VonConstanze Juckenackschließen
Die hausärztliche Versorgung hat sich in Hamm in den vergangenen Jahren verschlechtert, auch für die Zukunft deutet sich keine Besserung an. Eine Lösung, mit der die SPD vor zwei Jahren im Wahlkampf punktete, verpuffte bislang.
Hamm – Es war ein zentrales Wahlkampfversprechen von Marc Herter im Kampf um das Oberbürgermeisteramt: Um in Hamm eine wohnortnahe Gesundheitsversorgung sicherzustellen, sollten in allen Stadtbezirken Medizinische Versorgungszentren entstehen. So stand es 2020 in Herters Wahlprogramm „Aufbruch für das Hamm von Morgen“, mit dessen Hilfe er im September 2020 gewählt wurde. Doch zumindest in dem Punkt muss der Aufbruch noch warten. Im Punkt Medizinische Versorgungszentren halte man im Hammer Rathaus „aktuell die Füße still“, so teilte es Stadtsprecher Lukas Huster mit.
Insbesondere die hausärztliche Versorgung in der Stadt hat sich in den vergangenen Jahren verschlechtert. 89 Kassensitze für Mediziner listet die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) noch, das sind neun weniger als vor drei Jahren. Temporär handelte es sich um den stärksten Rückgang an Hausärzte-Sitzen im Ruhrgebiet.
Ärztemangel in Hamm: noch keine Impulse aus Berlin
Herter hatte in sein Wahlprogramm geschrieben, die Hammer kommunalen Medizinischen Versorgungszentren Schritt für Schritt aufzubauen, abhängig davon, wo sie gebraucht würden. Eine zeitliche Perspektive dafür nannte er nicht. Die Zentren hätten den Vorteil, dass die Ärzte bei der Stadt angestellt würden, statt selbstständig zu sein. „Junge Ärzte haben nicht den Lebenstraum, 14 Tage am Stück zu arbeiten und dann noch einen Arsch voll Schulden zu haben. Familie und Beruf müssen vereinbar sein. Gerade für junge Frauen“, sagte Herter bei einem Pressetermin im Juni 2020.
Doch um das Versprechen ist es knapp zwei Jahre nach der Kommunalwahl still geworden. Aus dem Rathaus heißt es, man warte auf den Bund: SPD, Grüne und FDP haben auf Bundesebene im Koalitionsvertrag vereinbart, es Städten und Gemeinden zu erleichtern, Medizinische Versorgungszentren zu gründen. Dafür sollten bürokratische Hürden abgebaut werden. „Es zeichnen sich also Verbesserungen in der rechtlichen Rahmengebung für die Einrichtung entsprechender Zentren ab. Dieser Entwicklung wollen wir auf kommunaler Ebene nicht vorgreifen“, teilt Stadtsprecher Huster mit.
Vom Bund wiederum wurde noch nicht bekannt gegeben, was genau man bis wann in Bezug auf kommunale Medizinische Versorgungszentren zu tun gedenkt.
Ärztemangel in Hamm: Verschlechterung zeichnet sich ab
Während die Stadt wartet, zeichnet sich die weitere Verschlechterung der ärztlichen Versorgung ab. Kürzlich kündigte der nächste Hausarzt an, seine Praxis mit Mitte 70 aufzugeben. Einen Nachfolger hat er nicht.
Die Sprecherin des Hammer Ärztevereins, Dr. Ulrike Leise-Rauße, geht derweil davon aus, dass Zehntausende schon jetzt keinen Hausarzt mehr haben. „Das kann schwerwiegende Folgen haben“, sagt sie. Ein Beispiel: „Viele Altenheime nehmen Menschen nicht auf, die keinen Hausarzt haben – weil nicht klar ist, wer sich bei medizinischen Fragen kümmert.“
Immerhin: Untätig war die Stadt nicht. Im Rathaus gibt es nun eine Koordinierungsstelle, die helfen soll, Akteure zu vernetzen und Interessierte zu beraten. Außerdem tagt regelmäßig ein Arbeitskreis, der sich mit der Gewinnung von Hausärzten auseinandersetzt. Aktuell läuft ein Sommercamp für Medizinstudenten in den drei Akutkrankenhäusern.
Und seit März gibt es auf der städtischen Internetseite eine eigene Seite mit Informationen für Mediziner. Dort ist beispielsweise gelistet, welche Praxis aktuell Weiterbildungsstellen anbietet. Zwei Hausarztpraxen, eine Kinderärztin und zwei Krankenhäuser bieten dort aktuell an, Ärzte weiterzubilden.
Die Sparkasse will ein Stipendium einrichten. Damit sollen Abiturienten oder Studenten unterstützt werden, die planen, in Hamm als Ärzte zu arbeiten. Details zum Stipendium sind noch nicht bekannt, man arbeite daran
Ärztemangel in Hamm: KV sieht wenig Handlungsbedarf
Die Bausteine können helfen, potenzielle Ärzte für Hamm zumindest zu informieren. Doch ob das reicht?
Im Rathaus weist man darauf hin, dass die Gewinnung und Anwerbung von Allgemein- und Fachmedizinern originäre Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) ist. Die Kommune tue das Mögliche, um zu unterstützen.
Die KV Westfalen-Lippe wiederum sieht in Hamm zuletzt aufgrund des Rückgangs an Hausärzten keinen erhöhten Handlungsbedarf. Sie fördert die Niederlassung von Ärzten, wenn ein Gebiet als unterversorgt gilt – das ist in der Regel der Fall, wenn der Versorgungsgrad unter 75 Prozent fällt. In Hamm liegt er bei Hausärzten noch bei knapp 90 Prozent. Es müssen also noch einige Ärzte in Hamm in Rente gehen, bevor die KV verstärkt neue Ärzte für die Stadt sucht. So lange wird sie nicht tätig.
In gut drei Jahren stehen in NRW die nächste Kommunalwahlen an. Bis dahin müsste das komplexe Projekt kommunale Medizinische Versorgungszentren zumindest angestoßen werden, wenn Herter sein Versprechen aus dem zurückliegenden Kommunalwahlkampf einlösen will.
Rubriklistenbild: © Reiner Mroß (Archiv)

