Italien

Der Anti-Mafia-Priester

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Don Luigi Cotti lässt sich nicht einschüchtern.
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Der katholische Priester Don Luigi Ciotti kämpft seit Jahren gegen die organisierte Kriminalität in Italien. Der 69-Jährige ist eine Ikone des Anti-Mafia-Kampfes.

Wenn Don Luigi Ciotti irgendwo auftritt, dann sind sie stets in seiner Nähe: kräftige Männer in Anzügen, die ihren Blick nervös schweifen lassen. Es sind die Personenschützer des katholischen Priesters. Denn Don Ciotti ist der Feind Nummer eins von Cosa Nostra, Camorra und ‘Ndrangheta und nach jüngsten Warnungen der Anti-Mafia-Behörde und von Staatsanwaltschaften der am stärksten gefährdete Mann Italiens. Im Sommer schon war bekannt geworden, dass Totò Riina, der inhaftierte sizilianische „Boss der Bosse“, gegenüber Mitgefangenen über ihn flucht und sagt, dass er Don Ciotti am liebsten tot sähe. Nun heißt es, ein Anschlag könnte kurz bevorstehen.

Der 69-Jährige ist eine Ikone des Anti-Mafia-Kampfes. Seit Jahren reist er kreuz und quer durch das Land, um den Italienern klar zu machen, dass man der Plage nur beikommt, wenn jeder Einzelne Bürgersinn zeigt und sich gegen Korruption und organisierte Kriminalität auflehnt. Mit unermüdlicher Energie hält er seine Vorträge, mit leidenschaftlich ausholenden Gesten. Sein Alter sieht man ihm ebenso wenig an wie die Tatsache, dass er Geistlicher ist. Statt Talar trägt Don Ciotti Pulli und Jeans, die grauen Haare hängen ihm nachlässig in die Stirn. „Seit vierhundert Jahren reden wir von der Camorra, seit zweihundert von der sizilianischen Cosa Nostra, seit einhundert Jahren von der kalabrischen ‘Ndrangheta“, lautet einer der Sätze, bei denen er eindringlich ins Publikum schaut. „Es gibt da einen kulturellen Knoten und einen politischen, und wir schaffen es einfach nicht, sie zu lösen.“ Mitschuld ist die Politik, sagt Don Ciotti, die nichts gegen soziale Ungleichheit und fehlende Chancen für Jugendliche, vor allem in Italiens Süden unternimmt. Und natürlich die überall verbreitete Korruption.

„Die Pfarrei der Straße“

1965, schon als 20-Jähriger und lange bevor er Priester wurde, gründete der Sohn eines Maurers aus Turin die „Gruppe Abel“. Benannt nach dem von Kain erschlagenen Bruder kümmert sie sich um Junkies, minderjährige Prostituierte, Häftlinge. Don Ciotti wohnt in einem früheren Turiner Fabrikgebäude, das Fiat-Chef Giovanni Agnelli ihm für „Abel“ überließ. Eine eigene Kirchengemeinde hatte er nie. Der Kardinal, der ihn 1972 zum Priester weihte, vertraute ihm „die Pfarrei der Straße“ an.

Als Anfang der 90er Jahre eine Serie von Anschlägen Italien erschütterte, befasste sich Don Ciotti stärker mit der Mafia. 1995 gründete er Libera, ein Netzwerk, das Mafia-Opfer betreut. Libera sammelte eine Million Unterschriften, damit beschlagnahmte Besitztümer der verbrecherischen Clans für soziale Zwecke genutzt werden können. 1996 erließ die Regierung ein entsprechendes Gesetz. Seit damals bis Ende 2012 wurden 1700 Mafia-Firmen vom Staat konfisziert. Sehr viele mussten daraufhin schließen, viele Arbeitsplätze gingen verloren. Dass zumindest ein Teil der Weingüter, Agrarbetriebe und Ländereien weiter bewirtschaftet werden, unter der Regie von 450 Genossenschaften, darum kümmert sich Libera. Mehr als 1000 junge Italiener arbeiten in solchen Betrieben. Die Produkte – Olivenöl, Pasta und Wein etwa – werden unter dem Etikett „Libera Terra“ verkauft. (Mafia-) freies Land. Sogar in New York und Japan sind sie erhältlich.

„Wir haben gezeigt, dass man mit dem ehemaligen Besitz Krimineller ehrliche Arbeit schaffen kann“, sagt Don Ciotti. „So verliert die Mafia ihre Macht über die Menschen.“ Aber das reicht nicht, sagt er. „Die Politik muss endlich ein umfassendes Anti-Korruptionsgesetz beschließen. Und auch die Kirche müsste weniger lauwarm sein.“ In Süditalien sind die Bande zwischen Clans und Priestern oft eng.

Die entschiedenen Worte von Papst Franziskus, der die Mafiosi exkommuniziert hat, haben Don Ciotti ermutigt. Sie könnten allerdings auch Grund für die jüngsten Drohungen gegen ihn sein. Als Johannes Paul II. 1993 gegen die Mafia wetterte, ermordeten Killer kurz darauf zwei Priester, sagt Don Ciotti. 3500 Menschen habe die Mafia allein seit Anfang der 90er auf dem Gewissen.

Einschüchtern lässt er sich nicht. Seit 25 Jahren schon steht er unter Personenschutz. Er sorgt sich vor allem um seine Leibwächter, die doch Familien hätten. „Ich selbst bin nur ein kleiner Mann, der versucht hat, Energien und Ideen zusammenzubringen“, sagt er. „Und auch wenn sie einen Einzelnen töten – diejenigen, die der Mafia die Stirn bieten, werden immer mehr.“

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