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Ein Flammenmeer bedroht das Erbe intellektueller Größen: Auch Frido Mann bangt um das Haus seines Großvaters Thomas Mann in Pacific Palisades.
Die Hoffnungen waren groß bei der Wiedereröffnung des Thomas-Mann-Hauses in Pacific Palisades. Dies könne ein Ort sein, an dem der Geist des großen Schriftstellers weiter gepflegt werde, hieß es im Jahr 2018. Thomas Mann hatte sich bekanntlich Kalifornien als Exil ausgesucht. Von dort aus schrieb er seine Rundfunkreden „Deutsche Hörer“, die zwischen 1940 und 1945 über den Äther den Widerstandsgeist der deutschen Bevölkerung gegen das brutale Hitler-Regime wecken sollten. Dieses Haus könne eine neue transatlantische Brücke werden, die auch von den Regierungen in Washington und Berlin genutzt werden könne, hoffte Frido Mann, der maßgeblich an der Wiederinstandsetzung des Hauses beteiligt war.
Doch ausgerechnet im Thomas-Mann-Jahr (man begeht seinen 150. Geburtstag und 70. Todestag in einem) muss sein Lieblingsenkel um den Fortbestand des Gebäudes fürchten. Ein kleines Feuer in dem Wohngebiet Pacific Palisades hat sich durch Winde zu einem Großbrand ausgeweitet, der nun weite Teile von Los Angeles bedroht.
Die Oscar-Nominierungen mussten verschoben werden, da die Flammen den Hollywood Boulevard erreicht haben und damit historische Teile der dort ansässigen Film-Traumfabrik. Das Zentrum solle schnellstmöglich evakuiert werden, forderten die Behörden.
„Natürlich bin ich in Sorge“, sagte Frido Mann der Frankfurter Rundschau auf Nachfrage. „Aber am Mittwoch war das Thomas-Mann-Haus noch nicht im Gefahrenbereich.“ Am Donnerstag wollte er sich noch einmal ein neues Bild von der Lage machen, erklärte Frido Mann. Man sei zutiefst betroffen von der Entwicklung, ließ das Thomas Mann Haus verlauten. Alle Fellows und Angestellten seien jedoch in Sicherheit. Die Auswirkungen werde man wohl erst in den nächsten Tagen erkennen können. Auch die Villa Aurora, das frühere Domizil des Schriftstellers Lion Feuchtwanger und seiner Frau Marta während ihres Exils, ist bedroht. Das Getty-Villa-Museum soll beschädigt, die Kunst aber gerettet worden sein. Thomas Mann hatte Kalifornien als Zufluchtsort gewählt, da ihm, dem Künstler und Schriftsteller, das universitäre Leben in Princeton, wo er und seine Frau Katia sich zuerst aufgehalten hatten, nicht so recht behagen wollte.
Am 12. März 1938 schrieb er seinem Sohn Klaus: „Ost oder West? Princeton, wo wir neulich waren, ist sehr hübsch. Aber ich fürchte mich etwas vor der Gelehrten-Atmosphäre, und das Movie-Gesindel in Hollywood ist mir im Grunde lieber.“
Das Gebiet um Pacific Palisades ist aus deutscher Sicht nicht irgendein Ort. Hierhin flohen viele der klügsten deutschen Köpfe vor den Nationalsozialisten. Was heute in Flammen steht, war einst der Zufluchtsort vor dem Totalitarismus. „Deutschlands Verlust ist Amerikas Gewinn“, hieß es damals angesichts des deutschen Exodus. Mann schrieb hier seinen „Doktor Faustus“, Adorno verfasste seine „Minima Moralia“ und gemeinsam mit Horkheimer die „Dialektik der Aufklärung“.
Die Adressen der Geflüchteten und anderer dort residierender Schriftsteller, Musiker oder Gelehrter sind noch heute zugänglich: Hanns Eisler, 689 Amalfi Drive; Lion Feuchtwanger, 620 Paseo Miramar; Aldous Huxley, 701 Amalfi Drive; Christopher Isherwood, 145 Adelaide Drive; Thomas Mann, 740 Amalfi Drive (bis 1941), dann 1550 San Remo Drive; Theodor W. Adorno, 316 Kenter Avenue; Max Horkheimer, 13524 D’Este Drive; Arnold Schönberg, 116 N. Rockingham Avenue; Bertolt Brecht, 817 Twenty-fifth Street (1941/42), dann 1063 Twenty-sixth Street (1942–1947); Heinrich Mann, 2145 Montana Avenue (1948–1950), vorher 301 S. Swall Drive; Jean Renoir, 1273 Leona Drive; Alfred Döblin, 1347 Citrus Avenue; Rudolph Schindler, 835 N. Kings Road – um nur einige zu nennen.
Sie verteilten sich nicht nur auf Pacific Palisades, sondern auch auf Beverly Hills, Brentwood, Santa Monica, West Hollywood und Hollywood. Aufgelistet findet man sie in Karl Schlögels Buch „American Matrix“. Dort verweist der Historiker auch darauf, dass sich das internationale und innenpolitische Klima in den USA radikal verändert hatte: „Aus den einstigen Verbündeten im Kampf gegen Hitler wurden Gegner. Auf eine kurze Übergangszeit folgte der Kalte Krieg. Was die liberale, kosmopolitische Gemeinde einmal ausgezeichnet hatte – ihre Weltoffenheit, ihre zahllosen Verbindungen über Parteigrenzen hinweg, ihre Nähe zum Amerika des New Deal –, nährte jetzt den Verdacht ,unamerikanischen Verhaltens‘. Eine Welle der Denunziationen, der Verhöre und Berufsverbote ging über Amerika hinweg. Ganz besonders traf es die Welt in und um Hollywood herum“, schreibt Schlögel. Für Thomas Mann war dies der Grund, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten wieder zu verlassen. Er und seine Familie siedelten in die Schweiz über.
Die Geschichte des von ihm früher bewohnten Hauses war äußerst wechselhaft. Vor der Wiedereröffnung 2018 gab es ein zähes Ringen, ob die deutsche Bundesregierung diesen Ort mit hoher symbolischer Kraft einfach aufgeben sollte. Nun ist das Gebäude ausgerechnet in einer Zeit, in der sich mit Donald Trump ein protofaschistischer Politiker anschickt, ins Weiße Haus zurückzukehren, durch das Feuer bedroht. Es scheint beinahe, als wolle die Natur mit einem Flammenmeer daran erinnern, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist.

