VonThomas Machatzkeschließen
Am 23. Februar wird ein neuer Bundestag gewählt. Im Wahlkreis 148 (Lüdenscheid, Herscheid, Schalksmühle, Halver, Kierspe, Meinerzhagen und der Kreis Olpe) bewerben sich acht Kandidatinnen und Kandidaten ums Direktmandat: Wir stellen die Kandidaten in einer Serie vor. Heute: Axel Turck (Stimme für Volksentscheide).
Lüdenscheid – Es gibt an diesem Abend Pizza mit einer Extraportion Sardellen, dazu ein Kölsch im Hotel-Restaurant Alexandros an jener Ecke, an der sich Werdohler Straße und Lennestraße treffen. Jedenfalls für Axel Turck, den Stammgast, der mit Alex per Du ist. Und mit Niko. Den Wirten. Man kennt sich, man schätzt sich. Im Alexandros laufen die unterschiedlichen Erzählstränge seiner Geschichte der vergangenen Jahre zusammen. Das ist der Grund, weshalb Turck, der für die „Stimme für Volksentscheide“ für den Bundestag kandidiert, diesen Ort gewählt hat fürs Gespräch über den Menschen Axel Turck.
„Wir wohnen ganz in der Nähe am Mittleren Worthhagen, der Alex ist ein guter Wirt. Ist einfach gemütlich hier. Deshalb kommen wir gerne“, sagt der Lüdenscheider, der irgendwie in keine Schublade zu passen scheint. In der Corona-Pandemie ist Turck in Lüdenscheid irgendwann das Gesicht der Corona-Kritiker gewesen. Er hat Jens Spahn im Blaumann Fragen gestellt und ist mit dem Fahrrad nach Berlin gefahren, um zu protestieren. Er war Spaziergänger und Mitglied der Basis-Partei. „Und wenn ich von den Spaziergängen kam, hat‘s hier noch ein Bier gegeben“, sagt Turck. Im Alexandros war dann geschlossene Gesellschaft, weil die offene Gesellschaft ja verboten war in dieser Zeit. „Hier waren die Handwerker, aus Polen, aus Jugoslawien, auch Türken. War schön.“
Turck ist einer, der kein Mikrofon braucht. Die Stimme ist immer ein bisschen lauter als sie sein müsste. Aber freundlich, höflich. Alte Schule. In Augustenthal unweit der Gießerei, die der Vater vom Großvater übernommen hatte, ist Turck groß geworden. Behütete Kindheit, viel Natur, Rehe, Fuchsbau und Bachläufe. Grundschule in Brüninghausen, später das Abitur am Geschwister-Scholl-Gymnasium. Ein guter Leichtathlet war er, Zehnkämpfer vor allem, und Sprinter (100 Meter: 11,0 Sekunden). „Aber für die Sportkompanie hat‘s nicht gereicht“, sagt er. Stattdessen kam Turck in Iserlohn zu den Fallschirmspringern. Eine prägende Zeit. „Viele Unfälle, viele Schwerverletzte“, sagt er ernst. Auch ein Todesfall, ein Kamerad, der sich das Leben genommen hatte. Drogenfälle. Nein, an die Bundeswehrzeit denkt Turck nicht gerne zurück.
Wahlkreis 148: Axel Turck und sein Zehnkampf gegen den Strom
Dafür ans Studium in Aalen. Gießereitechnik. Eine kleine Hochschule mit damals 1200 Studenten. „Eine wunderbare Zeit“, sagt Turck, der zu vielen Mitstudenten noch heute Kontakt hat. Deshalb weiß er heute sehr genau Bescheid um die Probleme in der Branche, aus erster Hand. Turck ist in Aalen Asta-Vorsitzender gewesen, so wie er vorher bei der Bundeswehr Vertrauensmann gewesen war. Er hat sich nie gedrückt, hat gerne Verantwortung übernommen.
Als Turck mit dem Studium fertig war, fiel die Mauer. 1989. Wendezeit. Er ging zu einer Gießerei nach Gießen, ein Unternehmen, das um die Existenz kämpfte. Es war eine lehrreiche Zeit. Genauso wie die ersten Schritte zwei Jahre später in Lüdenscheid, im Familienunternehmen. Sein Vater war Kaufmann, der Betriebsleiter Werkzeugmacher. Axel Turck lernte viel vom Betriebsleiter, dem er zur Seite gestellt wurde. Und er ist der Linie seines Vaters bis heute treu geblieben. „Wir haben nie für die Autoindustrie gearbeitet, weil mein Vater immer gesagt hat: Die gönnen dir das Schwarze unter den Nägeln nicht. Da hätten wir unsere Kalkulation offenlegen müssen. Wir haben gesagt: Nein, das machen wir nicht. Wir haben immer alles das gemacht, was die anderen nicht machen. Und damit fahren wir noch heute gut.“
Als Kind hat Axel Turck seinen Vater nie recht verstanden, dass dieser sechs Tage die Woche in der Firma war und eben fast nie daheim. Turck hatte schon als 14-Jähriger in der Gießerei geholfen, wie sein sechs Jahre älterer Bruder, der später Architekt geworden ist. Aber wie umfassend der Beruf auch ihn später fordern würde, wie er ihn ähnlich wie ehedem seinen Vater vereinnahmen würde, das hatte er da nicht geahnt. Das Wohl der Firma, auch der Mitarbeiter, hat ihn dann aber auch angetrieben. Bis heute.
