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Progressiv, aber nicht sozialistisch

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Mitherausgeber Adam Tooze.
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Auf dem Medienmarkt gibt es seinen Neuankömmling: Das „Surplus Magazin“ kann mit spannenden Ökonomen und Ökonominnen aufwarten.

Seit dem Ende der Monatszeitung „Oxi“ sehnen sich viele Linke nach einem neuen Wirtschaftsmedium, das die Lücke der linken ökonomischen Kritik füllen kann. Seit dem Beginn des neuen Jahres versucht sich das „Surplus Magazin“ in dieser Rolle. „Oxi“ sei toll gewesen, man wolle aber erfolgreicher, moderner, prominenter sein, sagt Surplus-Chefredakteur Lukas Scholle der FR. Der Ökonom war eine Zeitlang als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Finanzpolitik im Bundestag tätig und als Redakteur für Finanzthemen beim progressiven Jacobin-Magazin.

„Ein Wirtschaftsmagazin, das die Interessen der großen Mehrheit ins Zentrum stellt“, sagt Scholle. Das sei die Vision gewesen. Im Frühjahr 2024 tat er sich mit Ole Rauch, Verleger des Brumaire Verlags zusammen und machte die Pläne konkret. Zum Brumaire Verlag gehört auch Jacobin. Chefredakteurin war bei Gründung die heutige Linkspartei-Chefin Ines Schwerdtner.

Surplus hat eine keynesianische Ausrichtung. „Eigentlich post-keynesianisch, aber damit können viele wahrscheinlich nichts anfangen“, sagt Scholle. „Progressiv“ ginge auch, „aber nicht sozialistisch“. Man wolle nichts verkaufen, was nicht drin steckt.

Keynesianismus, das ist kurz zusammengefasst die Wirtschaftstheorie nach dem Ökonomen John Maynard Keynes, der der Meinung war, der Markt könne nur mit staatlichen Eingriffen, allen voran Investitionen oder auch Schulden funktionieren. Andere halten das für eine Möglichkeit, den Kapitalismus am Leben zu erhalten, wenn er scheitert, sich also in der Krise befindet. In der aktuellen Wirtschaftskrise sehen viele einen ausgearteten Wirtschaftsliberalismus den Auslöser, die Rufe nach mehr Regulierungen werden wieder stärker. Während CDU, SPD, FDP und Grüne versuchen, die Wirtschaft mit Aufrüstung in Form von Sondervermöge anzukurbeln, wollen linke Keyensianer:innen Investitionen in Soziales und Infrastruktur tätigen. Das Surplus Magazin nennt ersteres Militär-Keyensianismus.

Sowohl (post-)keynesianisch als auch prominent ist die Besetzung durchaus. Herausgegeben wird das Magazin von Isabella M. Weber, Adam Tooze und Maurice Höfgen. Weber ist vielen spätestens seit der Corona-Pandemie ein Name. Ihre Theorien zu strategischen Preiskontrollen und zu Übergewinnen von Unternehmen als Inflationstreiber, wurden anfangs genauso kritisiert, wie ihr Vorschlag eines Gaspreisdeckels. In jedem dieser Fälle verstummte die Kritik schnell, nachdem Studien ihre Arbeit deckten. Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman, der ihre Theorie zu Preiskontrollen als „dumm“ bezeichnet hatte, entschuldigte sich sogar.

Die Arbeit des Ökonomen Adam Tooze halten heute immer mehr Menschen für relevant. So beschrieb er in seinem als Standartwerk geltenden Buch „Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus“, wie ökonomischer Aufschwung und Militarisierung zusammenhängen. 2023 kritisierte er im Guardian zusammen mit anderen Autor:innen einen Beitrag von Jürgen Habermas zu wachsendem Antisemitismus. Diesem warfen sie vor, Partei für Israel zu nehmen und fanden es berechtigt, darüber zu reden, ob es sich bei Israels Krieg um einen Genozid handeln könnte.

Maurice Höfgen ist vor allem einem jüngeren Publikum bekannt. In Deutschland gilt er als einer der lautesten Vertreter der umstrittenen Modern Monetary Theory (MMT). Verkürzt gesagt sind laut der MMT Staaten Währungsmonopolisten und könnten Vollbeschäftigung erreichen, indem sie neues Geld schaffen.

Wirtschaftsthemen des Alltags

Warum es Surplus brauche? „Weite Teile der relevanten Wirtschaftspresse haben eine klare Ausrichtung zu Gunsten der Chefs und Reichsten. Obendrauf kommen Ökonomen und Politiker, die den Rentenzuschuss kürzen, die Mehrwertsteuer erhöhen und Feiertage streichen wollen“, sagt Scholle. Dem wolle die Redaktion etwas entgegensetzen: „Ein Wirtschaftsmagazin, das sich um die Wirtschaftsthemen des Alltagslebens kümmert, wie Mieten, Preise und Löhne.“

Das gelingt zumindest zum Teil. Viele Artikel beschäftigen sich dann doch auf wirtschaftstheoretischer Ebene mit diesen Themen. „Trumps Nationalkapitalismus wird scheitern“, „Warum die SPD tief in der Krise steckt“, „Wie wir den digitalen Feudalismus überwinden“. Der Onlineauftritt wirkt beinahe wie der eines Thinktanks für sozialdemokratische Wirtschaftspolitik. Aber vielleicht ist das auch die Zielgruppe. Texte, nah an der Lebensrealität normaler Menschen finden sich dennoch: „Hamburgs extreme Ungleichheit“, „Die Diätenerhöhung im Bundestag wäre ein blanker Hohn“ oder „Balkan: Hunderttausende boykottieren Supermärkte wegen hoher Preise“.

Das versucht die Redaktion sowohl online, ohne Paywall, als auch mit einem Print-Magazin. Für Aufmerksamkeit ist gesorgt. Die Tickets für die Launchparty im Februar waren schnell ausverkauft, Gäste aus der Berliner Jacobin Bubble aber auch darüber hinaus füllten den Saal des Heimathafens in der Neuköllner Karl-Marx-Straße. Die Nachfrage nach dem Magazin ist da, es soll sich fast ausschließlich über Verkäufe finanzieren, so Scholle.

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