Der zweite Wahlgang in Rumänien bietet die letzte Chance, dass das Land nicht in Chaos, Elend und der Diktatur eines Hooligans endet. Von Vlad Zografi.
Bukarest – Am Anfang war die Angst – Angst vor dem Westen, der unser Land angeblich aufkaufen wollte, was die Bergleute 1990 mit ihren gewaltsamen Aktionen, Mineriaden genannt, erfolgreich verhinderten: indem sie das Blut der „Verräter“ vergossen, der antikommunistischen Studenten, sodass wir unter uns bleiben konnten, wie wir es vom Goldenen Zeitalter Nicolae Ceausescus gewohnt waren. Mit dem Unterschied, dass statt nur zwei Stunden täglichen Fernsehprogramms und alle Tage leeren Lebensmittelgeschäften, das Volk nach Lust und Laune fernsehen konnte und es darüber hinaus etwas Käse gab.
Zwar durften wir jetzt das Land verlassen, aber die Geschickteren und Erfahreneren unserer Landsleute – die Geschick und Erfahrung den Lehrjahren bei Ceausescus Securitate verdankten – brachten inzwischen den nationalen Reichtum auf ihren eigenen Konten in Sicherheit, damit er nicht in die Hände von Ausländern fiel. Doch so warf der Reichtum auf Dauer nichts ab, und sie merkten, dass sie den Westen doch noch brauchen, damit das Geld sich vermehren kann und die Menschen am Ende nicht wieder vor leeren Geschäften anstehen.
Vor der Rumänien-Wahl: Aus der Angst des Anfangs ist Hass geworden
Deshalb begannen wir, uns zu globalisieren, das heißt, wir reihten uns zögerlich in einen europäischen Rundtanz ein, bei dem man Steuern abschafft und Geld für Investitionen bereitstellt, unter der Bedingung, korrekt zu tanzen – also einige essenzielle und zivilisierte Regeln einzuhalten und das Geld nicht zu stehlen. Das war ein heikles Thema. Die cleveren Securisten taten so, als ob sie die Regeln akzeptierten, schürten aber untergründig Vorurteile gegen den Westen und bauten ihr nationales Netzwerk persönlicher Interessen aus, das auf den Namen Korruption hört.
Es entbehrt nicht der Komik, dass es – anders als Mitte des 19. Jahrhunderts – jetzt größtenteils Antiwestler waren, die für die Verwestlichung Rumäniens sorgten: doch so ist unser Land, es fehlt ihm beileibe nicht an Humor. Und aus der Angst des Anfangs ist in der Zwischenzeit Hass geworden. Und den Hass – auch eine Art von Humor, nämlich schwarzer Humor – kanalisierten die erfahrenen Securisten gegen den Westen, selbstredend nicht gegen die von ihnen praktizierte Korruption. Globalismus und Progressivismus sind zu Schlagworten des Hasses geworden, ohne dass die manipulierbare Masse, die diese Begriffe voller Wut verwendet, überhaupt versteht, wovon sie spricht.
Rumänien-Wahl: Nichts ist in der Gesellschaft mächtiger als rachsüchtiger Hass
Nichts ist in der Gesellschaft mächtiger als rachsüchtiger Hass – das hat auch der Fernsehstar im Weißen Haus begriffen, der sein Gesicht in Felsen gemeißelt sehen und die Welt verändern möchte, so wie Ceausescu Rumänien nach seinen wahnhaften Plänen verändern wollte. Angewidert von Europa, seiner Zivilisation und seinen Prinzipien, rottete er sich mit Putin zusammen und verbreitete Hass, wo immer dieser auf fruchtbaren Boden fiel – und wo ist der Hass nicht erfolgreich, gibt es eine Gesellschaft, die gegen ihn immun ist?
Aus diesem Schaum des rachsüchtigen Hasses tauchten derweilen in Rumänien zwei Bergleute auf, die ihre Knüppel versteckten, elegante Anzüge anzogen und feierlich über Gott und die Heimat sprachen. Dies ist, stark gerafft, unsere jüngste Geschichte von 1989 bis heute, eine Geschichte auch mit Errungenschaften, die wir gerne ignorieren, weil wir sie für selbstverständlich halten, ansonsten leider eine Geschichte von Betrügern, Irreführung und Korruption.
Zum Autor
Vlad Zografi, geboren 1960, Schriftsteller, Atomphysiker, Herausgeber einer wissenschaftlichen Buchreihe, lebt in Bukarest.
In Rumänien findet am 18. Mai die Stichwahl für die Präsidentschaft statt: zwischen dem Ultrarechten George Simion und dem parteilosen Bürgermeister von Bukarest, Nicusor Dan. Simion lag im ersten Wahlgang mit rund 40 Prozent vorne.
Die akute Gefahr muss allen vor der Rumänien-Wahl klar sein
Seit circa 80 bis 90 Jahren, seit den faschistischen Legionären, dem Krieg und der sowjetischen Besatzung, war Rumänien dem Abgrund nie mehr so nahe wie heute. Unser gesamter Fortschritt, so langsam, holprig und umwegreich er auch verlief, könnte durch eine neue Mineriade von ungeahntem Ausmaß zerstört werden. Sie wird nicht mehr aufzuhalten sein, wenn die verblendeten Kinder des Hasses sie mit ihrer Stimmabgabe möglich machen.
Würde man etwa einem Schweizer sagen, dass die Rumänen zwischen den beiden Kandidaten für die Stichwahl: hier einem Fankurve-Hooligan (einer Fankurve, die aufgrund des „Patriotismus“ ihrer Slogans die Fifa veranlasste, unsere Elf zu zwingen, vor leeren Rängen zu spielen), einem Mann, der niemals gearbeitet hat, nichts anderes tat, als zu schreien und zu fluchen, und kürzlich verlangte, die Vertreter der Wahlbehörde zu „häuten“; und dort einem Mann, der weltweit beste Leistungen in Mathematik erbrachte, sich für den Erhalt des denkmalgeschützten Kulturerbes Bukarests einsetzte, zweimal zum Bürgermeister gewählt wurde, den von enormen Schulden belasteten städtischen Haushalt in Ordnung brachte –, dass die Rumänen also von diesen beiden den ersten vorziehen würden, würde der Schweizer meinen, man sei verrückt.
Vor der Rumänien-Wahl: Die strategische Reserve der Vernunft
Für Krisenzeiten legt der Staat strategische Reserven an – materielle Güter, die der Rettung dienen. Diesmal müssen wir an eine andere, nicht materielle, Reserve appellieren, die strategische Reserve der Vernunft. Sie findet sich in den Köpfen derjenigen, die derzeit unentschlossen, angewidert, gleichgültig oder gelangweilt sind. Die strategische Reserve der Vernunft ist die einzige Hoffnung, dass wir nicht in Chaos, Elend und der Diktatur eines Hooligans enden, eines Scharlatans, der, um gewählt zu werden, alles Mögliche und Unmögliche verspricht.
Die strategische Reserve der Vernunft ist tatsächlich vorhanden, sie muss nur mit Intelligenz und Fantasie eingesetzt werden – und das setzt voraus, dass sich alle Menschen der akuten Gefahr bewusst sind.
Aus dem Rumänischen von Jan Koneffke.
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