Der Historiker Peter Longerich über die Frage, ob alle Deutschen Nationalsozialisten waren, die Friedenssehnsucht während des Krieges und warum es dennoch kaum Widerstand gab.
Peter Longerich hat „Lage- und Stimmungsberichte“ aus der NS-Zeit ausgewertet.
Professor Longerich, waren alle Deutschen überzeugte Nationalsozialisten, wie viele Historiker behaupten?
Nein. Die These, dass die große Mehrheit der Deutschen das NS-Regime begeistert unterstützte, hat sich in der jüngeren Historiografie und der öffentlichen Wahrnehmung verfestigt, aber sie trägt nicht, einfach weil die Evidenz dafür fehlt. Sie wird oft auf eine Formel gebracht: Zustimmungsdiktatur. Aber für eine solch weitgehende Gleichsetzung von Regime und Bevölkerung fehlte bislang eine verlässliche empirische Basis. Ich habe nun eine große Zahl offizieller Stimmungsberichte aus der Zeit ausgewertet, und daraus ergibt sich ein differenzierteres Bild: Natürlich gab es eine starke Anhängerschaft des Nationalsozialismus in der Bevölkerung, aber es lassen sich auch sehr viele andere Strömungen, zum Teil Gegenströmungen erkennen.
Und dennoch kämpften viele Deutsche bis zum bitteren Ende. War das nicht auch Ausdruck ideologischer Überzeugung?
In Teilen sicher. Aber die Stimmungsberichte zeigen: Die zentrale ideologische Erzählung – etwa dass der Krieg eine „Sinnverwirklichung der Nation“ sei – wurde von einer Bevölkerungsmehrheit nie geteilt. Dominant war während des ganzen Krieges eine tiefe Friedenssehnsucht. Die Frage war: Wann hört das endlich auf? Dass die Menschen bis zuletzt durchhielten, hatte viel mit Zwang und Alternativlosigkeit zu tun – mit drakonischer Repression, etwa den 30 000 Todesurteilen gegen Deserteure. Aber auch mit sozialem Druck, traditionellen Tugenden wie Kameradschaft, Pflichtbewusstsein – und dem allmählichen Verlust politischer Orientierung.
Aber es gab doch den Jubel 1933, die Hakenkreuzfahnen, den Schulterschluss in der „Volksgemeinschaft“?
Natürlich hatte der Nationalsozialismus eine erhebliche Anhängerschaft – aber die darf nicht mit der Bevölkerung insgesamt gleichgesetzt werden. Es gab ebenso viele skeptische, distanzierte, innerlich widerstrebende oder opportunistisch angepasste Haltungen. Ich habe über 5000 interne Stimmungsberichte der Justiz, der Gestapo, des Sicherheitsdienstes und anderer Stellen ausgewertet. Und die zeigen ein wesentlich differenzierteres Bild. In den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg hatte man in der Forschung für den Nationalsozialismus am Anfang nur Hitler und einige Fanatiker verantwortlich gemacht. Dann erkannte man, dass es auch in den Eliten, überdies in der allgemeinen Bevölkerung, eine relativ starke Zustimmung zum Nationalsozialismus gegeben hat. Und diese Erkenntnis überdehnt man meiner Ansicht nach, wenn man die Anhängerschaft der Nationalsozialisten weitgehend mit der allgemeinen Bevölkerung gleichgesetzt. Dafür fehlt eben jegliche Datengrundlage.
Zur Person
Peter Longerich, geboren 1955, lehrte als Professor für moderne Geschichte am Royal Holloway College der Universität London und war Gründer des dortigen Holocaust Research Centre. Von 2013 bis 2018 war er an der Universität der Bundeswehr in München tätig. Er war einer der beiden Sprecher des ersten unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus des Deutschen Bundestags und Mitautor der Konzeption des Münchner NS-Dokumentationszentrums.
Aus seiner Feder stammen unter anderem: „Joseph Goebbels“ (2010) und „Hitler“ (2015) sowie „Wannseekonferenz“ (2016), „Antisemitismus. Eine deutsche Geschichte“ (2021) sowie „Die Sportpalast-Rede 1943. Goebbels und der totale Krieg“ (2021) (alle erschienen bei Siedler).
Peter Longerich: Unwillige Volksgenossen. Siedler Verlag, München 2025. 640 S., 34 Euro.
Deshalb publizieren Sie Ihre Ergebnisse jetzt?
Ich beschäftige mich nun bereits seit einigen Jahrzehnten mit dem Nationalsozialismus. Daher war mir klar: Es gab sehr unterschiedliche Reaktionen der Bevölkerung auf die NS-Politik. Deshalb habe ich diese 5000 offiziellen Stimmungsberichte ausgewertet. Das Bild, das sich da ergibt, ist ein völlig anderes als das derzeit in der Forschung hauptsächlich vertretene.
