VonMichael Hesseschließen
Das Bild von Trump, der mit Blut im Gesicht die Faust reckt, wird sich ins visuelle Gedächtnis der USA eingraben. Die Macht der politischen Ikonografie ist ungebrochen, aller berechtigten Skepsis zum Trotz.
Am 23. Februar 1945 hissen sechs US-Soldaten auf der Insel Iwojima entschlossen die amerikanische Flagge. Der US-amerikanische Kriegsfotograf Joe Rosenthal drückt im richtigen Moment auf den Auslöser. Sein Foto geht um die Welt, ein hochdynamisches Bild, das Soldaten zeigt, die den Sieg ihres Landes im Pazifik gegen Japan zu demonstrieren scheinen.
Die Namen der Soldaten werden überall aufgelistet: Ira Hayes, Harold Schultz, Michael Strank, Franklin Sousley, Harold P. Keller und Harlon Block. Sie gelten als Kriegshelden. Doch wie so oft entscheidet der Kontext des Bildes über seinen Grad an Wahrheit oder Falschheit. Kein anderes Bild wurde so oft verwendet wie dieses. Nicht nur Tageszeitungen titelten damit, auch eine Briefmarke wurde ihm gewidmet. Heute ziert es noch den üppigen Band von Heinrich August Winklers „Geschichte des Westens“. Doch „Raising the Flag on Iwo Jima“, so der Titel des Bildes, erzählt nicht die ganze Geschichte und bleibt im Halbschatten der wahren Ereignisse.
Drei der Soldaten, die auf der japanischen Insel kämpften, ereilte ein tragisches Schicksal: Sie verloren ihr Leben in weiteren Kampfhandlungen. Tatsächlich hatten die USA weder den Kampf noch den Krieg gegen Japan gewonnen, als die Flagge gehisst wurde. Zur Wahrheit gehört auch, dass es nicht die – wie das Bild suggeriert – erste Aufrichtung der amerikanischen Flagge auf Iwojima war. Vielmehr erschien den Soldaten die erste Flagge zu klein, weshalb sie nochmals zur Tat schritten.
Auch von der ersten Flaggen-Aufrichtung gibt es Bilder, doch diese schafften es nie in die Weltpresse, da ihnen jegliche Dynamik fehlte. Neben dem Rohr, an dem die US-Flagge befestigt ist, stehen die Soldaten brav und kerzengerade, ohne Zeichen eines soeben errungenen Sieges. Den Amerikanern erschien auch der „Mast“ zu klein, weshalb sie etwas Größeres suchten und fanden. Als sie die Flagge erneut hissten, drückte Joe Rosenthal aus dem bestmöglichen Winkel ab.
Trotz der Tatsache, dass die Hälfte der abgebildeten Soldaten starb, der Sieg nicht feststand und es kein „ursprüngliches“ Bild des Hissens war, steht dieses Foto wie kein anderes für den amerikanischen Triumph im Zweiten Weltkrieg. Auch die Propagandaabteilung der USA erkannte sofort den Wert und die Wirkungsmacht dieser Fotografie. Sie hat auch heute noch eine suggestive Wirkung und zählt zu den wahrscheinlich meistreproduzierten Bildern der Zeitgeschichte. Im amerikanischen Bewusstsein ist es unauslöschlich eingebrannt.
Frappierend ist die Ähnlichkeit zu einer Szene, die ebenfalls vielen in den USA unvergesslich bleiben wird. Als sich Donald Trump kurz nach dem Attentatsversuch auf ihn mit Blutspuren im Gesicht aufrichtet, den Arm mit geballter Faust nach oben reckt und „Fight, fight, fight“ in die Menge ruft, wird er von Sicherheitskräften umklammert, während im Hintergrund die US-Flagge weht, ähnlich wie einst auf Iwojima. Die Dargestellten auf dem Foto mit Trump wirken ähnlich entschlossen und vereint wie auf „Raising the Flag“.
Die Aufnahme suggeriert: Der Sieg ist mir nicht zu nehmen, durch keine Kugel, da ich der Auserwählte bin. Ein abwegiger Gedanke? Trump spielt seit geraumer Zeit auf der Klaviatur der amerikanischen Evangelikalen. Doch auch die Suggestivkraft dieses Bildes steckt voller Halb- und Unwahrheiten. Zu sehen ist einer der großen Lügner in der Geschichte der US-Präsidenten, ein Mann, der seinen letzten Wahlkampf verloren hat und dem die nötige Konzentration auf sein Amt fehlt, wie viele seiner Weggefährten und -gefährtinnen nach seiner Präsidentschaft kundtaten. Trump hatte Glück in diesem Moment, es lag nicht an ihm, dass er weiterlebt, sondern an einem Zufall. Dennoch geriert er sich als Sieger wie in einem Football-Spiel.
Dieses Bild könnte dem sicheren Präsidentschaftsanwärter der Republikanischen Partei einen enormen Vorteil im Wahlkampf verschaffen. Einige meinen sogar, dass es bereits den Sieg bedeutet. Aber Geschichte ist von zu vielen Zufällen abhängig, als dass man schon jetzt die Unumkehrbarkeit der kommenden Ereignisfolgen betonen könnte.
