Nahost-Krieg

Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz: „Es ist eine Heuchelei, mit dem Finger auf die anderen zu zeigen“

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Propalästinensische Demonstration im Januar in Berlin.
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Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz über den Nahost-Krieg, die Debatte in Deutschland sowie den Unterschied zwischen Judenhass und Israel-Kritik.

Herr Benz, wie beurteilen Sie die derzeitige Debatte in Deutschland über den Krieg im Nahen Osten?

Ich bin unglücklich über die Lagermentalität, die sich allerorts breitmacht. Man sitzt in einer Wagenburg und kennt nur Freund oder Feind, alle Zwischentöne sind verpönt. Ich soll unbedingt Partei ergreifen für die eine Seite und darf keinesfalls sagen: Ich bin ein Freund Israels, bedauere aber unendlich das Leid der Palästinenser.

Zuletzt gab es auf der Berlinale Kritik an Israel, verbunden mit der Forderung nach Frieden. Und schon brach ein Sturm der Empörung los. Ein liberales überregionales Medium sprach anschließend von einer Schande, es war von einem antisemitischen Auftritt die Rede. Wie ordnen Sie diese Kritik ein?

Meine Sichtweise ist – und ich beschäftige mich als Wissenschaftler mit Antisemitismus seit einigen Jahrzehnten –, dass der Protest auf der Berlinale nichts mit Antisemitismus zu tun hatte. Mit dieser Meinung stimme ich auch mit jüdischen Freunden überein. Es war eine politische Demonstration. Für die überschäumende Wut, dass man nur die eine Seite wahrnimmt und nicht die andere, habe ich wenig Verständnis.

Was meinen Sie konkret?

Beschuldigt man allein Israel wegen seines harten militärischen Vorgehens und verschweigt wohlweislich das auslösende Verbrechen der Hamas, dann begibt man sich natürlich auch in eine extreme Position, aber genau das stört mich: dass man nur in extremen Positionen denkt und, wenn auch nur eine einseitige politische Stellungnahme abgegeben wird, sofort schreit, das sei Antisemitismus.

Sogar liberale Medien äußern sehr schnell einen Antisemitismusverdacht. Ist das ein Zeichen einer Fortentwicklung der Debatte in eine intolerante Richtung in Deutschland?

Ja, das glaube ich schon. Man hat sich zur unbedingten Solidarität mit der einen Seite entschieden und lehnt deshalb ebenso unbedingt die andere Seite ab. Und dazu wird dann auch der Vorwurf des Antisemitismus erhoben, und der wiegt wahrlich schwer. Er wird instrumentalisiert, um die gegnerische Meinung zu desavouieren. Dabei sollte man wissen, dass Gegner der israelischen Position überhaupt nichts mit Judenhassern gemein haben müssen. Die Kritik am israelischen Vorgehen muss überhaupt nichts damit zu tun haben, dass Israel überwiegend von Juden bewohnt ist. Denn die Kritiker würden genauso argumentieren, wenn es sich dort um eine ganz andere Ethnie oder religiöse Gemeinschaft handeln würde. Aber mit dem schnellen Einsortieren, man sei ein Antisemit, wenn auch nur die geringste Kritik an der gegenwärtigen politischen und militärischen Auseinandersetzung geübt wird, stellt man sich nicht der Frage, ob die Kritik an Israel berechtigt ist. Das führt doch keinen Millimeter weiter, es verhärtet nur die Diskussion, die dann keine mehr ist, sondern nur noch ein Schlagabtausch.

Man kritisiert vor allem die politische Linke in Deutschland, also Menschen, die politisch links stehen. Da habe sich der Antisemitismus besonders stark eingenistet. Ist diese Behauptung zutreffend?

Das kann man überhaupt nicht so stehen lassen. Antisemitismus, was ursprünglich ein etwas unglücklicher Begriff für den rassistischen Judenhass ist, gehört ideologisch ins rechte Lager und ist damit untrennbar verbunden. Das wissen wir aus der Geschichte, aus dem Geschichtsunterricht, das wissen wir aus der Erfahrung, dass der Antisemitismus untrennbar mit der politischen Rechten verbunden ist. Die Linke ist ideologisch an sich nicht antisemitisch, weder in der religiösen Spielart des Antijudaismus noch in der rassistischen des Antisemitismus. Wenn man generell gegen Juden Stellung bezieht, ist das Antisemitismus. Mir ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass die unbedingte, einseitige und völlig unhinterfragte Parteinahme für oder gegen die eine oder die andere Seite das Problem darstellt.

