Aufstand in Treblinka

Aufstand im Vernichtungslager – „Täglich reicher an Blut“

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Zentrales Monument und Granitblöcke in der Gedenkstätte Treblinka in Polen. Foto von 1964.
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Im Vernichtungslager Treblinka kämpften vor achtzig Jahren die Gefangenen für ihre Freiheit und um ihr Leben.

Am 2. August 1943 kam es in Treblinka zum ersten Mal zu einem bewaffneten Aufstand in einem nationalsozialistischen Vernichtungslager.

Er fand statt, als an eine Befreiung des Lagers durch sowjetische Truppen noch nicht zu denken war. Viele Aufständische kamen schon in ihm um. Ein zweiter fand am 14. Oktober 1943 im einhundert Kilometer entfernten Sobibor statt. In Treblinka gelang sechshundert Gefangenen die Flucht in die umgebenden Wälder. Die meisten von ihnen wurden dort aber in einer tagelangen Hetzjagd mit Hunden wieder eingefangen, erschossen oder vergast. Wohl sechzig Menschen überlebten. Nach dem Aufstand wurden am 21. August 1943 noch 8000 Juden vergast, die in zwei Zügen gekommen waren. Danach begann der Abbau des Lagers. Es wurden Lupinen gepflanzt. Am 17. November 1943 verließ der letzte Transport mit Restmaterialien das Gelände. In der Folgezeit entstand auf dem Gelände zur Tarnung ein Bauernhof, so steht es auf Wikipedia.

Die Aufständischen vom 2. August 1943 gehörten zu denen, die nicht gleich vergast worden waren. Aus den in Zügen zum Vernichtungslager gebrachten jüdischen Familien wählte die SS stets ein paar Menschen – meist Männer – als Helfer aus. Die schoren zum Beispiel den Frauen die Haare, packten sie in Säcke, sortierten Kleidungsstücke und transportierten die Leichen aus den Gaskammern weg. Sie gruben sie auch wieder aus, als die SS sich entschloss, die Leichen nicht mehr in ausgebaggerte Erdlöcher zu werfen, sondern sich entschied, sie zu verbrennen.

Nur die Helfershelfer überlebten die ersten zwei Tage, die anderen wurden sofort vergast. Nur die Helfershelfer konnten einen Aufstand organisieren.

Den Befehl zur Errichtung des Vernichtungslagers Treblinka gab Heinrich Himmler im April 1943. Der Bau war eines der Projekte der Aktion Reinhard. Das war der Deckname für die geplante komplette Vernichtung der Juden, gewählt nach Reinhard Heydrich. Treblinka liegt etwa einhundert Kilometer nordöstlich von Warschau. In einer Landschaft, die eine Einöde ist aus Kiefern und Sand. Das wurde bald anders: „Die traurigen Waggons bringen mich zu diesem Ort. Sie kommen von überall her, von Osten und Westen, von Norden und Süden. Tag und Nacht und zu jeder Jahreszeit, Frühling, Sommer, Herbst, Winter. Die Transporte kommen reibungslos, ununterbrochen, und Treblinka wird täglich reicher an Blut. Je mehr gebracht wird, desto mehr kann Treblinka aufnehmen.“ So schreibt Chil Rajchman, einer der Überlebenden des Aufstands, in seinen schon 1943/44 auf der Flucht entstandenen, auf Jiddisch verfassten Aufzeichnungen. Es waren diese Sätze, die Claude Lanzmann zu seinem Film „Shoah“ inspirierten.

Die Gesamtzahl der zwischen 22. Juli 1942 und 21. August 1943 ermordeten Menschen im Vernichtungslager Treblinka liegt deutlich über 700 000 und wird von anderen Wissenschaftlern sogar auf mehr als eine Million Menschen geschätzt. Es liegen aus Treblinka keine Statistiken vor.

