Mehr Fundtiere

Emotionale Erpressung bei Anrufen im Tierheim – „Sonst werde ich das Tier anders los“

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Die Tierheime in NRW kämpfen mit überfüllten Häusern. Immer mehr Fundtiere ziehen in die Tierheime, viele Anfragen gehen ein. Steckt die Ferienzeit dahinter?

Hamm – Die Tierheime in NRW sind am Limit. Die Ferienzeit ist im vollen Gange – und das macht sich auch in den Tierheimen bemerkbar. Die Mitarbeiter klagen über überfüllte Häuser, viele Fundtiere und unzählige Besitzer, die ihre Tiere abgeben möchten. Tierheime können die Situation kaum noch stemmen.

Tierheime in NRW vor dem Kollaps – Ferienzeit sorgt für überfüllte Häuser

„Bei uns sieht das nicht anders aus“, erklärt Jutta Scharper, Mitarbeiterin im Tierheim Bielefeld, auf Nachfrage von wa.de. Es herrsche ein gewaltiger Andrang dort. Besonders das Katzenhaus sei extrem überfüllt. Scharper erklärt, dass derzeit alleine 90 Kitten im Bielefelder Tierheim sowie in Pflegestellen untergebracht sind.

Viele Katzen und Kitten seien Fundtiere und wurden gerettet. So wie auch kürzlich die acht Wochen alten Kitten, die in einem Katzenklo in Lippstadt ausgesetzt wurden. Doch auch das Hundehaus sei dicht. Das Problem dabei: Das Personal könne aufgrund fehlender finanzieller Mittel nicht aufgestockt werden.

Ähnlich sieht es im Tierheim Paderborn aus. Gabi Votsmeier, erste Vorsitzende des Tierheims, schildert ebenfalls ein überfülltes Haus. „Man muss jeden Tag überlegen, wo man das Fundtier hinsetzt“, so Votsmeier. Im Tierheim Münster sei das Haus nicht bis an die oberste Grenze ausgefüllt, Mitarbeiterin Doris Hoffe spricht jedoch von einer „sehr guten Belastung“.

Tierheime in NRW vor dem Kollaps – viele Tiere werden vor den Ferien abgegeben

Doch was steckt hinter dieser hohen Auslastung? Scharper aus Bielefeld hat eine Vermutung. „Zum einen mutmaßen wir, dass die gestiegenen Tierarztkosten damit zusammenhängen. Viele Menschen können oder wollen das nicht mehr bezahlen und geben ihre Tiere ab“, so Scharper. Und dass besonders viele Tiere kurz vor den Ferien abgegeben werden, könnte auch kein Zufall sein.

Emotionale Erpressung für Besitzer kein Tabu – „sonst werde man das Tier anders los“

„Wir kriegen derzeit mehrfache Anrufe wegen Abgaben, darunter sind auch welche, die ganz klar sagen, dass sie in zwei Wochen in den Urlaub fahren und das Tier nicht mehr brauchen“, erklärt die Tierheim-Mitarbeiterin. Mitunter sei auch emotionale Erpressung dabei. Scharper berichtet von Anrufen, in denen gedroht werde, „dass man das Tier sonst anders los werde.“

Auch Votsmeier aus Paderborn bemerkt eine ähnliche Entwicklung. „Es ist ganz klischeehaft zur Ferienzeit extremer geworden“, sagt sie im Gespräch. Grundsätzlich sei aber die Entwicklung festgestellt worden, dass über die Jahre insgesamt mehr Tiere gefunden oder abgegeben wurden. Das bestätigt auch Hoffe aus Paderborn – sowohl die Zahl der Hunde und Katzen als auch die der Kleintiere in Tierheimen sei gestiegen.

Tiere, die abgegeben werden möchten, können laut Scharper in Bielefeld nicht mehr aufgenommen werden. Jedoch habe das Tierheim einen Fundtiervertrag mit der Stadt, der verpflichtet, dass Fundtiere aufgenommen werden. „Viele Tierheime sind so zu, dass abgegebene Tiere nicht angenommen werden“, so Scharper. In Paderborn werden ebenfalls Abgaben verneint, das Tierheim bietet jedoch Vermittlungshilfen in einigen Fällen an – zum Beispiel in Form von Postings auf der Website.

Rubriklistenbild: © Uwe Anspach/dpa

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