Aber trotzdem fragt man sich natürlich, warum konzentriert es sich so sehr auf politisch links stehende Menschen? Es ist ja die Hauptrichtung der Kritik der Debatte in Deutschland, was Antisemitismus angeht.

Das überrascht mich nicht so sehr, da ich diese Entwicklung schon sehr lange beobachte. Genauso wie die Denk- und Sprechverbote auf der liberalen, konservativen, bürgerlichen Seite. Da sagt man lieber gar nichts über Israel, als dass man sich den Mund verbrennt. Da ist man lieber still, als dass man gegen irgendeine Sprachregelung verstößt. Diese Duckmäuserei führt aber auch nicht zu irgendeinem politischen Fortschritt. Ich zitiere immer gerne den früheren Bundespräsidenten Johannes Rau, der einmal sagte, man muss doch Kritik üben, das ist doch Freundespflicht! Das ist doch Teil unserer Solidarität mit Israel!

Zur Person

Wolfgang Benz ist Historiker und Vorurteilsforscher und emeritierter Professor. An der Technischen Universität Berlin leitete er bis 2011 das Zentrum für Antisemitismusforschung, das über Vorurteile und ihre Folgen wie Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus forscht.

Aus seiner Feder stammen die Bücher „Allein gegen Hitler: Leben und Tat des Johann Georg Elser“, erschienen im Verlag C.H. Beck. „Erinnerungsverbot? Die Ausstellung ,Al Nakba‘ im Visier der Gegenaufklärung“ (Metropol Verlag).

Nun warf man vom Ausland aus Deutschland vor, die Meinungsfreiheit einzuschränken, da man israelkritische Demonstrationen verboten hatte, es gab sogar einen Boykottaufruf gegen Deutschland. Wie bewerten Sie das?

Ich halte Boykottaufrufe immer und in jedem Fall für schädlich und würde mich auch nie daran beteiligen. Das verhärtet nur die Fronten. Boykottaufrufe halte ich für ganz falsch, das befriedigt nur den Empörungswillen. Ich halte die Meinungsfreiheit in Deutschland schon für gefährdet, wenn etwa Veranstaltungen nicht genehmigt werden, weil man unterstellt, die Veranstaltung stehe der Boykottbewegung BDS nahe, oder wenn man stillschweigend über Ereignisse hinweggeht. Oder wenn es Sprachregelungen gibt, nach denen über bestimmte Dinge wie etwa die Nakba, also das Unglück der Palästinenser durch die Vertreibung aus ihren Dörfern anlässlich der Gründung Israels, nicht gesprochen werden soll.

Wolfgang Benz.

Was meinen Sie damit?

So wird etwa eine Ausstellung über die Nakba, die seriös und wissenschaftlich korrekt ist, nach Kräften behindert, nur weil man an diese Tatsache nicht erinnern will, weil Israel nicht daran erinnert werden will. Und dem folgen dann die deutsche Politik und auch die deutschen Medien sehr duldsam. Nach meiner Beobachtung dürfen Juden in Deutschland mehr ungestraft sagen als Nichtjuden. Wenn es einen Anlass gibt, irgendetwas Kritisches etwa über einen Auftritt des israelischen Botschafters zu sagen, was macht dann das führende Medium, die „Süddeutsche Zeitung“? Sie lädt einen israelischen Oppositionspolitiker ein, gibt ihm Raum, um Kritik zu üben. Das traut sich kein deutscher Journalist oder es wird kein deutscher Kritiker eingeladen. Den macht man dann schnell mit dem Vorwurf der Israel-Unfreundlichkeit, was auf Plattdeutsch mit Antisemitismus übersetzt wird, mundtot.

Jetzt ist es so, dass viele jüdische Intellektuelle öffentlich angegriffen werden, wenn sie sich kritisch zu Israel äußern. Dazu zählen Susan Neiman, Eva Menasse und Deborah Feldman. Ist das eine neue Qualität der Kritik, dass man sich unter Juden gegenseitig vorwirft, antisemitisch zu sein?