Möglicherweise wurden hier auch keine mehr geführt. Es ging hier schließlich um restlose Vernichtung. Im Oktober 1943 hielt Heinrich Himmler die berühmte Posener Rede an seine SS-Führer, in der er auch über die Judenvernichtung sprach: „Ich will hier vor Ihnen in aller Offenheit auch ein ganz schweres Kapitel erwähnen. Unter uns soll es einmal ganz offen ausgesprochen sein. Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes. Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht. Ausschaltung der Juden, Ausrottung, machen wir. Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte, denn wir wissen, wie schwer wir uns täten, wenn wir heute noch in jeder Stadt – bei den Bombenangriffen, bei den Lasten und bei den Entbehrungen des Krieges – noch die Juden als Geheimsaboteure, Agitatoren und Hetzer hätten. Wir würden wahrscheinlich jetzt in das Stadium des Jahres 1916/17 gekommen sein, wenn die Juden noch im deutschen Volkskörper säßen. Wir hatten das moralische Recht, wir hatten die Pflicht gegenüber unserem Volk, dieses Volk, das uns umbringen wollte, umzubringen.“

Ein Täter findet zur Tat erst, wenn er sich als Opfer des Opfers begreift. Oder geschieht es erst nachträglich als Rechtfertigung?

Im März 1966 erscheint in Paris „Treblinka: La révolte d’un camp d’extermination“. Autor war der 28-jährige Jean-Francois Steiner. Begleitet wurde das Buch von einem Vorwort von Simone de Beauvoir, von Vorabdrucken in „Les Temps Modernes“ und im „Nouvel Observateur“. Dazu kam ein Interview in der gaullistischen Zeitschrift „Le Nouveau Candide“. Auf dem Titel ein Hakenkreuz, das über- und unterschrieben war mit: „Die Juden – Was man niemals zu sagen wagte“. Es war das erste Mal, schrieb ein Beobachter, dass nach der deutschen Besatzung wieder Hakenkreuze an jedem Zeitungsstand zu sehen waren und dazu ein Text wie aus dem „Stürmer“. Interview und Buch führten zu einer Debatte, in deren Verlauf sich die Haltungen zu Nationalsozialismus und Judentum veränderten. Bis zur Treblinka-Debatte sprach man vom Nationalsozialismus als von einem KZ-Staat. Die Treblinka-Debatte rückte den Unterschied zwischen Konzentrations- und Vernichtungslager in den Fokus. Konzentrationslager gab es überall auf der Welt. Die gezielte Vernichtung einer ganzen Population war etwas anderes. Es mochte welthistorisch einmalig sein oder auch nicht. Es war jedenfalls etwas anderes als das Einsperren von Menschen oder deren Vernichtung durch Arbeit. Die Mitglieder der Résistance mögen erschossen oder interniert worden sein. Sie wurden es, weil sie etwas getan oder einer Tat verdächtigt worden waren. Juden dagegen wurden vernichtet, um mit Himmler zu reden „ausgerottet“, weil sie Juden waren. Anpassung bot ihnen keine Überlebenschance.

Diese Unterscheidung war in der Sowjetunion systematisch eingeebnet worden. Die Organisation sowjetischer Juden wurde aufgelöst. Das von Ilya Ehrenburg und Wassili Grossmann geschriebene Schwarzbuch über deren Vernichtung durfte nicht erscheinen. Beide stammten übrigens aus der ukrainischen Sowjetunion. Es dauerte auch im Westen lange, bis die „Holocaust-Studies“ sich als eigenes Forschungsfeld etablieren konnten.

Der zweite für Steiner wichtige Punkt wurde deutlich, als er gefragt wurde, warum Vernichtungslager wie Treblinka weniger erforscht wurden als Konzentrationslager. Da antwortete er: „In den Vernichtungslagern machten sich die Juden zu Komplizen ihrer Vernichtung. Die Vernichtungsmaschine, die die Deutschen eingerichtet hatten, sollte wie von selbst laufen.“

Gegen diese Vorstellung wehrte sich Jean-Francois Steiner. Er war Jude, aber darum noch lange kein Opfer. Darum war Treblinka für ihn so wichtig. Es war die wohl effizienteste Tötungsmaschine der Nazis. Aber genau dort hatte es auch Widerstand gegeben. Einen Widerstand, der nicht – so sah das Steiner – wie im Warschauer Ghetto den Tod vor Augen dem aufgezwungenen vorzog. Treblinka war anders.

Die Inhaftierten, so beschrieb es Steiner, sahen durch den Zaun hindurch auf Blumen und Bäume. Sie riskierten den Tod, aber sie taten es, um zu leben. Das war für Steiner die Botschaft von Treblinka.

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