VonArno Widmannschließen
Die Atombombe war die Geburt eines neuen Indiens. Vor 50 Jahren wurde sie erstmals erfolgreich getestet, das erhoffte Sicherheitsgefühl hat sie dem Land nie beschert.
Am 18. Mai 1974 führte Indien einen ersten erfolgreichen Atombombentest durch. Es war das erste Mal, dass ein nicht ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrats offiziell zur Atommacht wurde. Zum UN-Sicherheitsrat gehörten damals: China (seit Oktober 1971 die Volksrepublik China), Frankreich, Großbritannien, die Sowjetunion und die USA. Diese Staaten hatten 1968 den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet. Israel soll schon seit 1960 über Atomwaffen verfügt haben. Zu den faktischen Atommächten gehören neben Indien seit 1998 Pakistan, wohl dank massiver finanzieller Unterstützung durch Saudi-Arabien, und seit 2006 Nordkorea. Den Atomwaffensperrvertrag haben sie alle nicht unterschrieben. Die indische Atombombe hatte eine lange Vorgeschichte. Seit 1954 fand eine Umorientierung von der friedlichen Nutzung der Kernenergie auf die Entwicklung von Atomwaffen statt. Dafür wurde das „Department of Atomic Energy“ gegründet. 1958 floss ein Drittel des Verteidigungshaushaltes in diese Einrichtung.
1971 während des indisch-pakistanischen Krieges schickten die USA eine Flugzeugträgerkampfgruppe in die Bucht von Bengalen, um Indien deutlich zu machen, dass Pakistan sich auf die USA würde verlassen können. Als Russland daraufhin zur Unterstützung Indiens mit Atomraketen bestückte Unterseeboote in Bewegung setzte, wurde die ungeheure Abschreckungswirkung der Atomwaffen deutlich. Die indische Premierministerin Indira Gandhi, die schon seit ihrem Amtsantritt 1967 die Entwicklung der Atomwaffen gefördert hatte, forcierte nach dieser Erfahrung ihre Anstrengungen. Im September 1972 erteilte sie offiziell den Auftrag zur Entwicklung einer Atombombe. Die Aktion hieß amtlich „peaceful nuclear explosive“. Sonst aber „smiling Buddha“. Der Grund: Am 18. Mai wird in Indien „Buddha Jayanti“, die Geburt von Gautama Buddha, gefeiert.
Der lächelnde Buddha ist ein feststehender Typus der buddhistischen Kunst. Es ist der auch uns vertraute sitzende, seinen dicken Bauch herausstreckende, feixende Buddha. Ein Glücksbringer. Die Atombombe wurde wohl auch von der Mehrheit der Inder so gesehen. Indira Gandhi und ihre Partei wurden gefeiert. Es war sicher ganz wesentlich auch eine Frage des Prestiges. Aber Indien hatte Kriege mit China und Pakistan geführt. Der pure Besitz einer Atombombe, ihre abschreckende Wirkung, stärkte das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung. Natürlich gab es für die Bombe nicht nur eine buddhistische Bezeichnung.
„Operation Happy Krishna“ stand der hinduistischen Bevölkerung deutlich näher. Der glückliche Krishna ist wie der lächelnde Buddha eine Ikone. Sie zeigt Krishna als pralles Baby, so wurde er bei seinem Geburtsfest gefeiert; ein Wonneproppen, hätte meine Mutter gesagt.
Die Atombombe war die Geburt eines neuen Indiens. Indien stand in der Welt – ob zu Recht oder zu Unrecht – für den Sieg in einem gewaltfreien Kampf gegen eine Kolonialmacht. Indische Politiker wurden nicht müde – und sie werden es bis heute nicht –, diese Tradition heraufzubeschwören. Das Indien nach 1947 aber hatte eine große Armee, und es hatte Kriege geführt. Die indischen Politiker lernten, beide Karten zu spielen. Gewaltfreiheit und Gewalt. Sie hatten es schon zu Gandhis Zeiten gekonnt. Gandhi hatte für die Versöhnung gekämpft und war dafür von einem Hindu ermordet worden. Indira Gandhi aber – sie war nicht verwandt mit dem Mahatma – personifizierte ein starkes, ein kampfbereites Indien.
Indira Gandhi baute die Atombombe. Der Mahatma hatte die Strategie des „Nichtverletzens“ (Ahimsa) entwickelt. Nun verfügte Indien über beides. Indira Gandhi erklärte also ganz souverän, es handele sich bei der „Operation Happy Krishna“ um einen „friedlichen Atombombentest“, und man habe nicht vor, die indische Nuklearindustrie zu militarisieren. Tatsächlich sollte es die ersten weiteren Nukleartests erst 1998 geben.
Es hatte international viel Aufregung gegeben. Kanada brach die atomare Kooperation ab. Die USA lieferten angereichertes Uran. Indira Gandhi wurde von Schuldgefühlen – nicht wegen der Atombombe – und Depressionen gejagt. Und 1984 auf dem Weg zu einem Interview mit Peter Ustinov von ihren Leibwächtern – Sikhs – getötet.
Die Atombombe war sicher nicht Indiens erster Schritt in die Moderne. Aber es war ein Weg, der Indien technologisch beflügelte. Aber daneben oder damit eng verwoben ist ein Hindu-Nationalismus, bei dem Indien aus dem Stolpern überhaupt nicht mehr herauskommt. 1990 veröffentlichte V. S. Naipaul sein Buch „Indien: ein Land im Aufruhr“. Er ging darin in einer Unzahl von Gesprächen der Frage nach, warum es in Indien nicht zu einer Revolution komme. Der englische Titel gibt die Antwort: „India: A Million Mutinies Now“. Es gibt keine Revolution in Indien, weil es Millionen Aufstände gibt. In jeder Ecke und in jedem Menschen. Das verstört viele Menschen. Sie suchen nach einem Halt in den Tumulten. Nach Orientierung, nach Führung.
Dabei ist es womöglich genau das, wovor wir uns noch mehr in Acht nehmen sollten als vor unserer Unsicherheit inmitten der Tumulte. Das Indien, das 1974 seine Sicherheit in der Atombombe suchte, hat sie dort nicht gefunden. Es sucht sie jetzt im Hinduismus oder in der Verbindung von beidem. 1998 sprach Roman Herzog von der glücklichen bayerischen Verbindung von Laptop und Lederhose; darin sah er die Möglichkeit, wie man Moderne und Tradition verbinden könne.
Wir wissen heute, dass uns das aus den unterschiedlichsten Gründen nicht gelingt. Indira Gandhi wurde von ihren Leibwächtern ermordet. Das kommt in der Weltgeschichte häufiger vor. Der Zugang zum Machthaber erleichtert auch dessen Abschaffung.