Wie sehen Sie den Begriff der Zustimmungsdiktatur aus der Perspektive dieser Berichte?
Ich halte ihn für analytisch unbrauchbar. Er verwischt die Wirksamkeit einer Diktatur, also den Umstand, dass Zustimmung auch erzwungen und inszeniert werden kann. Dass Diktaturen sich Zustimmung nicht nur erkaufen oder erzeugen, sondern oft bloß den Widerspruch unterdrücken. Man sollte die mediale Macht der NS-Propaganda nicht unterschätzen: Sie hat ein Bild erzeugt, das bis heute nachwirkt – triumphale Bilder von jubelnden Massen, überlagert von Marschmusik. Aber das ist kein realistisches Abbild der Stimmungslage im Land. Die Bilder und die Filme, die Töne, die der Propagandaapparat damals erzeugt hat, um eben die damalige Welt, aber auch die Nachwelt, also uns, davon zu überzeugen, dass es diese hohe Übereinstimmung, diese Identität zwischen Volk und NS-Regime gab, hat sich irgendwo bei uns festgesetzt. Wir bekommen wohl diese Bilder, die häufig in Dokumentationen gezeigt werden, nicht mehr aus dem Kopf. Aber wir überschätzen das eben etwas.
Sie meinen, die Menschen wirkten konform, weil es eben eine Diktatur war und nicht, weil sie der Politik zustimmten?
Ja. Eine Diktatur ist eben in der Lage, eine solche Zustimmung auch künstlich für einen langen Zeitraum zu erzeugen. Man sollte das nicht unterschätzen, nur weil sie die Öffentlichkeit, das öffentliche Erscheinungsbild beherrscht und abweichende Stimmen ausschließen kann. Denn eines ist doch klar, was hinter der Fassade vorgeht, ist nicht so ohne weiteres zu ermitteln. Und da sind solche internen Berichte sehr hilfreich. Pauschal wird zwar in ihnen zu Anfang sehr häufig im Brustton der Überzeugung betont, dass die Bevölkerung hinter dem Regime steht. Aber wenn man die mitunter 100 Seiten langen Berichte genau liest, erkennt man, dass es sich hier in den weiteren Passagen im Grunde um einen ausführlichen Beschwerdekatalog handelt. Und diese Beschwerden finden sich konstant über die ganze Zeit der NS-Diktatur in ihnen wieder.
Wie hoch war dann die Zustimmung zum Regime?
Die Ergebnisse der sogenannten Wahlen während der NS-Zeit sind hier irrelevant, weil sie natürlich manipuliert waren, wenn sie eine mehr als 90-prozentige Zustimmung angaben. Solche Werte reklamieren nun einmal viele Diktaturen für sich, das ist meistens nichts weiter als Trug und Täuschung. In den letzten freien Wahlen von 1932 lag die NSDAP bei der gesamten Zahl der Wahlberechtigten unter 30 Prozent. 1933, die Wahlen konnten schon nicht mehr als frei angesehen werden, lagen sie immer noch unter 40 Prozent. Wenn man diese Werte als Ausgangspunkt nimmt, gibt es starke Anzeichen dafür, dass das Regime im Lauf der Zeit zumindest in einem Teil der Bevölkerung wie etwa in der Jugend stärker Fuß fassen konnte. Aber es gibt zugleich mindestens ebenso starke Anzeichen dafür, dass den Nationalsozialisten viele ehemalige Anhänger von der Fahne gegangen sind. Das sieht man an der breiten Unzufriedenheit im Mittelstand oder bei den Bauern, wo die Zustimmung deutlich nach 1933 abnimmt. Von daher halte ich Aussagen, dass die Zustimmung dann in den Bereich von 80 oder gar über 90 Prozent gegangen sei, für völlig illusorisch. Sie hat wesentlich niedriger gelegen. Außerdem muss man ja sehen, es gibt unterschiedliche Grade der Zustimmung. Es gibt die Fanatiker, die begeisterten Anhänger und gibt die Mitläufer, die erstmal einfach keine Alternative sehen, aber bei aller nach außen bekundeten Loyalität natürlich auch kritische Vorbehalte haben.
Wann war die Zustimmung am höchsten?
