Zweiter Weltkrieg

8. Mai 1945: Tag der Befreiung – wovon?

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Der Blick auf den 8. Mai 1945 in Ost und West, damals und später.

Am Anfang des deutschen Staates steht die Staatsgründung mit ihrer alt-neuen demokratischen Verfassung samt dem Grundgesetz. Die Voraussetzung dafür war das Kriegsende am 8. Mai 1945, dessen 80. Wiederkehr wir in diesem Jahr begehen. In Italien endete der Krieg bereits am 25. April 1945. Dort wurde der Faschismus nämlich aus eigener Kraft durch den Widerstand der Partisanen überwunden und anschließend mit Festen der Befreiung gefeiert. In Deutschland gab es keine solchen Siegesfeiern, denn das Kriegsende haben nicht die Deutschen errungen, sondern ihre Gegner. Es brauchte vier alliierte Armeen, um das Hitlerreich in die Knie zu zwingen, in dem sich Deutschland und Österreich verbündet hatten. Deshalb wurde der 8. Mai in Deutschland zunächst als „Tag der Niederlage“ erfahren. Das Wort „Befreiung“ hatte nur für einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung einen Sinn, für den sich an diesem Tag die Tore der zahlreichen KZs öffneten, mit denen das ganze Land übersät war.

Sieg und Niederlage sind Worte, die mit starken Gefühlen verbunden sind. Von ihrer engen Bindung an den NS-Staat mit seinem Terrorregime und seiner Kriegsmaschine, in dem sie als Patrioten oder Profiteure weitgehend einmütig gedient hatten, konnten sich die Deutschen zunächst nicht so leicht befreien. Deshalb war der 8. Mai 1945 in Deutschland auch kein Tag zum Feiern, sondern zum Fürchten. Die Hierarchien der Macht waren plötzlich auf den Kopf gestellt. Das Lügengebäude der Propaganda fiel in sich zusammen. Es gab keine Parole mehr, hinter der man sich noch verschanzen konnte. Statt Sicherheit und Versorgung herrschte bittere Not und Gefahr. Und hinzu kam, dass all das, was man gemeinsam verheimlicht und vor sich selbst verschwiegen hatte, plötzlich öffentlich wurde, als die Bilder der befreiten Konzentrationslager um die Welt gingen.

Die Wirkung dieser Offenlegung hat Thomas Mann in seinem Roman Doktor Faustus (1947) als ein Trauma der kollektiven Schuld beschrieben: „Der dickwandige Folterkeller, zu dem eine nichtswürdige, von Anbeginn dem Nichts verschworene Herrschaft Deutschland gemacht hatte, ist aufgebrochen, und offen liegt unsere Schmach vor den Augen der Welt.“ Der Autor, der die NS-Zeit im Exil erlebt hatte, schloss sich mit diesen Worten explizit in das nationale Wir des deutschen Schuld-Kollektivs ein.

In Deutschland hat man sich gegen diese öffentliche Konfrontation mit der eigenen Schuld durch Abwehr und Verdrängen gewappnet. Das jedenfalls stellte John Padover fest, der 1945 als Intelligence Officer in Zivil die alliierten Truppen begleitete. Er hatte die Aufgabe, die Deutschen noch vor dem 8. Mai in den soeben befreiten Städten zu interviewen, um ihre Einstellungen kennenzulernen. Das Ergebnis seiner Umfrage war erstaunlich eindeutig: „Seit zwei Monaten sind wir hier zugange, wir haben mit vielen Menschen gesprochen, wir haben jede Menge Fragen gestellt, und wir haben keinen einzigen Nazi gefunden. Jeder ist ein Nazigegner. Alle Leute sind gegen Hitler. Sie sind schon immer gegen Hitler gewesen.“

Nach Ende des Krieges sammelten sich in der DDR viele ehemalige Regimegegner und Widerstandskämpfer. Sie nahmen das Angebot der Sieger dankbar an und feierten kontinuierlich den Ruhm der sowjetischen Armee am 8. Mai. Im Westen Deutschlands gab es ein anderes Angebot von den Alliierten: das Schweigen. Im Schutze des Schweigens, so hoffte Adenauer, würde sich die Verwandlung von der NS-Diktatur in eine Demokratie vollziehen. Das Schweigen war der Kokon, in dem sich die Deutschen erneuern, sprich: demokratisieren sollten. Das jedenfalls war das Programm der Schlussstrich-Politik von Adenauer bis zu Kohl in Bitburg, die auf Zukunft setzte und die Vergangenheit ruhen ließ. Es verwundert deshalb nicht, dass der 8. Mai in Westdeutschland zunächst eingeklammert und anders als in der DDR auch nach zehn oder 20 Jahren nicht begangen wurde. Der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann machte 1970 einen Versuch, fand für seine Initiative aber noch kaum Resonanz. Im Westen blieb der 8. Mai für die überwältigende Mehrheit der Deutschen der Tag der Niederlage.

Schweigen in der Zeit des Aufbruchs

Das Schweigen wirkte in zwei Richtungen. Es deckte in dieser Generation nicht nur das Trauma der deutschen Schuld ab, der man sich nicht stellen wollte, sondern auch das Trauma der eigenen Verluste – der Trauer über die im Krieg Gefallenen, die Toten in den bombardierten Städten, die Opfer von Flucht, Vertreibung und Vergewaltigung. Alle diese Gefühle hat das willkommene Schweigen in der Zeit des Aufbruchs und Wirtschaftswunders nicht aufgelöst, sondern eingefroren.

