VonThomas Machatzkeschließen
Am 23. Februar wird ein neuer Bundestag gewählt. Im Wahlkreis 148 (Lüdenscheid, Herscheid, Schalksmühle, Halver, Kierspe, Meinerzhagen und der Kreis Olpe) bewerben sich acht Kandidatinnen und Kandidaten ums Direktmandat: Wir stellen die Kandidaten in einer Serie vor. Heute: Marion Linde (Freie Wähler).
Es ist nicht so, dass Marion Linde Lüdenscheid gut genug kennen würde, um einen „Lieblingsort“ in der Stadt zu haben. Die Bundestagskandidatin der Freien Wähler lebt und arbeitet in Bad Berleburg. Sie kennt das Siegerland und das Wittgensteiner Land inzwischen wie ihre Westentasche, nicht aber den Märkischen Kreis. Aber wenn Linde Lüdenscheiderin wäre, die Stadtbücherei wäre gewiss ein Ort, den die gelernte Buchhändlerin sehr zu schätzen wüsste. Deshalb ist sie am Samstagmittag auch traurig, dass die Bücherei direkt nach dem Zeitungsfoto mit Linde schließt. Wochenende. „Eine sehr schöne Bücherei“, sagt sie und ist begeistert: „Da hätte ich gerne noch geschaut.“
Linde ist Fraktionsvorsitzende der UWG in Bad Berleburg und stellvertretende Landesvorsitzende der Freien Wähler. Weil’s im Wahlbezirk Siegen/Wittgenstein mit dem Erndtebrücker Soldaten Benjamin Grimm einen anderen guten Kandidaten gibt, macht Linde das nun im Nachbarwahlkreis. Gute Beziehungen hat sie zu den Unabhängigen Wähler-Gemeinschaften in Wenden, Olpe und Attendorn. Auch wenn’s am Ende nicht nach Berlin gehen dürfte, hat sie doch Freude an diesem Wahlkampf.
In der Februar-Sonne überm Graf-Engelbert-Platz soll’s an diesem Samstagmittag um die Person Marion Linde gehen, nicht um die Politikerin, auch wenn’s schwer zu trennen ist: Geboren 1966 in Saarbrücken. Schule, Ausbildung zur Technischen Zeichnerin. Danach eine weitere Ausbildung, diesmal zur Buchhändlerin. „Meine Mutter war Buchhändlerin, und ich habe als Jugendliche schon geholfen“, erzählt sie. „Eigentlich wollte ich nach der Schule Physiklaborantin werden, aber das gab’s im Saarland nicht.“
Wahlkreis 148: Marion Linde, die freundliche Einmischerin
Das Saarland verließ sie dann aber doch. Nach der Ausbildung bot ihr der Club Bertelsmann berufliche Aufstiegschancen an. Frankfurt, Kassel, Hannover, Köln. Filialleiterin, später Verkaufstrainerin. Irgendwann der Standort Osnabrück, eine 60-Stunden-Woche. Sie hatte Spaß an der Arbeit, aber Osnabrück war nicht ihre Stadt. Sie wollte wieder gen Süden. „Siegen ist frei geworden“, sagte man ihr, und Linde fragte: „Wo ist denn Siegen?“
Linde sitzt auf der Bank und lacht. Sie hat die Option Siegen gewählt und es nie bereut. Überhaupt Südwestfalen: „Ein starker Wirtschaftsstandort und ein tolles Naherholungsgebiet“, schwärmt sie. Im Siegerland lernte sie ihren ersten Mann kennen, zog nach Hilchenbach, ging mit in den Sportverein, wurde Oberturnwartin. Und 2004 wurde sie dann gefragt, ob sie nicht auch in der Politik mitmachen wolle. „Bis dahin habe ich die UWG gar nicht gekannt,“ sagt sie, „ich habe immer die CDU gewählt. Aber das Konstrukt fand ich interessant, ein Verein für politisch Interessierte, die das Beste für ihre Stadt wollen.“
Die Frau aus dem Saarland, sie ist seinerzeit über den Sport und die Politik im Ort angekommen und fand Spaß an der Politik. „Es gab die Aha-Effekte“, sagt sie und meint konkrete Ergebnisse politischer Arbeit. An der Breitenbach-Talsperre sorgten sich Anwohner in benachbarten Straßen um ihren Parkraum. Ein Parkplatz für die Talsperre? Geht nicht, sagte die Verwaltung, Wasserschutzgebiet. „Das wollen wir doch mal sehen“, sagte Marion Linde. Die UWG brachte die Beteiligten zusammen, heute gibt es einen großen Parkplatz, und im Wärterhäuschen ist eine Gastronomie entstanden. „Genauso muss es doch laufen“, stellt sie im Rückblick fest und erzählt von der Wahl 2009, bei der die UWG in Hilchenbach neun Direktmandate holte und stärkste Fraktion wurde.
Sie erzählt auch vom Sparkassendirektor in Hilchenbach, der einen Lift für Behinderte abgelehnt hatte. Am Tag der Barrierefreiheit, den Linde und die UWG initiiert hatten, machte dieser Sparkassendirektor den Selbstversuch, stellte seine Mitarbeiter auf die Probe, die ihn im Rollstuhl sitzend die Treppe zum Schalter hinauftrugen – wie es bei Rollstuhlfahrern üblich gewesen war. „Das hat auch geklappt, aber danach gab’s trotzdem den Lift, weil er sich beim Hochgetragenwerden nicht sicher gefühlt hat“, sagt Linde und schmunzelt.
