VonSabine Hamacherschließen
Fachmann Benjamin Landes über ein Thema, das immer noch tabu ist, darüber, warum so viele junge Menschen betroffen sind und politische Strategien dagegen.
Herr Landes, Millionen Menschen in Deutschland gelten als einsam. Was genau heißt einsam sein?
Von Einsamkeit sprechen wir immer dann, wenn die Quantität oder Qualität der Kontakte, die ein Mensch hat, nicht seinen Erwartungen entspricht. Man kann nicht von außen sehen, ob jemand einsam ist, das ist sehr subjektiv. Einige Menschen fühlen sich einsam, obwohl sie mit ganz vielen Leuten Kontakt haben, andere haben dagegen nur wenige Beziehungen und sind trotzdem nicht einsam.
Alleinsein ist keineswegs gleichzusetzen mit Einsamkeit.
Genau. Allein zu sein, gehört zum Leben, es kann auch viele positive Effekte haben. Wir sprechen nur dann von Einsamkeit, wenn es ein schmerzhaftes Gefühl ist, wenn man darunter leidet.
Und das kommt auch bei Menschen vor, die, von außen betrachtet, eingebunden sind?
Es ist noch viel Forschung nötig, aber wir gehen im Moment davon aus, dass die meisten einsamen Menschen in Beziehung zu anderen leben, also durchaus unter Menschen sind.
Sie sprechen aber nicht von Menschen in Partnerschaften?
Doch, durchaus. Eines der großen Missverständnisse über Einsamkeit ist, dass sie nur durch soziale Isolation, also durch das Fehlen von Beziehungen ausgelöst wird. Aber gerade auch belastende Beziehungen können einsam machen. Denken sie etwa an Ehen, in denen intime Gewalt stattfindet. Am Ende sind es hochqualitative und nicht einfach Partnerschaften, die vor Einsamkeit schützen. Schlechte Partnerschaften können Einsamkeit sogar hervorrufen.
Vor allem zwei Gruppen sind laut jüngeren Studien von Einsamkeit betroffen – zum einen sehr alte Menschen, zum anderen die jungen Erwachsenen unter 30. Was sind die Gründe?
Wir haben in Deutschland seit Messbeginn Anfang der Neunzigerjahre eine relativ stabile Einsamkeitsentwicklung. Die Hochaltrigen, also Menschen über 75, waren immer die am stärksten betroffene Gruppe. Je jünger die Menschen, desto geringer war die Einsamkeitsprävalenz. Das hat sich in der Pandemie genau umgedreht. 2020 waren plötzlich die jungen Erwachsenen, also die 18- bis 29-Jährigen, die am stärksten betroffene Gruppe. Je älter die Personen, desto weniger einsam waren sie. Diese Altersverteilung hat sich auch nach der Pandemie laut unseren Zahlen gehalten. Im Moment sind also tatsächlich die jungen Erwachsenen am stärksten betroffen.
Wie lässt sich das erklären?
Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, was die Menschen von Beziehungen erwarten. Junge Erwachsene haben häufiger und mehr Kontakt zu anderen, und gerade das ist in den Lockdowns nicht möglich gewesen. Zudem findet in dem Alter ja häufig der Aufbau eines eigenen Lebens mit neuen Bekanntschaften oder auch einem neuen Wohnort statt. Hier sind vielleicht Lücken entstanden, die sich nur schwer schließen lassen. Auf der anderen Seite können vermutlich Ältere aufgrund ihrer Lebenserfahrung mit Einsamkeit besser umgehen. In der Pandemie haben sie sich als resilienter erwiesen als die jüngeren.
Die Pandemie war sicher ein Einschnitt. Aber davon abgesehen: Unsere Gesellschaftsstruktur, unser Wirtschaftssystem mit viel Mobilität und Optionen für das eigene Leben fördern den Individualismus. Ist die Kehrseite davon zwangsläufig wachsende Einsamkeit – ausgelöst durch eine Trennung, einen Jobwechsel oder einen Umzug?