Sein privates Glück fand der Sportsmann, der noch heute zum Ausgleich lange Läufe – gerne zwischen acht und 15 Kilometern – braucht, im Urlaub: Bei einem Wanderurlaub in Island lernte er seine Frau Inge kennen. „Sie kam aus Engelskirchen, war eine gute Handballerin“, erzählt er. Sie kam nach Lüdenscheid, drei Söhne und eine Tochter hat das Ehepaar. Zwei der drei Söhne – allesamt Wasserballer – sollen die Gießerei einmal übernehmen. Das ist der Plan. Ausgeholfen haben sie alle schon in Augustenthal, auch die Tochter, die als Psychologin in Hamburg lebt. „Das Allerwichtigste war für mich immer, dass die Kinder lernen, wie wichtig Arbeit ist“, sagt Turck.
Ein politischer Mensch ist Turck in all diesen Jahren nicht wirklich gewesen. Er hat immer gewählt, na klar. Und immer die FDP, sagt er im Alexandros. Dann kam Corona. „Ich habe mich am Anfang gesorgt um meine Eltern, beide über 80“, erinnert er sich. Doch dann kamen die Maßnahmen, die Ungereimtheiten, die Zweifel. Vieles passte für ihn nicht zusammen. Das Misstrauen war gesät, die Saat ging auf. Und dann wurde im Dezember 2021 die Talbrücke Rahmede gesperrt. Seitdem läuft der Umleitungsverkehr direkt vorbei am Alexandros. Man schaut beim Essen auf die Lkw-Kolonne, in kaum einer Gastro in Lüdenscheid ist das Dilemma präsenter.
Und Axel Turck? Der hatte wieder Zweifel, wollte in Brückenbücher schauen und wissen, was da schief gelaufen war –und musste eine kleine Ewigkeit warten. Dann durfte er in die Bücher schauen, sah, wie man die Brücken hatte verrotten lassen. Und zweifelte wieder: Warum? All das hat einen politischen Menschen aus ihm gemacht. Und es hat ihn mental geschafft. Das Warten, die Versäumnisse. Er hat sich Auszeiten nehmen müssen. „Meine Denke war immer: Arbeit, Arbeit, Arbeit“, sagt er. „Das ist jetzt anders. Ich kann nun auch loslassen, muss nicht mehr alles selbst machen.“
Loslassen: Die Basis-Partei hat er wieder verlassen. Sie war ihm zu sehr Partei geworden, in die Partei Werteunion ist er nie eingetreten, obwohl er Sympathien hatte. Die „Stimme für Volksentscheide“ mit der Aktivistin Marianne Grimmenstein als Vordenkerin ist die Form von politischem Engagement, das er gutheißen kann. In den Parteien, das ist sein fester Glaube, dienen sich nur die Parteisoldaten nach oben. Das ist nicht seine Sache. Mehr direkte Demokratie wünscht er sich. Aber auch mehr Leistungsbereitschaft in der Gesellschaft – im Sport, in der Schule, bei der Arbeit. Von nichts kommt nichts. Deshalb ist angetreten, auch wenn‘s nicht für Berlin reichen wird.
Das ist doch das Große, was uns Menschen ausmacht: Dass wir Kompromisse finden!
Axel Turck, der gleichermaßen zu Hause ist im Lions-Club, als Jäger im Revier, als Kampfrichter bei der Leichtathletik-Gemeinschaft am Nattenberg und als Prüfer für Gießerei-Mechaniker bei der SIHK, aber eben auch in seiner Firma mit Menschen aus so vielen Nationen, sagt: „Eigentlich ist es egal, ob ich im Alexandros, in der Firma oder bei den Lions bin: Hauptsache, man ist immer mittendrin.“ Deshalb hat ihn die Corona-Zeit auch so traurig gemacht. Mittendrin gab‘s nicht mehr, dafür aber ein „außen vor“, gerade für einen wie ihn.
Turck sagt: „Man muss sich nicht den Schädel einschlagen, man kann sich normal unterhalten. Auch wenn man eine andere Meinung hat, unterhält man sich. Das ist doch das Große, was uns Menschen ausmacht: Dass wir Kompromisse finden.“ Er hält inne, dann sagt er: „Corona ist da so eine Art Schule gewesen, ein Trainingslager.“ Es klingt traurig. Das ist noch nicht vorbei.
Die Bundestagskandidaten im Wahlkreis 148
Am 23. Februar wird ein neuer Bundestag gewählt. Im Wahlkreis 148 (Lüdenscheid, Herscheid, Schalksmühle, Halver, Kierspe, Meinerzhagen und der Kreis Olpe) bewerben sich acht Kandidatinnen und Kandidaten ums Direktmandat: Florian Müller (CDU), Nezahat Baradari (SPD), Johannes Vogel (FDP), Matthias Koch (Bündnis 90/Die Grünen), Otto Ersching (Die Linke), Horst Karpinsky (AfD), Marion Linde (Freie Wähler) und Axel Turck (Stimme für Volksentscheide). Die Lokalzeitung stellt die Kandidaten in einer Serie vor. Heute: Axel Turck.

