Landwirte erklären Maßnahme

Gelbe Felder, tote Pflanzen: Einsatz von Pflanzengift „Glyphosat“ sorgt für wütenden Bürgerprotest

  • schließen

Werler Landwirte ernten statt der Früchte auf den Feldern viel Kritik: Gelbe Ackerflächen rund um die Stadt und in den Dörfern zeugen vom Einsatz des Pflanzenschutzmittels Glyphosat.

Werl – Werler Landwirte ernten statt der Früchte auf den Feldern viel Kritik: Gelbe Ackerflächen rund um die Stadt und in den Dörfern zeugen vom Einsatz des Pflanzenschutzmittels Glyphosat. Beim Spaziergang bei Ostuffeln sei ihnen die Freude über das schöne Wetter schnell vergangen, schildern Karin und Michael Schilling. „Sämtliche Felder, an denen wir vorbeikamen, wurden ausgiebig mit Herbiziden gespritzt.“

Dort sei offenbar nach dem Motto „erst säen und wachsen lassen, dann flächendeckend kaputt spritzen und schließlich unterpflügen“ verfahren worden.

Diese und weitere Felder bei Ostuffeln fielen Karin und Michael Schilling unangenehm auf.

Vielen Dank an die Bauern fürs alljährliche Vergiften unseres Grundwassers.

Karin und Michael Schilling, Bürger aus Werl

Die Werler sind damit nicht einverstanden – und schicken sprichwörtlich giftige Grüße an die Landwirtschaft: „Vielen Dank an die Bauern fürs alljährliche Vergiften unseres Grundwassers.“

Auch Alfons Nabers sind die gelben Felder mit abgestorbenen Pflanzen, die er mit Fotos dokumentiert hat, ein Dorn im Auge. Sein Eindruck: „Rund um Werl ist eine große Anzahl von diesen ‘totgespritzten’ Feldern zu sehen, im Sauerland nur vereinzelt. Hin und wieder kämpfen grüne Inseln auf den Flächen ums Überleben.“

Offenbar mit Glyphosat behandelt: Dieses Feld hat Alfons Nabers fotografiert.

Seine Frage, was gerade in der Landwirtschaft passiere, könne ihm keiner beantworten. Den Ortslandwirt habe er nicht erreichen können. „Auch der Kreislandwirtschaftssprecher hat dieses Phänomen wohlweislich nicht erklärt“. Nabers fragt sich, ob kurz vor Ablauf „das höchst umstrittene Breitbandherbizid Roundup mit dem für Mensch, Umwelt und Insektenwelt enthaltenen Wirkstoff Glyphosat angewendet/entsorgt“ worden sei – und ob alternative Möglichkeiten wie Untersaaten geprüft worden seien. „Oder musste wieder mal die schlechte Witterung herhalten?“

Glyphosat auf Feldern: Landwirte-Sprecher bestätigt den Einsatz

Tatsächlich handelt es sich bei den gelben Feldern um solche, die mit Glyphosat behandelt worden sind, bestätigt Ortslandwirt Stephan Eckey auf Anfrage. Es handele sich um Flächen, die mit Leguminosen (Erbsen/Bohnen), Rüben und Mais als typische Kulturen für das Frühjahr neu bepflanzt werden sollen, auf denen über den Winter aber „Zwischenfrüchte“ standen. Die sollen mit dem chemischen Mittel beseitigt werden, um das Feld freizumachen.

Alle Nachrichten aus Werl per E-Mail. Abonnieren Sie kostenlos unseren Newsletter.

Glyphosat auf Feldern: Warum man den Einsatz des Herbizids jetzt sieht

Dass man in diesem Jahr den Einsatz des Herbizids besonders wahrnimmt, hängt mit der anhaltenden Nässe zusammen. Auch in den Vorjahren sei Glyphosat eingesetzt worden, normalerweise werden die damit zum Absterben behandelten Pflanzen aber innerhalb einer Woche untergegrubbert, „dann nimmt man sie nicht mehr wahr“, sagt Eckey. Aber Bodenarbeiten sei zurzeit kaum möglich. Der Boden sei zu nass.

Glyphosat auf Feldern: Die Zwischenfrüchte müssen weg

Die Zwischenfrüchte auf den Feldern seien verpflichtend, wenn nicht Getreide oder Raps angebaut worden ist. „Der Acker soll über den Winter begrünt sein“, erklärt der Ortslandwirt. Denn Zwischenfruchtmischungen binden Nährstoffe wie Stickstoff wie ein Speicher, die der nachfolgenden Frucht dienen – quasi als natürlicher Dünger. Zudem bieten Blühmischungen Lebensraum für Insekten über die Wintermonate. Und nicht zuletzt werde CO2 gebunden, wenn auf dem Feld etwas wächst.