Eigentlich veränderte sich die Stimmung Monat für Monat. Schon Ende 1933 hat die Begeisterung bei der Anhängerschaft der Nationalsozialisten stark nachgelassen. Die schwere Krise von 1934 mit dem „Röhm-Putsch“ machte die Stimmung nicht besser. Erst ab 1936 scheint sie sich etwas gehoben zu haben, sie verschlechtert sich dann jedoch wieder, je größer die Sorgen vor einem erneuten Krieg werden. Wenn man überhaupt von einem Hochpunkt der Stimmung sprechen will, dann nach dem Sieg über Frankreich im Sommer 1940. Aber auch hier war die Freude stark davon getragen, dass der Krieg – so glaubte man – bald vorbei sei. Nicht Triumph war das beherrschende Gefühl, sondern Erleichterung. Danach bröckelte die Stimmung zusehends – vor allem nach dem Überfall auf die Sowjetunion. Die Hochgefühle waren meist Propagandaprodukte. Die Bevölkerung folgte nicht aus Überzeugung, sondern weil sie keine Wahl sah.
Wie verlässlich sind diese internen Berichte?
Bei allen quellenkritischen Vorbehalten halte ich sie in der Summe für zuverlässig genug, um generelle Aussagen machen zu können. Es handelt sich nicht um Selbstzeugnisse einzelner, sondern um konsistente administrative Beobachtungen auf der Basis vieler Einzelbeobachtungen. Bemerkenswert ist vor allem: Obwohl sie von unterschiedlichen Stellen verfasst wurden – Gestapo, Justiz, Partei, usw. – und aus ganz verschiedenen Reichsgebieten stammen, stimmen sie in ihren Grundbefunden überein. Die Klagen über Bürokratie, Parteibonzen, Versorgungslage oder Kirchenpolitik tauchen immer wieder auf – in Ostpreußen wie in Westfalen, in Berlin wie in Oberbayern.
Die war in erster Linie ein ideologisch-propagandistisches Konstrukt. Natürlich existierte in der Bevölkerung ein Wunsch nach Harmonie, nach nationaler Einheit – gerade nach den Konflikten der Weimarer Republik. Aber real hat der Nationalsozialismus diese Einheit nie hergestellt. In den Berichten wird das Konzept der Volksgemeinschaft immer wieder ironisch kommentiert. Typisch ist etwa die Kommentierung des von Göring Anfang 1936 opulent aufgezogenen Opernballs: Eine solche Veranstaltung würde – wörtlich – „der von der Partei immer gepredigten Volksgemeinschaft zuwiderlaufen und sei nur geeignet gewesen, den Klassenhass erneut zu schüren“. Die tiefe soziale Ungleichheit blieb evident – und die Parole von der „Volksgemeinschaft“ wurde als Heuchelei empfunden.
Welche Gruppen waren besonders skeptisch?
Eigentlich alle. Die Arbeiterschaft war enttäuscht, weil sie trotz Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit weiter unter prekären Bedingungen litt. Der Mittelstand fühlte sich von den Versprechen der Partei betrogen, etwa bei der Abschaffung der Warenhäuser. Die Bauern litten unter Preisvorgaben und Eingriffen in die Produktion. Kirchlich gebundene Kreise wehrten sich – am deutlichsten etwa bei den Kruzifix-Streitigkeiten 1936 in Oldenburg oder 1941 in Bayern. Die Unzufriedenheit zog sich durch alle Schichten. Was aber fehlte, war eine Verdichtung zum organisierten Widerstand.
Warum kam es zu keinem breiteren Aufstand?
Vermutlich weil der Preis nach der Auffassung der Mehrheit zu hoch war. Wer Widerstand leistete, riskierte sein Leben. Und es gab eben keine Gegenöffentlichkeit mehr, keine Institutionen, über die sich Unmut hätte organisieren lassen. Der Gleichschaltungsprozess war ab 1933 sehr effektiv. Zudem hatte die Bevölkerung aus der Weimarer Zeit auch eine gewisse Konfliktscheu mitgebracht. Man fügte sich – vielfach nicht weil man überzeugt war, sondern weil man sich keinen anderen Weg vorstellen konnte.
Welche Rolle spielte Hitler in all dem?
Eine sehr besondere. Die Figur Hitler wurde von vielen aus der Kritik ausgenommen – nach dem Muster: „Der Führer weiß davon sicher nichts.“ Das war ein Schutzmechanismus. Man konnte sich beschweren über lokale NS-Funktionäre, über Missstände, aber nicht über Hitler. Der Führermythos wurde bis zuletzt von der Propaganda gepflegt, auch wenn er spätestens ab 1943 faktisch zusammenbrach. Hitler trat öffentlich kaum noch auf, die Erfolge blieben aus. Dennoch wurde er symbolisch weitgehend aus der Kritik herausgehalten – aus Angst, aus Resignation, vielleicht auch aus einem Rest Hoffnung.