Die Macht der Bilder ist immens. Ein Bild sagt bekanntlich mehr als tausend Worte. Schon der Mönch Tomaso da Campanella erkannte ihre Wirkungsmacht. In seiner Utopie des Sonnenstaates finden sich auf den Mauern der Stadt Bilder von Fauna und Flora, Maschinen, Alphabeten und mathematischen Figuren. So sollten die Kinder schon lernen, was es damit auf sich hat. Er wusste, dass Bilder den schnellsten Zugang zu allen Wissensinhalten ins Bewusstsein schaffen.
Lenin und Stalin ließen sich von dieser Erkenntnis inspirieren und nutzten die Bildersprache im Sozialismus, um den neuen, überlegenen Menschen zu propagieren. Bilder von ihnen als Führerfiguren sollten ihre unendliche Weisheit in Fragen des sozialistischen Pfades darstellen. Auch der Nationalsozialismus fiel durch eine besondere Bildtheatralik auf. Bildkult spielte auch im italienischen Faschismus eine besondere Rolle, um den Duce ins rechte Licht zur rücken.
Die Demokratie hingegen, so verstand es US-Präsident John Quincy Adams, braucht keine Bilder. Dennoch laden führende Politiker die Medien immer wieder zu sich nach Hause ein, um den vorbildlichen Demokraten in einer Homestory der Wählerschaft näherzubringen.
Bildgewaltige Ereignisse sind in der Lage, ganze Regierungen hinwegzufegen oder zur Änderung ihrer Politik beizutragen. Beispiele dafür sind die Proteste gegen Endlager für Atommüll in Deutschland, die Demonstration gegen die Wiederaufrüstung im Bonner Hofgarten oder die einstürzenden Türme in New York, die Kriege auslösen können.
Genauso wirkmächtig waren die Bilder der RAF, als sie Hanns Martin Schleyer, den Arbeitgeberpräsidenten, den sie später töteten, präsentierten. Oder die deutschen Politiker: Helmut Schmidt nach der Sturmflut, Gerhard Schröder in Gummistiefeln im Hochwassergebiet, Helmut Kohl vor dem Reichstag bei der deutschen Einheitsfeier.
Bestandteile der politischen Ikonographie müssen nicht zwingend Personen sein. Es können auch Kronen, Diademe, Zepter, Waffen oder Brustpanzer sein. Politik und ihre Vermittlung erfolgen vermehrt über mediale, insbesondere bildliche Kommunikation. Politische Bilder erzählen und deuten Geschichte und Geschichten und beeinflussen Verhalten und Denkweisen, indem sie Machtverhältnisse und Gesellschaftsstrukturen erzeugen, spiegeln, legitimieren und verfestigen.
Der Schriftsteller Kurt Tucholsky mahnte bereits 1926: „Und weil ein Bild mehr sagt als hunderttausend Worte, so weiß jeder Propagandist die Wirkung des Tendenzbildes zu schätzen: von der Reklame bis zum politischen Plakat schlägt das Bild zu und sagt eine neue Wahrheit und immer nur eine.“
Bilder besitzen zwar eine Unmittelbarkeit in ihrer Beziehung zur Wirklichkeit – anders als die Sprache, die immer auf einer Umwegigkeit beruht. Dennoch lassen sie immense Spielräume zur Interpretation offen.
Der Bildkult umgibt uns ständig und ist uns so vertraut wie der Anblick der Spülmaschine in der Küche. Churchill, Roosevelt und Stalin auf Jalta. Bilder von der Mondlandung von Astronauten der USA, die den technischen Vorsprung des Landes vor der UdSSR bekunden sollten. Das berühmte Porträt Che Guevaras, „Guerillero Heroico“ von Alberto Korda, besaß für eine Generation einen politischen Ikonenstatus. Der freie Revolutionär, der sich der Gerechtigkeit verschrieben hatte und für das Gute kämpfte. Wir assoziieren automatisch und unbewusst einen charismatischen Widerstandsführer mit ihm.
Bilder besitzen eine symbolische Bedeutung, bei der die genauen Umstände und die Bedeutung des Moments, in denen sie entstanden sind, in den Hintergrund treten. Bilder leben von dem Vertrauen, das der Unmittelbarkeit des Dargestellten entgegengebracht wird. Das macht Menschen anfällig für gefälschte Bilder, vor allem in den sozialen Medien. Heute begegnen wir der Flut wirkmächtiger Bilder auf Schritt und Tritt: auf Plakaten, in Zeitungen, im Fernsehen, im Internet und erst recht auf den Social-Media-Kanälen. Man benötigt eine Kritik der Bilder, um sich zu immunisieren gegen ihre Unmittelbarkeit, die ihnen ihre Kraft verleiht.
Viele Philosophen hielten das, was unsere Sinne uns an Bildern darbieten, für keine zuverlässige Erkenntnisquelle. Für den deutschen Denker Gottfried Wilhelm Leibniz handelte es sich um eine verworrene Erkenntnis, die nur bis zu gewissen Graden zur Klarheit zu führen sei. Auch der Franzose René Descartes glaubte, dass nur das Denken sichere Erkenntnisse liefern könne. Und für Immanuel Kant stand fest, dass Anschauungen ohne Begriffe blind sind.
Wer Politik machen will, braucht Bilder – Donald Trump wurde das Bild schlechthin zugespielt. Es könnte ihm den Sieg bringen – und Europa eine Menge Probleme.


