VonGerald Busschließen
Kunden ziehen den E-Autos vermehrt den Stecker: Es gibt deutliche Rückgänge bei den Nachfragen und Verkäufen.
Werl – Die Begründungen sind vielschichtig: Förderrückgänge, Reichweite, Ladenetz, Akkuprobleme, Sättigung des Marktes. Das zeigt eine Umfrage unserer Redaktion bei den Autohäusern.
Und sie zeigt auch: Die Lage bei der Lieferzeit von Neuwagen – noch im Mai 2022 war eine Wartezeit von über zwölf Monaten keine Ausnahme mehr – hat sich deutlich entspannt.
Autohaus Stahl
„Die Wartezeit ist kürzer geworden“, sagt Wolfgang Stahl, Fünf bis sechs Monate betrage sie beim Neuwagenkauf derzeit noch. „Bei E-Autos ist das womöglich ein Monat weniger, kommt aufs Modell an“, sagt der Chef des Citroen-Autohauses von der Unionstraße. Daher ist sein Tipp klar: Wer einen Neuwagen kaufen will, sollte ein halbes Jahr vorher kommen, sowohl beim E-Auto, als auch beim Verbrenner. Was Stahl als „schlimm“ bezeichnet: Es gebe viele Fahrzeuge, die zwar fertig gebaut, aber nicht ausgeliefert werden können. Denn es fehle an Fahrern für die Autotransporte. „Zum Teil holen wir Fahrzeuge selbst aus den Lagern ab“ – oft weite Touren.
Bei der Nachfrage nach Elektroautos hat Stahl eines festgestellt: „Wenn Kunden zwei Autos haben, sprechen sie über E-Autos. Aber wer nur ein Auto hat, denkt kaum darüber nach.“ Zu groß sind noch Vorbehalte zu Reichweite und Ladenetz. Hinzu kommen neben den Senkungen bei den Zuschüssen weitere Verunsicherungen, zum Beispiel die jüngste Meldung einer Explosion in einer Garage in Neuss, wohl durch ein parkendes E-Auto verursacht, ein Defekt am Akku soll schuld sein. „Da habe ich viele Anrufe von Kunden bekommen, ob es wohl richtig war, ein E-Auto zu bestellen.“
Bei den Gebrauchtwagen ist gerade im Kleinwagenbereich die Nachfrage ungebrochen hoch – aber die sind kaum verfügbar. „Der Markt ist komplett abgegrast“, sagt Stahl. Hinzu komme, dass die Menschen ihre Kleinwagen behalten, es fehlt Nachschub. „Und viele Marken bauen gar keine Kleinwagen mehr“. Es gebe insgesamt nur noch vier Modelle mit einem Neupreis von unter 15 000 Euro.
In den anderen Segmenten habe sich die Lage bei den gebrauchten etwas entspannt. Vorbei ist die Zeit, als nicht mal mehr eine Hand voll Modelle auf dem Hof standen.
RK Autowelt
„Die Nachfrage ist zurück gegangen, sie hat sich zum letzten Jahr etwa halbiert“, sagt Bert Dreifke, Verkaufsleiter bei der RK Autowelt Werl (VW/Skoda), zur Frage, ob der Trend zur Elektromobilität anhält. „Hier wirkt sich speziell der Wegfall der Subventionen für Firmenkunden negativ aus“, sagt Dreifke. Bei Privatkunden sei die Nachfrage bei RK leicht geringer. „Wir denken, dass sich hier Begeisterte der Elektromobilität bereits in den ersten Jahren ein solches Fahrzeug zugelegt haben und dann in der nächsten Zeit diese Fahrzeuge wieder ersetzen werden.“
Die Lieferzeit der Neufahrzeuge mit Verbrenner- oder Dieselmotor sei weiterhin sehr schwankend und vom Modell, Motorisierung, und Getriebevariante abhängig, sagt Dreifke. Manchmal hänge es sogar an einzelnen Ausstattungsmerkmalen. „Die Lieferzeiten bewegen sich zwischen vier und zwölf Monaten. Wir haben uns jedoch mit sehr vielen Lagerwagen als Alternative zur Wartezeit eingedeckt“, sagt der Fachmann von der Soester Straße.
Geringerer Umweltbonus
Seit Januar konzentriert sich die staatliche Förderung „Umweltbonus“ nur noch auf Fahrzeuge, die nachweislich keine Abgase ausstoßen. Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge bekommen keinen Umweltbonus mehr. Zudem wurde in diesem Jahr der Bundesanteil zur Förderung elektrischer Fahrzeuge und Brennstoffzellenfahrzeuge reduziert, beträgt für Fahrzeuge mit Nettolistenpreis bis 40 000 Euro seit Januar 4 500 Euro (vorher 6 000 Euro), beim Nettolistenpreis zwischen 40 000 und 65 000 Euro gibt es noch 3 000 Euro (vorher 5 000 Euro). Elektrofahrzeuge ab einem Kaufpreis von über 65 000 Euro werden nicht gefördert. Leasingfahrzeuge mit einer Vertragslaufzeit unter zwölf Monaten auch nicht mehr. Seit dem 1. September ist die Förderung von E-Autos auf Privatpersonen beschränkt, Firmen kommen nicht mehr in den Zuschuss-Genuss.
