Weltdrogentag

„Die Erfahrung zeigt, dass Repression wenig bringt“

+
Die Niederlande haben ihre Drogenpolitik schon vor rund 40 Jahren liberal gestaltet.

Drogentrendforscher Bernd Werse über Prävention und Lieferketten – und warum der alles beherrschende Drogenbaron ein Klischee ist. Ein Interview von Julian Rathgeber.

Herr Werse, was sind aktuelle Trends im Drogenhandel und -konsum in Deutschland?

Was sich ganz klar beobachten lässt, ist, dass bei größtenteils gleichbleibenden Preisen der Wirkstoffgehalt in vielen Drogen gestiegen ist. Das kann man zum Beispiel bei der synthetischen Droge Ecstasy ganz gut beobachten. Hier hat sich der Wirkstoffgehalt in den letzten Jahren ungefähr um das Eineinhalbfache erhöht. Das Preis-Leistungsverhältnis für informierte Konsumierende ist deutlich besser geworden. Diesen Trend beobachten wir auch bei vielen anderen Drogen. Da kann man dann sagen: Okay, es gibt anscheinend in und um Europa Produktionsstätten für synthetische Drogen, die sehr effizient arbeiten und die den Markt in sehr großem Stil versorgen. Im Zusammenhang mit vermehrter Konkurrenz hat das dann wohl dazu geführt, dass der Preis niedrig geblieben ist. Das Aufkommen des Online-Handels spielt da womöglich auch mit rein.

Und wie sieht es aus bei nicht synthetischen Drogen?

Interessanterweise zeigt sich dieser Trend zum Beispiel auch bei Kokain. Das wird in der Regel aus Südamerika importiert und wird nicht synthetisch hergestellt. Da haben die durchschnittlichen Wirkstoffgehalte in den letzten Jahren Rekordwerte erreicht. Die Produzenten haben wohl irgendwie weitere Wege auf den europäischen Markt gefunden. Gleichzeitig haben die Beschlagnahmungen Rekordwerte erreicht. Aber selbst wenn man alle Beschlagnahmungen aufaddiert, kommt im Verhältnis zur geschätzten gehandelten Gesamtmenge nicht viel zusammen. Die internationale Drogenpolitik scheint ihre Ziele nicht zu erreichen, eher im Gegenteil.

Sie sprachen vom aufkommenden Online-Handel mit illegalen Drogen. Welche Rolle spielt der?

Generell kann man sagen, dass der Online-Handel mit illegalen Drogen über das Darknet nur einen sehr geringen Teil des gesamten Endverbrauchermarktes ausmacht. Aber die größere Transparenz auf dem Online-Markt hat vor allem bei synthetischen Drogen vermutlich zu niedrigeren Preisen beigetragen. Die Leute, die auf konventionelle Weise gehandelt haben, haben gesehen, dass es Online-Händler gibt, die das Produkt wesentlich günstiger anbieten und sich auch noch untereinander Konkurrenz machten. Da greifen dann übliche wirtschaftliche Prozesse von Angebot und Nachfrage. Zusätzlich sind die Mengenrabatte online gerade bei synthetischen Drogen sehr groß. So liegt der Grammpreis beispielsweise bei 100 Gramm Speed bei weniger als der Hälfte im Vergleich zu wenigen Gramm.

Wie sind die Lieferketten im Handel mit illegalen Drogen aufgebaut?

Es gibt viele unterschiedliche Wege, wie Drogen nach Europa oder Deutschland kommen. Synthetische Drogen und Kokain hatten wir ja schon angesprochen. Wenn wir uns Cannabis anschauen, wurde auf dem deutschen Markt bis in die 90er Jahre hinein vor allem Haschisch aus Marokko angeboten. Seit in Europa produziertes Marihuana den Markt dominiert, hat sich das zwar verändert, Haschisch spielt aber immer noch eine große Rolle. Und da gibt es viele Möglichkeiten: von präparierten Autos über Schnellboote in Südspanien oder Schiffsladungen bis hin zu schmuggelnden Touristen. Außerdem gibt es die Faustregel: je näher man an der Produktion sitzt, desto geringer ist der Gewinn. Was ein Coca-Bauer an einem Gramm Kokain verdient ist quasi nichts im Vergleich zum dem, was Zwischen- oder Einzelhändler bekommen.

Weltdrogentag

Der Internationale Tag gegen Drogenmissbrauch und unerlaubten Suchtstoffverkehr, kurz auch „Weltdrogentag“ genannt, findet jährlich am 26. Juni statt. Der Aktionstag wurde im Dezember 1987 durch eine Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) festgelegt. Er richtet sich gegen den Missbrauch von Drogen. Der Tag soll die Aufmerksamkeit auf die Thematik lenken und die Zusammenarbeit zur Verwirklichung einer Welt ohne Drogenmissbrauch stärken.

Ziele der diesjährigen Kampagne der UN sind unter anderem, das Bewusstsein dafür zu schärfen, Menschen, die Drogen konsumieren, mit Respekt und Einfühlungsvermögen zu behandeln sowie evidenzbasierte Dienste für alle und Alternativen zur Bestrafung anzubieten. Stigmatisierung und Diskriminierung von Konsumierenden sollen bekämpft werden, indem eine respektvolle und nicht wertende Sprache und Haltung gefördert werden. prjr

Ist die Vorstellung von Kartellen und Drogenbaronen, wie sie in Serien oder Spielfilmen zu sehen ist realistisch – oder von den Medien verzerrt?