Marion Linde ist ein fröhlicher Mensch, der gerne lacht. Die Stunde auf dem Graf-Engelbert-Platz reicht aus, um dies zu lernen. Dabei ist ihre Geschichte eine, in der es auch schlimme Wendungen gegeben hat. Ihr erster Mann verstarb früh. Als er bettlägerig geworden war, hatte Linde ihre Arbeit bei Bertelsmann in Siegen aufgegeben. „Ich wollte die Zeit, die uns blieb, mit ihm zusammen verbringen“, erzählt sie. Sie hat in dieser Zeit Zeitungen ausgetragen und Wäsche gebügelt, um Geld zu verdienen. Nach dem Tod ihres Mannes war für sie klar: Ein einfaches Zurück sollte es nicht geben. Sie arbeitete in einem Schuhgeschäft und fand über den Sport eine neue Passion: Über den „Sport mit Älteren“ kam sie in eine Alteneinrichtung, bildete sich fort, wurde Leiterin der Sozialbetreuung. Linde ging in dieser Aufgabe auf – bis das Heim an „die Amerikaner“ verkauft wurde. Es folgten Sparmaßnahmen, eine Verschlechterung der Situation für die Bewohner. Linde protestierte, ging zum Bürgermeister, zur Zeitung und zum WDR. Am Ende besserte sich nichts, aber ihren Job war sie los.
Wer sich nicht zeigt, wird nicht gesehen. Wer nichts sagt, wird nicht gehört!
Zu dieser Zeit war sie schon von Hilchenbach nach Bad Berleburg ins Wittgensteiner Land gezogen, dort lebt sie bis heute mit ihrem zweiten Mann, einem ehemaligen Eisenbahner, der für die UWG im Kreistag sitzt. Linde ist auch im Bad Berleburger Stadtrat inzwischen UWG-Fraktionsvorsitzende. Beruflich orientierte sie sich noch einmal neu, ist heute Filialleiterin in einem Sanitätshaus. „So habe ich den Verkauf mit dem Dienst am Menschen kombiniert“, sagt sie und lacht. Und da der Bücherschrank, bei dem sie Buchpatin ist, auch in direkter Nähe des Sanitätshauses aufgestellt ist, hat sie nun die Dinge, die ihr am Herzen liegen, alle zentral an einem Ort.
Marion Linde ist bei allem, was sie erlebt hat, ein optimistischer Mensch geblieben. „Wenn irgendwo ein Konflikt ist, muss ich mich immer einmischen, damit es eine Lösung gibt“, sagt sie. Es beschreibt den Menschen Linde, aber auch ihr Verständnis von Politik. Ihr Schwager aus Bayern hat sie auf die Freien Wähler aufmerksam gemacht, sie ist zum Parteitag gefahren nach Winterberg. Und als sie nach Hause fuhr, war sie zur stellvertretenden Landesvorsitzenden gewählt worden. „Du musst das machen, hat man mir gesagt, und dann bin ich schüchterne Maus auf die Bühne und habe eine Rede gehalten“, erinnert sie sich. Auch Hubert Aiwanger war in Winterberg dabei, das Gesicht der Freien Wähler in Deutschland, der Minister aus Bayern.
Marion Linde erzählt, dass vonseiten der Kunden im Sanitätshaus inzwischen viel mehr politisiert werde, aus Kummer über die Bürokratie. Und sie erzählt von Kunden mit Migrationshintergrund: „Die erzählen mir, wie lange sie schon hier sind, um sich zu rechtfertigen, wenn sie etwas haben sollen. Es ist erschreckend, was in der Gesellschaft los ist. In Saarbrücken bin ich aufgewachsen in einer Stadt, in der immer viele Algerier lebten. Ich habe das als kulturell bereichernd empfunden. Heute traue ich mich nachts nicht mehr alleine durch die Fußgängerzone, wenn ich in Saarbrücken bin. Ich habe die Analyse für mich noch nicht abgeschlossen, aber die Gesellschaft hat viel zu spät angefangen, über diese Dinge zu reden, hat es der AfD überlassen, deshalb ist sie so stark geworden.“
Linde will diese Themen nicht den Falschen überlassen, sie will sich weiter einmischen und andere motivieren, es auch zu tun. „Wer sich nicht zeigt, wird nicht gesehen. Wer nichts sagt, wird nicht gehört“, sagt sie und macht sich und anderen Mut: „Du musst dich trauen. Bodenständig. Ein Ziel haben. Und dann fragen: Wie kriegen wir die Kuh vom Eis?“
Die Bundestagskandidaten im Wahlkreis 148
Am 23. Februar wird ein neuer Bundestag gewählt. Im Wahlkreis 148 (Lüdenscheid, Herscheid, Schalksmühle, Halver, Kierspe, Meinerzhagen und der Kreis Olpe) bewerben sich acht Kandidatinnen und Kandidaten ums Direktmandat: Florian Müller (CDU), Nezahat Baradari (SPD), Johannes Vogel (FDP), Matthias Koch (Bündnis 90/Die Grünen), Otto Ersching (Die Linke), Horst Karpinsky (AfD), Marion Linde (Freie Wähler) und Axel Turck (Stimme für Volksentscheide). Die Lokalzeitung stellt die Kandidaten in einer Serie vor. Heute: Marion Linde.