Ja, das ist eine neue und überaus beklagenswerte Entwicklung, wenn die Begriffe Antisemit und Antisemitismus zur politischen Kampfparole herabgewürdigt werden, denn das ist mittlerweile das ultimative Argument in diesem Land. Aus gutem Grund will die Mehrheit in Deutschland Antisemitismus, Judenhass, Judenfeindschaft aufgrund unserer geschichtlichen Lasten nicht dulden. Das ist gut und die richtige Reaktion, aber wenn jetzt eine Meinung nicht erwünscht oder nicht konform ist, sie dann als antisemitisch, egal ob man Jude ist oder nicht, zu brandmarken, ist eine bedauerliche Entwicklung.

Es wird auch befürchtet, dass man sozusagen den Begriff verwässert und möglicherweise Antisemitismus so durch die Hintertür auch wiederum stärkt, wenn man so vorgeht.

Wenn praktisch jeder nach Belieben zum Antisemiten erklärt werden darf, dann verliert der Begriff seine Bedeutung. Das können wir uns nicht leisten. Das ist ungefähr die schlimmste Wendung der politischen Kultur und es ist natürlich auch eine ganz große Heuchelei, mit dem Finger immer auf andere zu zeigen, etwa auch auf muslimische Einwanderer, und sie mit dem Begriff Antisemit einfach ein für alle Mal abzustempeln, das lenkt auch vom eigenen unterschwelligen, reichlich vorhandenen Ressentiment gegen Juden ab.

Die Hamas hat ja schreckliche Gräuel angerichtet. Israel reagierte mit einem Krieg. Über 30 000 Menschen sollen schon gestorben sein. Einige auch sehr bekannte Wissenschaftler sprechen von ethnischen Säuberungen, die Israel in Gaza vornehme. Wie sehen Sie das?

Ich halte den Begriff der ethnischen Säuberung seit 30 Jahren für eine ganz große sprachliche Entgleisung. Wer gebraucht ihn, ein Wissenschaftler? Sicher nicht. Dieser Begriff ist nichts weiter als eine Umschreibung und eine Verharmlosung des schrecklichen Vorwurfs eines Genozids. Israel begeht keinen Völkermord! Wer davon spricht, dass es sich hier um einen Völkermord handelt, sollte sich erst einmal kundig machen.

Wann spricht man von einem Genozid?

Ein Genozid ist ein systematisch geplantes, in aller Regel von einem Staat initiiertes und durchgeführtes Vorhaben, ein Volk vollständig auszurotten und zu vernichten. Davon kann doch bei aller Kritik an der Härte des israelischen militärischen Vorgehens im Gazastreifen keine Rede sein. Das würde ja auch die wirklichen Völkermorde relativieren. Der Holocaust war ein Völkermord, der Mord an den Armeniern war ein Völkermord, beides geplant und kaltblütig ausgeführt. Man darf nicht nach Belieben Vorgänge als einen Völkermord, einen Genozid, bezeichnen, wenn einem ein militärisches Vorgehen als überzogen erscheint.

Wie ist es denn umgekehrt mit der Hamas? Sie erklärt ganz offen, dass sie Israel vernichten will. Ist das ein genozidales Vorhaben?

Nein, die Hamas hat nicht die Wirksamkeit und die Kraft, einen Genozid durchzuführen. Die Hamas ist eine terroristische Organisation, die auch vor den skrupellosesten Verbrechen nicht zurückschreckt, das hat sie bewiesen, man kann es nicht deutlich genug sagen. Sie kämpft gegen den Staat Israel und benutzt dazu verbrecherische Methoden.

Wie bewerten Sie denn das Vorgehen der deutschen Regierung in dem Zusammenhang, die sich ja sehr zurückhält mit Kritik an Israel, besonders Kanzler Scholz?

Ich schätze Kanzler Scholz wegen seiner Zurückhaltung in vielen Fragen, besonders, da wir nicht die Lehrmeister der Welt sind. Ausgerechnet die deutsche Regierung muss, glaube ich, nicht als erste der israelischen Regierung Ratschläge geben. Aber die Haltung ist ja eindeutig. Wenn die deutsche Außenministerin bereits fünfmal nach Israel gereist ist, um etwas für den Waffenstillstand zu tun und sich für die Zivilbevölkerung Palästinas einzusetzen, dann ist das doch anerkennenswert und aller Ehren wert. Aber will man wirklich, dass das ehemalige Tätervolk, dass die Nachkommen der nationalsozialistischen Täter des Holocaust, sich als Erste dazu berufen fühlen, der israelischen Regierung Lehren zu erteilen? Das wage ich doch sehr zu bezweifeln. Und an klaren Ansagen, dass es sich um eine humanitäre Katastrophe handelt, fehlt es doch auch nicht.

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