VonMartina Lipplschließen
Vor dem Urlaub will es wohl keiner hören: Müll im Meer ist ein Problem, besonders im Mittelmeer. Ein Forscherteam hat jetzt eine detaillierte Karte veröffentlicht.
Frankfurt – Auf der Meeresoberfläche treiben Unmengen Müll. „Alle 60 Sekunden landet eine LKW-Ladung Plastik in den Weltmeeren“, so die Europäische Weltraumorganisation Esa. Doch wo und wie genau verteilt sich dieser ganze Dreck im Meer? Das wollten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mithilfe von Satelliten herausfinden. Das Ergebnis: eine detaillierte Karte von Müllteppichen im Mittelmeer.
Müll im Mittelmeer – Karte deckt Hotspots in Urlaubsregionen auf
Das Forscherteam identifizierte fast 14.400 Müllstreifen, die eine Fläche von 94,5 Quadratkilometern bedecken. Zu den Hotspots der Müllansammlung gehören die Küstenregionen von Italien, Griechenland, Spanien, Algerien, Tunesien und der Türkei.
Besonders schlimm ist es an der italienischen Küste von Triest bis Venedig, in Süditalien zwischen Neapel und Kalabrien sowie an der Ostküste Griechenlands. Müllstreifen an der Südküste Spaniens, sowie an der südlichen Küste der Türkei, wo sich die Urlaubsorte Antalya, Alanya und Side befinden, sind rot auf der Karte markiert.
Müllstreifen im Mittelmeer bis zu 20 Kilometer lang
Diese Müllstreifen, auch als „Litter Windrows“ bezeichnet, sind oft filamentförmig und können bis zu 20 Kilometer lang sein, berichten die Forschenden in einer im Fachmagazin Nature Communications veröffentlichten Studie.
„Wir wussten nicht, ob die Fülle an Müllschwaden ausreichte, um Karten zu zeichnen oder Trends im Laufe der Zeit aufzudecken“, bemerkt Andrés Cózar von der Universität Cádiz, Co-Direktor des Projekts laut einer Pressemitteilung der Esa. „Die Suche nach Müllansammlungen von metergroßer Größe auf der Meeresoberfläche ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen“, erklärt Manuel Arias vom Institute of Marine Sciences in Spanien, Co-Leiter des Projekts.
Supercomputer und Algorithmen spielen bei der Müll-Suche große Rolle
Mithilfe von Algorithmen und Supercomputern konnte das Forscherteam jedoch Müllstreifen auf der Meeresoberfläche identifizieren. Forschende der Universität Cádiz und der Esa scannten alle drei Tage Satellitenbilder aus dem gesamten Mittelmeerraum und analysierten diese anhand von 300.000 historischen Satellitenbildern.
Das Team fand Tausende von Müllbergen im Meer, viele waren mehr als einen Kilometer lang, einige bis zu 20 Kilometer. Genug, nach Angaben der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, um „eine vollständige Karte der Meeresverschmutzung durch Abfälle“ zu erstellen. „Durch die Mülldetektion mit einem nicht spezialisierten Satelliten konnten wir die am stärksten verschmutzten Gebiete und ihre größten Veränderungen über Wochen und Jahre hinweg identifizieren“, kommentiert Andrés Cózar.
„Besonders bei Starkregenereignisse und Überschwemmungen gelangen große Mengen Müll vom Land ins Mittelmeer“, erklärt der Wissenschaftler auf Anfrage von IPPEN.MEDIA. Diese Ereignisse sind laut der Studie überwiegend für den Müll im Meer verantwortlich. Während Küstenströmungen und windgetriebene Oberflächenbewegungen die Hauptursache für seine Verteilung in die Ozeane sind.
„Der Hauptgrund dafür, dass das Mittelmeer ein globaler Müll-Hotspot ist, liegt darin, dass es sich um ein geschlossenes Meer handelt, umgeben von Land und mit geringer Ausbreitungskapazität“, so Andrés Cózar.
Die Karte ist laut den Forschenden ein wertvolles Werkzeug für die Überwachung und das Management der Meeresverschmutzung. Sie zeige nicht nur die aktuellen Verschmutzungsgebiete, sondern kann auch Trends über die Zeit aufdecken. Zudem sei die Karte besonders nützlich, um die Wirksamkeit von Maßnahmen und Aktionsplänen gegen Meeresmüll zu bewerten und gezielte Reinigungsaktionen zu planen.
Such- und Rettungseinsätze per Satelliten aus dem Weltraum
„Das Tool kann nun auch in anderen Regionen der Welt eingesetzt werden. Ich bin überzeugt, dass es uns viel über das Phänomen der Vermüllung beibringen wird“, sagt Manuel Arias. Plastik ist inzwischen überall. So ertrinkt auch das Traumziel Bali in Plastikmüll.
Es gebe nach Raum für Verbesserungen, betont Andrés Cózar. „Der in unserem Nachweis verwendete Sensor war nicht für die Erkennung von Plastik ausgelegt. Die Erkennungsfähigkeit würde sich enorm verbessern, wenn wir eine Beobachtungstechnologie in die Umlaufbahn bringen würden, die auf Plastik im Meer zugeschnitten ist.“
Um aus dem Weltraum von einem Satelliten wahrgenommen zu werden, muss sich der Müll auf einem Haufen von mindestens zehn Metern sammeln – bisher. Mit speziellen Sensoren könnte sich das ändern.
„Die satellitengestützte Überwachung erweist sich als echter Wendepunkt für die Erforschung und Bewirtschaftung von Abfällen im Meer“, heißt es in der Studie. Die Überwachung im Meer könnte auch für andere Bereiche interessant sein, beispielsweise um Ölverschmutzungen zu überwachen oder Verluste von Frachtern oder sogar zur Suche und Rettung auf hoher See. (ml)
Rubriklistenbild: © Screenshot Googlemaps/ A. Cózar, M. Arias/Nature Communications/Montage