Ja und nein. Natürlich dynamisieren sich unsere Beziehungsgeflechte. Wir können sie freier gestalten, wir können den Job wechseln oder Beziehungen abbrechen. Das erhöht zumindest das Einsamkeitsrisiko. Gleichzeitig haben wir deutlich mehr Macht darüber, mit wem wir eine Beziehung eingehen. Der wichtigste Schutz vor Einsamkeit sind gute Primärbeziehungen, also gute Beziehungen zu Lebenspartner:innen, Freund:innen und Verwandten. Darüber konnten wir, historisch betrachtet, noch nie so frei entscheiden wie heute. Wenn uns die Primärbeziehungen nicht mehr passen, ziehen wir weg oder beenden sie und fangen neue an. Aber wenn Primärbeziehungen abreißen, ohne dass wir das wollen, ist die Gefahr auch höher, einsam zu werden. Auf der einen Seite bringen die gesellschaftlichen Entwicklungen also Schutz, auf der anderen aber ein latentes – vielleicht auch nur empfundenes – Risiko, zu vereinsamen. Die Einsamkeit ist gefühlt einen Beziehungsabbruch entfernt.
Zur Person
Benjamin Landes ist Direktor des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) in Frankfurt. Er leitet das Kompetenznetz Einsamkeit (KNE), das am ISS angedockt ist. Das Projekt beschäftigt sich mit den Ursachen und Folgen von Einsamkeit.
Das Netzwerk ist Teil der Strategie der Bundesregierung im Kampf gegen Vereinsamung und soll Wissen und Erfahrungen bündeln und in die politische und gesellschaftliche Praxis einfließen lassen. Ende Mai veröffentlichte das Bundesfamilienministerium das „Einsamkeitsbarometer 2024“, das die Langzeitentwicklung im Blick hat.
Angebote zu Hilfe und Beratung finden sich hier:
https://kompetenznetz-einsamkeit.de/einsamkeit/angebote-fuer-betroffene
Was sind die Folgen?
Da ist zwischen persönlichen und gesellschaftlichen Folgen zu unterscheiden. Auf der persönlichen Ebene ist Einsamkeit mit einer höheren Sterblichkeit verbunden, mit Depressionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und anderen Krankheiten. Der Schmerz im Körper kann viel auslösen. Zu dieser körperlichen Seite kommt: Menschen, die chronisch einsam sind – und das ist die wichtige Unterscheidung – erfahren einen generalisierten Vertrauensverlust. Sie ziehen sich zurück, haben eine verzerrte Wahrnehmung von ihren Beziehungen und sozialen Situationen, sie werden misstrauischer, trauen sich auch weniger zu und geraten dann in einen Teufelskreis, aus dem sie nur sehr schwer herausfinden.
Es gibt Anzeichen dafür, dass einsame Menschen seltener wählen gehen und anfälliger sind für autoritäres Gedankengut und Verschwörungsideologien. Damit strahlt das Problem auf die Gesellschaft zurück.
Ja, dieser generalisierte Vertrauensverlust bezieht sich auch auf Institutionen. Vertrauen in soziales Gefüge nimmt ab, und das hat nachweislich diese Auswirkungen. Wir haben im Einsamkeitsbarometer auch nach der Wahlbeteiligung gefragt. Es ist so, dass sich einsame Menschen zu zehn Prozent weniger an Wahlen beteiligen würden als nicht einsame.
Und die Menschen, die sich zurückziehen und misstrauischer werden, sind anfälliger für autoritäre Ideologien?
Im „Einsamkeitsbarometer 2024“ haben wir festgestellt, dass es bei einsamen Menschen einen erhöhten Glauben an Verschwörungsideologien gibt. Andere Studien haben dies vor allem unter Jugendlichen nachgewiesen.
Die Reihe
Einsamkeit ist für immer mehr Menschen in allen Altersgruppen und Schichten ein Thema, Tendenz steigend. Die Pandemie hat diese Entwicklung verstärkt.
Wie eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) ergeben hat, fühlt sich gut jede dritte Person zwischen 18 und 53 Jahren zumindest teilweise einsam.