Klar gibt es so etwas und in Lateinamerika destabilisiert dieses Phänomen ja reihenweise ganze Staaten. Aber im Vergleich zu Europa oder Deutschland gibt es einen klaren Unterschied. Hier in Deutschland sind diejenigen, die mit Drogen handeln, meistens darum bemüht, unauffällig zu bleiben. Die wollen vermeiden, dass Gewalt, geschweige denn Waffengewalt aufkommt. Klar passiert das immer mal wieder, aber es ist wirklich selten, dass jemand in diesem Zusammenhang erschossen wird. Denn die Händler wissen, dass man dadurch viel auffälliger für die Strafverfolgungsbehörden wird und das Geschäft darunter leidet. Sicherlich gibt es auch in Europa Kartelle oder kleinere organisierte Banden. Aber man kann beim besten Willen nicht sagen, dass das den Markt komplett dominieren würde. Vielmehr gibt es viele unabhängige Akteure in flexiblen Strukturen, die mal hier und mal dort ihre Quellen haben und nicht gleich erschossen werden, wenn sie den Anbieter wechseln.

Welchen Einfluss hatte die Corona-Pandemie auf den Drogenhandel in Deutschland?

Einen geringeren Einfluss als man hätte annehmen können. Kurz nach Beginn der Pandemie haben wir eine Befragung unter Cannabiskonsumierenden durchgeführt, bei der knapp die Hälfte der Befragten zwar meinte, dass der Markt beeinträchtigt war. Die allermeisten konnten das eingeschränkte Angebot aber kompensieren. Die haben dann entweder mehr auf einmal gekauft, sich andere Dealer gesucht oder angefangen selbst anzubauen. Preislich gab es nur in den ersten Monaten der Pandemie einen geringen Preisanstieg, der sich schnell wieder ausgeglichen hat. Also letztlich ist erstaunlich, wie wenig Einfluss die Pandemie hier hatte. Auch bei Kokain wurde der Preis so gut wie gar nicht tangiert. Da Kokain eine Droge ist, die oft in Gesellschaft und auf Partys konsumiert wird, ging während den Coronabeschränkungen die Nachfrage auch eher zurück.

Bernd Werse, 53, ist leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Centre for Drug Research der Goethe-Universität Frankfurt. Sein Forschungsschwerpunkt liegt unter anderem auf Drogentrendforschung und Drogenpolitik.

Was sind jeweils die Vor- und Nachteile von restriktiver und liberaler Drogenpolitik?

Also bei Vorteilen von restriktiver Drogenpolitik tue ich mich etwas schwer.

Warum?

Weil ich eigentlich nur Nachteile sehe. Selbst in Ländern mit extrem repressiven Vorgehensweisen ändert sich relativ wenig an der Verfügbarkeit von Drogen. So hat Iran beispielsweise eine sehr große Population an Heroinabhängigen, was an der Nähe zu den Produktionsstätten von Heroin in Afghanistan liegt. In Saudi-Arabien gab es zeitweise die höchste Menge an beschlagnahmtem Amphetamin weltweit. Und Schweden, das im europäischen Vergleich eine ziemlich restriktive Drogenpolitik hat, hat eine der höchsten Quoten an Drogentoten in Europa. In der Breite hat man da vielleicht „Erfolg“, dass es weniger Leute gibt, die überhaupt illegale Drogen konsumieren. Aber die Menschen, die ein Drogenproblem haben, bekommen durch die Repression noch viel mehr Probleme. Die gesundheitlichen Nachteile sind riesig. Generell ist es problematisch, dass sich Menschen, die illegale Stoffe konsumieren, kein Problem haben und niemand anderen schädigen, ständig vor strafrechtlichen Konsequenzen fürchten müssen.

Und was sind die Vorteile einer liberalen Drogenpolitik? Gibt es Beispiele in Europa?

Das älteste Beispiel für eine relativ liberale Drogenpolitik sind ja die Niederlande. Dort hat man schon vor über 40 Jahren beschlossen, dass geringe Mengen von Cannabis nicht mehr bestraft werden sollen. Das hat letztlich zum Coffeeshop-System geführt. Produktion und Handel sind zwar illegal, aber der Verkauf von geringen Mengen wird toleriert. Trotzdem hat das für den Konsumenten selbst große Vorteile. Wenn man in Deutschland Cannabis kaufen will, ist man oft an Mindestkaufmengen im Wert von 30 bis 50 Euro gebunden. In den Niederlanden kann man einfach in den Laden reinlaufen und sich einen einzelnen Joint kaufen. Der moderate Konsum wird dadurch quasi gefördert, weil man keine großen Mengen daheim haben muss. Und auch diese Grundparanoia fällt weg: Niemand, der Cannabis konsumiert, muss deswegen noch Angst vor der Polizei haben.

Was sind effektive Wege zur Bekämpfung von Drogenhandel und Drogenkonsum – und welche Wege würden Sie eher als ineffektiv bezeichnen?

Die Erfahrung aus etlichen Jahrzehnten weltweiten Drogenverbots und den ganzen Bemühungen, den Drogenhandel zu bekämpfen, zeigt, dass Repression insgesamt wenig bringt. Selbst wenn man bestimmte Handelsrouten dicht macht, entstehen immer wieder neue. Deswegen halte ich grundsätzlich den Gedanken, den Handel zu bekämpfen und dadurch Drogenkonsum zu vermeiden, für falsch. Man müsste einfach eine vernünftige Regulierung schaffen. Natürlich mit entsprechend höheren Hürden für Drogen außer Cannabis. Zum Beispiel so etwas wie eine Verschreibungspflicht oder verpflichtende Beratungen. Das in Verbindung mit vernünftiger Prävention und Beratungsangeboten würde in meinen Augen eine deutliche Verbesserung für die öffentliche Gesundheit bringen.

Kommentare