Bei den E-Autos könne man von einer deutlichen Entspannung sprechen. „Hier liegen wir teilweise nur noch bei rund drei Monaten.“ Grundsätzlich sei immer zum Gespräch mit einem Händler des Vertrauens zu raten. „Der kann den Bedarf des Kunden am Besten ermitteln und ihm Vor- und Ratschläge für den Kauf und die weitere Vorgehensweise geben.“
Auch die Nachfrage nach Gebrauchtwagen sei im Vergleich zum Vorjahr wieder entspannter. „Die Gebrauchtwagenpreise bewegen sich derzeit ebenso wieder auf ein normales Niveau.“
Autohaus Lehnert
„Die Lieferzeiten haben sich insgeamt entspannt, da Halbleiter wieder besser lieferbar sind“, sagt Timo Lehnert, Inhaber des Honda-Autohaus. Bei den neuen Elektrofahrzeugen der Marke „sind wir kurzfristig lieferfähig, sodass auch die in Kürze auslaufenden staatliche Prämien noch vom Endkunden in Anspruch genommen werden können.“
Für Lehnert ist der Trend zur Elektrifizierung klar erkennbar: „Das ist nicht ferne Zukunft, sondern Gegenwart.“ Diesel mögen bei schweren SUVs und PickUps, die auch mal über drei Tonnen ziehen müssen, noch immer der effizienteste Antrieb sein, „doch in anderen Klassen spielt er schon heute keine große Rolle mehr“. Bei Honda seien mit Ausnahme eines Sportwagens alle Fahrzeuge elektrifiziert, als Vollhybrid, Plug-In-Hybrid oder als reines Elektrofahrzeug. SsangYong aus Korea, für die Lehnert ebenfalls Markenhändler ist, habe vollelektrische Fahrzeuge, jedoch auch noch klassische Benziner.
Im Vollhybrid sieht Lehnert „ein ideales Konzept für die Übergangsphase zur reinen Elektromobilität“; daher sei es logisch, dass dieser Antrieb die meisten Kunden überzeuge. Insgesamt aber sei die Frage „Wie bewege ich mein Auto und wofür nutze ich es?“ wichtiger als je zuvor in der Beratung.
Und was rät der Händler von der Hammer Straße Kunden, die ein Neufahrzeug wollen? Auch ohne Kristallkugel sei die Preisentwicklung eindeutig, sagt Lehnert. „Sämtliche Hersteller erhöhen die Preise und kürzen gleichzeitig die Margen, um die hohen Investitionskosten der Transformation zur Elektromobilität zu amortisieren. Ich sehe keinen Trend zurück.“ Zudem obliege schon heute die Preishoheit bei einigen Marken beim Hersteller, da der Vertrieb vieler Automarken auf ein Agentursystem umgestellt werde. „Der Wandel wird sich wohl noch verstärken, aus diesen Gründen würde ich bei konkreter Kaufabsicht eher heute als morgen ein Auto kaufen.“
Bei den Gebrauchtwagen sei die Nachfrage noch immer hoch, insbesondere bei Fahrzeugen unter 10 000 Euro sei die Auswahl „extrem limitiert“.
HVT Automobile
„Die Lieferzeiten bei den Herstellern haben sich im Vergleich zu den Vorjahren im Großen und Ganzen deutlich entspannt und liegen wieder auf Vor-Corona-Niveau“, also bei vier bis sechs Monaten, sagt Jürgen Walzinger von der HVT Automobile GmbH. „Trotzdem kommt es in Einzelfällen immer noch zu Verspätungen, die eine Prognose gegenüber dem Endkunden immer schwierig machen.“
Was auch Walzinger bemerkt hat: Der Trend zur Elektromobilität hat einen Knick. „Seit Anfang des Jahres 2023 hat die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen deutlich nachgelassen.“ Zu bemerken sei, „dass auch Verbrenner wieder stärker nachgefragt werden. Wir führen dies zum Einen auf eine Sättigung des Elektroauto-Marktes zurück, andererseits aber auch darauf, dass einige Fahrzeugnutzer gemerkt haben, dass das Elektroauto dem Langzeit-Praxistest nicht standhält aufgrund der Reichweiten- und Ladeproblematik.“
Die Elektromobilität sei eben nicht für jeden sinnvoll; der Betrieb an der Unionstraße versuche, Kunden über die Vor- und Nachteile des jeweiligen Konzepts aufzuklären.
Vergleichbar ist der Tenor zur Lage am Gebrauchtwagen-Markt. „Das Angebot ist wieder deutlich gestiegen, sodass der Kunde wieder mehr Auswahl hat und auch die Preise etwas gesunken sind“, sagt Walzinger.
Ohne Antwort
Mercedes Dröge, Opel Jonas und Pre-Car Westönnen (Nissan/Ford) ließen die Anfragen unbeantwortet.