Das ist auch für die Gesellschaft ein riesiges Problem: Wer sich häufig einsam, unverbunden und unverstanden fühlt, neigt mit höherer Wahrscheinlichkeit zu Verschwörungserzählungen und billigt politische Gewalt und autoritäre Haltungen.
Was hilft gegen Einsamkeit, wer ist besonders betroffen und was kann die Politik tun? Die FR geht in einer losen Reihe diesen und weiteren Fragen nach.
Alle Folgen finden Sie hier:
Mit welchen politischen Strategien lässt sich dagegenhalten, und wo steht Deutschland in diesem Prozess? Großbritannien scheint schon sehr weit zu sein.
Großbritannien war schon früh sehr aktiv, hat vor allem eine sehr gute Öffentlichkeitsstrategie gefahren und einen Undersecretary innerhalb eines Ministeriums für das Thema benannt. Deutschland hat 2020 das Kompetenznetz Einsamkeit gegründet, das hier am Institut verortet ist, und einen etwas anderen Weg gewählt, den ich aber sehr passend finde. Es gibt bundesweit sehr viele Initiativen, die etwas gegen Einsamkeit tun, auch im digitalen Raum. Die Wohlfahrtsverbände sind schon seit sehr langer Zeit aktiv, um zum Beispiel alten Menschen Begegnungsräume zu schaffen. Das Kompetenznetz hat sich zur Aufgabe gesetzt, das alles zusammenzubringen und vor allem auch mit der Wissenschaft zu verknüpfen. Das hat sich in den letzten zwei, drei Jahren als sehr erfolgreich erwiesen. Im Dezember hat die Bundesregierung ihre Strategie gegen Einsamkeit verabschiedet, mit ähnlichen Maßnahmen. Politisch ist wichtig, das Thema öffentlich zu machen, es ist immer noch ein Tabu. Wer geht schon gerne raus und sagt: Ich bin einsam? Dafür zu sorgen, dass über das Problem gesprochen werden kann, um zu sehen, wo wir zusammen helfen können, finde ich eine wichtige politische Aufgabe.
Und auch auf anderen Gebieten müsste die Politik gegensteuern. Es ist doch so, dass arme Menschen häufiger einsam sind als wohlhabende?
Das ist zweifellos so. Menschen, die in Armut leben, sind stärker von Einsamkeit betroffen. Sie haben weniger belastbare soziale Kontakte, es fehlen Netzwerke, die ihnen aus ihrer Situation heraushelfen könnten. Das gilt nicht nur für ärmere Menschen, sondern für alle Gruppen, die in der Gesellschaft benachteiligt sind. Bei Alleinerziehenden, Menschen mit Behinderung oder chronischer Erkrankung und Menschen mit Fluchterfahrung sind die Einsamkeitswerte deutlich höher als in der übrigen Bevölkerung.
Viel zu tun für die Politik!
Es ist auf jeden Fall richtig, Forderungen an die Politik zu stellen. Aber die Linderung von Einsamkeit geht uns alle an. Das betrifft ganz direkt die Frage, wie wir leben – in unseren Beziehungen, in den Dörfern oder auch im Kiez in der Stadt. Fällt es uns auf, wenn die Tür nebenan nicht mehr aufgeht? Nehmen Eltern wahr, dass Jugendliche sich zurückziehen? Es geht darum, ob wir aufeinander achten und wie wir innerhalb der Gesellschaft verbunden sind.
Sind die sozialen Medien eher Grund für Einsamkeit oder helfen sie dagegen?
Sie können helfen, schaffen aber nicht die vertieften Beziehungen, die wir brauchen, um Einsamkeit wirklich zu vermeiden. Auf der einen Seite sind soziale Medien für einsame Menschen ein wunderbarer Raum, um niedrigschwellig in Kontakt mit anderen zu kommen. Auf der anderen Seite können Nähe und Intimität über Online-Beziehungen nicht in der Form hergestellt werden wie über Offline-Kontakte. Man muss sich auch mal in den Arm nehmen können oder gemeinsam etwas aushalten. Soziale Medien sind also Fluch und Chance zugleich.