Aber für die Bestellung der Felder im Frühjahr muss die Zwischenfrucht entfernt werden. Dazu gebe es drei Möglichkeiten:

  • Das Pflügen bis in 30 Zentimeter Tiefe, das die Zwischenfrucht untergräbt. Aber der Einsatz des Pflugs sei kraftstoffintensiv, da viel Erde bewegt werden müsse, zerstöre die Bodenstruktur und sorge für starke Ausgasungen von gebundenem CO2 aus dem Boden – was für den Klimaschutz kontraproduktiv sei.
  • Mehrfaches Grubbern oder Scheibeneggen, um die Pflanzen kaputt zu ackern; aber auch das sei Kraftstoff- und auch arbeitsintensiv, da der Acker häufig befahren werden müsse. In feuchten Jahren wie diesem hätte das mehrfach gemacht werden müssen, da die Pflanzen wegen der Feuchtigkeit immer wieder angewachsen wären. In trockeneren Zeiten sei die Methode nach ein- bis zweimaligem Beackern wirksam.
  • Der Einsatz von Glyphosat, der alle Pflanzen auf dem Acker chemisch abtötet, um sie dann flach untergraben und die neue Frucht anbauen zu können. Der Wirkstoff unterbindet ungewollte Konkurrenz für die ausgesäte Frucht. Daher sei „Pflanzenschutz“ durchaus der richtige Begriff.

Die Sorge, dass die Chemie in die Lebensmittel gerät, sei unbegründet, versichert Eckey. „Denn die damit behandelte Pflanze kommt nicht in den Lebensmittelkreislauf.“ Eine weitere Gefahr sei reduziert: „Hinsichtlich der Versickerung in das Grundwasser wird das Risikopotenzial für Glyphosat als gering eingestuft“, zitiert Eckey das Bayrische Landesamt für Landwirtschaft.

Glyphosat auf Feldern: Verbot ab 2024 - oder doch nicht?

Grundsätzlich sei der Einsatz des Pflanzenschutzmittels „vollkommen legal“ – wenn auch in Deutschland nur noch in diesem Jahr. Ab 2024 ist es nicht mehr zulässig. Ob es dennoch darüber hinaus noch auf deutsche Felder darf, sei von noch ausstehenden Entscheidungen auf EU-Ebene abhängig. Aber grundsätzlich bringe kein Landwirt mehr chemische Mittel zum Einsatz als nötig, zumal Glyphosat „sehr teuer geworden ist, so wie alles in der Landwirtschaft“, sagt der Ortslandwirt. Mehr als nötig einzusetzen, dafür gebe es keinen Anreiz – und vorhandene Mittel einfach nur aufzubrauchen, sei kein Argument.

Die Umstände in diesem Jahr haben dazu geführt, dass kein Weg daran vorbeigeführt hat.

Stephan Eckey, Ortslandwirt

Sollte Glyphosat 2024 nicht mehr genutzt werden dürfen, bleibe nur das Pflügen oder häufige Ackern. „Den Landwirten graut es davor“, sagt Eckey. Denn Arbeitskräfte seien rar, Energie teuer und ein feuchtes Frühjahr wie aktuell ein Hindernis – so wie die Witterung ohnehin ein stetes Problem für Bauern sei. „Keiner weiß, ob wir in der Lage sein werden, die Felder zu bestellen.“ Er ist sicher: Bei einem trockeneren Frühjahr hätten auch in diesem Jahr tendenziell mehr Landwirte auf Glyphosat verzichtet. „Aber die Umstände in diesem Jahr haben dazu geführt, dass kein Weg daran vorbeigeführt hat.“

Glyphosat auf Feldern: Bauern sind „nicht stolz“

Dass die Debatten über die Landwirtschaft und den Einsatz von Chemie mühselig sind für die Landwirte, räumt der Landwirte-Sprecher ein. „Wir wissen, wie wertvoll Pflanzenschutzmittel für den Anbau sind“, sagt er; aber natürlich sei sich jeder Landwirt auch der negativen Einflüsse bewusst. Auf gelbe Felder, die den Herbizid-Einsatz zeigen, sei man „garantiert nicht stolz“, die Außendarstellung sei nicht schön. Aber es sei nun mal der Job, die Felder zu bestellen und sich auch permanenter Kritik zu stellen. „Damit“, sagt Eckey, „müssen wir umgehen können“.

Rubriklistenbild: © Schilling

Kommentare