Stichtagserhebung

Wieder mehr Wohnungslosen in Hamm - Erschreckende Zahl bei Jüngeren

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Die Zahl der Wohnungslosen in Hamm ist auf knapp 400 gestiegen. Rund 40 Menschen haben gar kein Dach über dem Kopf. Die Arbeit der neuen Streetworkerinnen zeigt erste Erfolge.

Hamm – Die Wohnungslosensituation in Hamm hat sich erneut verschlechtert. 397 Menschen in Hamm hatten bei der Stichtagserhebung der freien Träger der Wohnungslosenhilfe am 30. Juni 2023 keinen eigenen Mietvertrag. 83 von ihnen waren Frauen, rund 20 wiederum unter 21 Jahre. Die Träger fordern dringend angemessenen Wohnraum und ein konzertiertes Handeln von Land und Kommunen.

Sie stellten die Ergebnisse der Stichtagserhebung vor – zum Lachen ist ihnen aber eigentlich nicht. Von links: Martina Frie (Perthes-Stiftung), Thomas Velmerig (Katholischer Sozialdienst), Martina Denter (Sozialberatungsstelle Perthes), Josch Krause und Karina Penner (beide Arbeitskreis für Jugendhilfe und Drogenhilfezentrum).

Nach 384 wohnungslosen Menschen zum Stichtag 2022 hat die Zahl nun fast die 400er-Marke erreicht. Am Wohnraumbedarf hat sich in den vergangenen Jahren nichts geändert, die Situation hat sich vielmehr weiter zugespitzt. 2019 zählten die Träger 352 Wohnungslose in Hamm, 2018 waren es noch 340, bei der ersten Erhebung 2015 „nur“ 236. Gänzlich ohne Unterkunft – also auf der Straße – lebten am Stichtag 2023 vermutlich 42 Personen, davon neun Frauen.

Unter 21-Jährige bereiten Sorgen

Besonders erschreckend mit 41 Personen sei die Zahl der unter 21-Jährigen ohne festen Wohnsitz, sagt Thomas Velmerig vom Katholischen Sozialdienst (KSD). Etwa die Hälfte davon sei weiblich. Grund sei häufig der „Rausschmiss“ aus dem Elternhaus. Der KSD berät junge Menschen zwischen 16 und 25 Jahren. Zwar lebten die meisten Angehörigen dieser Altersgruppe nicht auf der Straße, sondern in ungesicherten Wohnverhältnissen. Doch diese sogenannte verdeckte Obdachlosigkeit bedeute gerade in dieser Lebens- und Orientierungsphase ein großes Gefahrenpotenzial.

Von den zum Stichtag ermittelten 83 wohnungslosen Frauen (2022: 81) gehören 44 zum Kreis der jungen Erwachsenen bis 25 Jahre. Während ein Teil noch bei Freunden oder Verwandten unterkomme, stellen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Drogenhilfezentrums des Arbeitskreises Jugendhilfe (akj) und die Sozialberatungsstelle der Ev. Perthes-Stiftung fest, das Frauen zumindest für einzelne Nächte ohne Schutz draußen übernachten.

Das Verlernen von Wohnen

Neben der Vermittlung in Wohnraum müsse es vor allem Ziel sein, den Verlust von Wohnraum zu verhindern, sagt Martina Denter von der Sozialberatungsstelle. „Ein Leben auf der Straße bedeutet das Verlernen von Wohnen“, so Denter.

Weil sich Vermieter angesichts der angespannten Lage auf dem Wohnungsmarkt ihre Mieter quasi aussuchen könnten, hätten es bestimmte Personengruppen besonders schwer, sagt Josch Krause vom Drogenhilfezentrum des akj. Negative Schufa, Suchterkrankung, psychische Probleme oder eine Gemengelage verschiedener Faktoren seien für Vermieter keine guten Referenzen. „Diese Menschen stehen in der Schlange ganz hinten an“, so Krause. „Derart geschwächte Menschen nehmen auf der Wohnungssuche oder bei Behörden nicht locker jede Hürde. Als Gesellschaft muss ich diesen Menschen etwas anbieten und kann nicht erwarten, dass sie kommen.“

Hilfe-Netzwerke in Hamm funktionieren

Die Lichtblicke: Ausgesprochen gut funktionierten das Netzwerk und die Hilfeketten, die über die neu aufgestellten Streetworkerinnen in Gang gesetzt würden. Die Verbindung zum Mobilen Medizinischen Dienst und zu den weiteren Beratungsstellen funktioniere auf direktem Wege. Auch das Projekt „Zimmer mit Zukunft“, das Menschen an Wohnen gewöhnen soll, zeige Erfolge. Positiv werten die Träger auch das breite politische Bekenntnis zu einer zentralen Notunterkunft.

Gut angelaufen sei auch die Zusammenarbeit mit den städtischen Mitarbeiterinnen im Landesprojekt „Endlich ein Zuhause“. In dem geförderten Projekt sind bei der Stadt eine Sozialarbeiterin und eine Immobilienfachkraft eingestellt worden.

Träger fordern städtisches Wohnungs-Kontingent

Von Kommunen und Land fordern sie ein verbindliches gemeinsames Bekenntnis und die Initiative, menschenwürdiges Wohnen zu ermöglichen. Benötigt würden in erster Linie kleine Wohneinheiten. Die Träger erneuerten ihre Forderung nach kommunalen Kontingenten, die bei Bedarf zugewiesen werden könnten. Der Zugang zu festen Zimmern in der Notunterkunft an der Dortmunder Straße müsse ohne komplizierte Zugangsfilter schneller möglich sein.

Eine Verdichtung des Wohnungsmarktes durch Zuwanderung und Flucht finde zwar statt, „zugewanderte Menschen haben das Problem der Wohnungslosigkeit aber nicht geschaffen“, so Martina Denter.

Bestand an Sozialwohnungen rückläufig

Der preisgebundene Wohnungsbestand in Hamm ist von 2010 bis 2021 kontinuierlich gesunken: von 8744 auf 6657 Wohnungen. Im Oktober 2018 hat der Rat der Stadt Hamm die Festlegung einer stadtweiten Quote von mindestens 35 Prozent für den geförderten Mietwohnungsbau festgelegt, um dem steigenden Bedarf an preisgebundenem Wohnraum gerecht zu werden. Von 2018 bis 2022 betrachtet wird diese Zielmarke unterschritten: 2527 Baugenehmigungen stehen 663 geförderte Mietwohnungen gegenüber. 884 hätten es sein müssen. Die Quote lag tatsächlich bei gut 26,2 Prozent. Positiv: Mit in 2022 bewilligten Fördermitteln in Höhe von rund 28 Millionen Euro verzeichnet die Stadt das höchste Fördervolumen seit 2010 und den dritthöchsten Wert hinter Dortmund und Bochum im Regierungsbezirk Arnsberg.

Die Erhebung

Die jährliche Stichtagserhebung am 30. Juni wird vom Katholischen Sozialdienst e.V., dem Arbeitskreis für Jugendhilfe e.V. und der Evangelischen Perthes-Stiftung e.V. durchgeführt. Erfasst werden Menschen, die bei den freien Trägern angebunden sind, im Wesentlichen über die Geldverwaltung. Eine Dunkelziffer ist anzunehmen: Menschen können über ein eigenes Konto verfügen, aber dennoch ohne eigene Wohnung sein. Erstmals wurde die Erhebung 2015 durchgeführt. Doppelerfassungen seien ausgeschlossen, heißt es von den Trägern.

Rubriklistenbild: © Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/ZB/Symbolbild

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