Ab 1942 war klar, dass die jüdische Bevölkerung im Osten nicht einfach „umgesiedelt“ wurde. Man wusste – wenn auch nicht in allen Einzelheiten –, dass dort massenhaft Juden ermordet wurden. Es gab Aussagen von Soldaten, deutliche Andeutungen in Reden von NS-Größen. Als Goebbels Anfang 1943 versuchte, die Mordtaten als Legitimation für einen „Durchhaltekrieg“ zu instrumentalisieren, stieß er auf deutliche Ablehnung. Die Menschen wollten nicht kollektiv für die Verbrechen des Regimes haftbar gemacht werden. Das war einer der seltenen Punkte, an denen die Propaganda zurückrudern musste.
Das lässt den Schluss zu: Man wusste – und sah weg.
Ja, genau das macht das Bild so beunruhigend. Es gab keine breite Zustimmung zum Holocaust – aber eben auch keinen breiten Widerstand. Und das ändert nichts an der moralischen Verantwortung. Denn die Diktatur funktionierte auch deshalb, weil viele einfach mitliefen, sich wegduckten, schweigend profitierten oder resignierten.
Sie sagen, dass die Gesellschaft viel heterogener auch in der NS-Zeit war, als man dachte. Tatsächlich war es – auch unter dem Druck der Westmächte – genau diese Gesellschaft, die die Demokratie aufbaute.
Man muss diese NS-Gesellschaft in einem längeren Kontinuum sehen, etwa vom Kaiserreich bis in die heutige Zeit. Da sehen wir doch eine sehr in sich differenzierte Gesellschaft mit unterschiedlichen Gruppen, die vor allem ihre eigenen Interessen vertreten. Das hat auch in der NS-Zeit nie aufgehört. Viele Milieus, die dem NS fernstanden oder sich innerlich abgesetzt hatten, lebten, wenn auch zum Teil unter der Oberfläche weiter: die sozialdemokratisch geprägte Arbeiterschaft, ein bürgerlicher Protestantismus, katholische Milieus. Diese Gruppen bildeten nach 1945 das Rückgrat der neuen Demokratie. Die Herausbildung einer Demokratie ist eben alles andere als ein Wunder, sondern es zeigt, dass eine Gesellschaft, die eine solche Katastrophe überlebt hat, sich erneut wieder zurechtfinden kann auf der Grundlage einer früheren Vielfalt. Die NS-Anhänger hielten sich überwiegend zurück – aus Opportunismus, aus Angst oder weil sie tatsächlich verstummten. Es gab keinen radikalen Bruch, aber eine allmähliche Reorientierung. Man setzte auf Distanz – und auf das Vergessen.
Wie sehen Sie das Verhältnis der Deutschen zum Krieg?
Der heutige deutsche Pazifismus etwa – die Skepsis gegenüber dem Militärischen – ist stark geprägt vom kollektiven Trauma der NS-Zeit. Er diente lange auch als Verdrängungsstrategie: Wer sich auf den Krieg als die große Katastrophe konzentriert, muss nicht über Antisemitismus oder Autoritarismus sprechen. Insofern ist der Umgang mit dieser Vergangenheit auch heute noch ein Spiegel gesellschaftlicher Selbstvergewisserung – oder eben ihrer Verdrängung. Es wäre bis zum russischen Angriff auf die Ukraine undenkbar gewesen, den Wehretat in Deutschland entscheidend anzuheben. Das wäre auf großes Unverständnis in der Bevölkerung gestoßen. Auch das ist eine Konsequenz aus der deutschen Geschichte mit zwei Weltkriegen.
Aber es gab doch auch Begeisterung für das Militärische?
Es gab natürlich in der NS-Zeit eine Loyalität gegenüber dem Militär, das war in der Bevölkerung schon sehr verbreitet. Das spielte dem Regime in seinen Kriegsplänen sicher in die Hände. Aber den Menschen ging es eher darum, dass eine starke Wehrmacht einen Krieg vor allen Dingen verhindern sollte. Das war es, was sie vor allem bewegte. In den 30er Jahren lässt sich in der Bevölkerung keine Bereitschaft erkennen, etwa einen Krieg gegen Frankreich führen zu wollen, um so die im Ersten Weltkrieg verloren gegangenen Gebiete zurückzuerobern. Das Risiko wurde als viel zu hoch angesehen. Und nach 1945 gab es ohnehin eine zum Militärischen hin starke Gegenbewegung. Die Generation meiner Eltern, die den Krieg als junge Menschen überlebten, haben ihre Lehre aus dieser ganzen Geschichte gezogen, nämlich dass der Krieg das eigentlich Übel ist und dass es darauf ankommt, die Anwendung von Waffengewalt überhaupt zu verhindern. Diese Erfahrung wirkt sicher bis in die jüngste Zeit nach.