerland – Die Situation im vergangenen Herbst war alles andere als erfreulich: Inflation, Energiekrise, die Angst vor einem kalten Winter. Tierhalter traf es doppelt und dreifach, denn am 22. November trat die neue Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) in Kraft. Die Bundestierärztekammer hatte darin die Kosten für die Behandlungen erhöht. Das stieß auf scharfe Kritik. Insbesondere Tierheime befürchteten, dass immer mehr Tiere abgegeben oder – im schlimmsten Fall – sogar ausgesetzt werden könnten.

Wie ist die Lage mehr als ein halbes Jahr später? Wir haben nachgefragt.

Tierärztin berichtet von „sehr angespannten Kunden“

Tierärztin Kristin Kloppsteck aus Arnsberg-Hüsten berichtet von „sehr angespannten Kunden“. Zwar hätten sich die Tierhalter nicht explizit über bestimmte Rechnungen beschwert, dennoch herrschte besonders im Vorfeld eine „große Aufregung“. „Für uns Tierärzte ist es natürlich eine Erleichterung, weil die Kosten für uns auch immer mehr wurden. Und wenn ich ganz ehrlich bin: Die Halter gewöhnen sich daran.“

Dass Besitzer nötige Behandlungen herauszögern oder mit ihrem Vierbeiner gar nicht mehr zum Tierarzt gehen, habe Kloppsteck bei ihren Kunden noch nicht festgestellt. Im Gegenteil: Es werden immer mehr Tiere. „Bei uns platzt es eigentlich aus allen Nähten“, präzisiert die Tierärztin, ist sich aber auch bewusst, dass dies sicherlich nicht der Regelfall ist. „Es gibt leider viel zu viele Leute, die eine Behandlung nicht bezahlen können.“

Wir haben tagtäglich mehrere Anfragen – sei es für Hunde, Katzen oder Kleintiere. Viele Menschen sagen ganz offen, dass sie sich den Tierarztbesuch nicht mehr leisten können.

Carolin Meerpohl

Diese Entwicklung bestätigen auch die Tierheime in der Region. Die Folge: Hund, Katze und Co. landen im Heim. „Wir haben tagtäglich mehrere Anfragen – sei es für Hunde, Katzen oder Kleintiere. Viele Menschen sagen ganz offen, dass sie sich den Tierarztbesuch nicht mehr leisten können“, erzählt Carolin Meerpohl, Leiterin des Briloner Tierheims. Besonders ältere Menschen hätten Angst, dass sie mit ihrer kleinen Rente nicht klar kämen. „Sie entscheiden im Grunde dem Tier zugute, weil sie wollen, dass es ihm an nichts fehlt. Auch wenn es ihnen das Herz bricht, geben sie ihre Fellnase lieber ab – denn sie wissen, dass sie ihr nicht mehr gerecht werden können, wenn sie zum Arzt muss.“

„Tiere können sich nicht whren“

Für diese Tierbesitzer habe Carolin Meerpohl Verständnis, nicht hingegen für diejenigen, die ihr Tier einfach – eiskalt – aussetzen. Erst vor einigen Wochen wurde ein Kaninchen gefunden. Mutterseelenallein harrte es auf einem Parkplatz aus. Es war verletzt und hatte chronischen Schnupfen. Dem Tierheim-Team sei sofort klar gewesen, dass das Kaninchen ausgesetzt wurde – weil wahrscheinlich Tierarztkosten auf die Halter zugekommen wären. „Das ist immer sehr traurig, schließlich können sich die Tiere nicht wehren. In solchen Momenten frage ich mich, warum wir nicht angesprochen werden. Auch wenn wir das Tier aufgrund fehlender Kapazitäten nicht aufnehmen können, versuchen wir immer zu helfen. Wir lassen niemandem im Regen stehen.“

Das Team bietet beispielsweise auf der Webseite des Tierheims „Fremdvermittlungen“ an. So bleibt den Vierbeinern oft der Weg ins Tierheim erspart und sie finden ein schönes Zuhause.

Auch das Tierheim in Meschede hilft, wo es kann. Leiterin Franziska Emde weist allerdings darauf hin, dass die stark gestiegenen Kosten nicht nur den Besitzern zu schaffen machen, sondern eben auch dem Tierheim selbst. „ktuell ist Kitten-Saison. Das heißt, dass streunende Katzen Jungtiere bekommen. Immer wieder werden diese ohne ihre Mutter aufgefunden. Wir nehmen sie mit nach Hause, füttern sie mit dem Fläschchen und ziehen sie groß“, erklärt Emde. Wenn die Samtpfoten älter werden, müssen sie geimpft, gechipt und kastriert werden. „Das ist jedes Jahr im Sommer ein riesiger Kostenberg – und der ist jetzt mit den erhöhten Tierarztkosten nochmal saftiger.“

Sommerferien sind „traurige Hochsaison“

Dass die Sommerferien aktuell in vollem Gange sind, macht es nicht unbedingt besser. Denn: Die von vielen heiß ersehnten Ferien sind zugleich „traurige Hochsaison“ für die Tierheime. Während der Ferien verlieren besonders viele Vierbeiner Jahr für Jahr ihr Zuhause. Plötzlich wird der einst so geliebte Hund oder das süße Kaninchen zur Last und die Tiere müssen weg. Davon können Carolin Meerpohl und Franziska Emde ein Lied singen. Sie sind sich einig: „Wir müssen abwarten, was auf uns zu kommt. Es gibt Jahre, in denen kein einziges Tier ausgesetzt wird, es gibt aber auch Jahre, in denen es sich häuft. Das können wir vorher nicht einschätzen.“

Wer sich für das Aussetzen oder Zurücklassen seines Tieres entscheidet, kann wortwörtlich teuer dafür bezahlen: Das Aussetzen von Haustieren ist eine Ordnungswidrigkeit. Erleidet das Tier dadurch großen Schmerz, ist darüber hinaus der Tatbestand der Tierquälerei als Straftat erfüllt. Die Höhe der Strafe hängt vom Einzelfall ab. Geldbußen bis 25.000 Euro sind möglich, bei Tierquälerei kann sogar eine Haftstrafe drohen.

Doch so weit muss es gar nicht erst kommen, betonen die Tierheim-Leiterinnen. Es sei wichtig, im Voraus zu planen. Schließlich müsse die Anschaffung eines Haustieres gut durchdacht sein. „Es gibt einiges zu beachten – unter anderem sollten sich zukünftige Besitzer eben fragen, ob für die Verpflegung des Tieres während des Urlaubs gesorgt ist. Eine Unterbringungsmöglichkeit kann eine Pension sein. Viele Tierheime bieten solche Betreuungen an“, wissen Emde und Meerpohl. Zudem gebe es im gesamtem Sauerland Tierpensionen mit ausgebildetem Personal. „Und wenn sich jeder zukünftige Tierbesitzer vorher genügend Gedanken machen würde, wären die Tierheime nicht so voll und wir hätten viel weniger Leid.“

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