Das änderte sich erst vier Jahrzehnte später, als Präsident Richard von Weizsäcker an diesem Tag seine Rede im Bonner Bundestag hielt. In dieser Rede schlug er sich und den Deutschen behutsam vor, diesen Tag nicht mehr nur als Tag der Niederlage zu verstehen, sondern ihn endlich auch als einen Tag der Befreiung anzunehmen. Weizsäcker bot den Deutschen eine europäische Perspektive für ihre Nationalgeschichte an. Er sprach nicht nur von Befreiung, sondern auch von „Erlösung“ und griff dabei auf ein ganz neues Vokabular mit religiösen Obertönen zurück. Dieses Vokabular hatte genau 20 Jahre zuvor der spätere Präsident des Bundesverfassungsgerichts Ernst Benda eingeführt, als er sich 1965 leidenschaftlich gegen die Verjährung der Nazi-Morde einsetzte. Benda sprach von einem Akt der (nachträglichen) Selbst-Befreiung von den Nazi-Mördern und zitierte einen Satz aus Yad Vashem: „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung. Vergessen verlängert das Exil.“

Das Thema „Erinnerung“ kam jedoch erst mit der Weizsäcker-Rede zur Geltung. Auch in Adornos Rede über die „Erziehung nach Auschwitz“ (1967) kam es nicht vor. Vorerst standen noch die verkörperten Erinnerungen der Kriegsgeneration im Vordergrund. Zu ihr gehörte auch Weizsäcker, der nach dem Krieg 25 Jahre alt war und bei den Nürnberger Prozessen im Verfahren gegen seinen Vater als Anwalt der Verteidigung aufgetreten war.

Weizsäckers Nachfolger Roman Herzog war bei Kriegsende elf Jahre alt. Er setzte 1995 die Tradition des 8. Mai-Gedenkens fort. Die ältere Kriegsgeneration hatte das Angebot des Schweigens angenommen, die jüngere nahm das Angebot an, dieses Schweigen zu brechen. „Befreit von der Pflicht zu töten“ überschrieb damals der Konstanzer Historiker Arno Borst seinen autobiografischen Bericht. Roman Herzog vollzog ein Jahr später auch formal die Wende zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus, indem er in Ergänzung zum informellen Gedenktag des 9. November (1938) den jährlichen Auschwitz-Gedenktag am 27. Januar einführte. Je weiter sich das Generationengedächtnis von der NS-Zeit entfernte, desto stabiler wurde das Gerüst einer Gedenkkultur an die ermordeten Juden Europas und andere Opfer des Nationalsozialismus.

Heute, vier weitere Jahrzehnte nach der Weizsäcker-Rede, trifft das Befreiungsangebot des 8. Mai auf eine grundlegend veränderte Gesellschaft. Es kommt bei Menschen an, die aus anderen Herkunftsländern eingewandert sind und sich inzwischen als Europäer, als Weltbürger und zunehmend auch als Deutsche verstehen. #GermanDream lautet der Titel eines Buches von Düzen Tekkal, einer jesidischen Autorin und Filmemacherin, deren Familie vor den Taliban fliehen musste. Unter diesem Begriff hat sie auch eine Initiative für Menschen- und Frauenrechte gegründet und setzt sich für die Integration von Migrantinnen und das soziale Miteinander in diesem Land ein.

Zwei weitere Frauen, Moshtari Hilal und Sinthujan Varatharajah, haben 2021 eine Initiative unter dem Stichwort „Mein Nazi-Hintergrund“ gestartet. Sie plädierten für eine offene Auseinandersetzung mit materiellen NS-Erbschaften in der deutschen Gesellschaft, da diese Vergangenheit deutschen Nachkommen durch institutionelle Kontinuitäten mit der NS-Zeit auch weiterhin stattliche ökonomische Vorteile sichert. Für die ideologische Erblast der nachwachsenden Jugend gibt es inzwischen zwei Optionen: Entweder entsorgt man die eigene Familiengeschichte und lässt sie hinter sich, oder aber man macht sie zum Gegenstand einer persönlichen Recherche und künstlerischen Auseinandersetzung nach dem Motto: „Opa oder Oma war ein Nazi!“ Es gibt beeindruckende Beispiele für diese Selbst-Befreiung der 3. und 4. Generation, die das über ihre Familiengeschichten verhängte Schweigen brechen.

Ein Jahrestag wie ein Vexierbild

Der 8. Mai ist ein Jahrestag, der wie in einem Vexierbild sehr unterschiedliche historische Erfahrungen bündelt. Für die USA und die westeuropäischen Staaten begann er als ein Tag des Sieges und der Freude, in Moskau und den Sowjetrepubliken wurde der 9. Mai zu einem Tag der militärischen Aufmärsche und politischen Machtdemonstration. In Westdeutschland hat sich die Bedeutung des Wortes „Befreiung“ mehrfach gewandelt: was 1945 eine Befreiung zum Schweigen war, entwickelte sich nach 1985 immer mehr zu einer Befreiung vom Schweigen.

Erst mit dieser zweiten Befreiung kam die Erinnerung an die jüdischen Opfer in Gang, in der die Überlebenden ihre Stimme erhielten. In der dritten Generation folgte die persönliche Auseinandersetzung mit den deutschen Familiengeschichten der Täter, und bis heute warten noch immer weitere Opfer des Krieges und der Verfolgung auf ihre Anerkennung und Würdigung. Während sich bereits neue Kriegstraumata aufbauen, sind wir aus dem langen Schatten dieser Vergangenheit noch nicht herausgetreten.

Richard von Weizsäcker bei seiner Rede im Bundestag am 8. Mai 1985.

Rubriklistenbild: © Heinrich Sanden/pa/dpa

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