USA und Kanada

Eine Bibliothek zeigt die Grenzen der Freundschaft zwischen den USA und Kanada auf

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Die schwarze Linie trennt die Staaten – und verläuft durch Bücherregale.
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Eine Bibliothek liegt exakt auf der kanadisch-amerikanischen Staatsgrenze,
seit gut 100 Jahren ist sie ein Zeichen für gute Nachbarschaft. Nun erschweren
die USA den Menschen aus Kanada den Zugang.

Die Haskell-Bibliothek liegt genau auf der Grenze zwischen der kanadischen Provinz Quebec und dem US-Bundesstaat Vermont. Die Grenze läuft, markiert durch ein schwarzes Klebeband auf dem Parkettboden, durch Lesesaal und Bücherregale. Seit ihrer Eröffnung vor 120 Jahren galt sie als Symbol der Freundschaft zwischen beiden Staaten mit weitgehend ungehindertem Zugang für Nutzerinnen und Nutzer aus beiden Staaten. Dies ändert sich nun: Die USA erschweren den Menschen aus Kanada den direkten Zugang zur binationalen Bücherei, deren Haupteingang auf US-Gebiet liegt. Baumaßnahmen am denkmalgeschützten Haus sind notwendig, um den Zugang von kanadischer Seite zu ermöglichen – ein Beleg für die Animositäten zwischen den Nachbarstaaten.

„Traurigkeit und Ärger“ angesichts dieser einseitigen Entscheidung der US-Regierung, das verspüren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bibliothek. „Unsere Bibliothek ist wirklich einzigartig“, sagt Sonja De-Paoli, die als „trustee“ Mitglied des Kuratoriums der Bibliothek ist. „Unsere beiden Gemeinden sind sich so nahe. Das sind unsere Freunde, das sind unsere Nachbarn“, das sei die Einstellung der Bevölkerung. Die Haskell-Bibliothek rief die Öffentlichkeit auf, mit ihr gegen die einseitige Entscheidung der US-Regierung aufzutreten, den Zugang zur Bibliothek zu erschweren. Seit mehr als einem Jahrhundert sei die Bibliothek mit dem dazu gehörenden Opernhaus ein „machtvolles Symbol für Einheit und grenzüberschreitende Freundschaft“. Man dürfe nicht zulassen, dass eine Grenze teile, was Geschichte zusammengefügt habe.

US-Ministerin reist an und provoziert

Die „Haskell Free Library&Operahouse“ von Stanstead und Derby Line ist weltweit wohl einmalig. Das Gebäude im viktorianischen Stil, errichtet aus Granitstein der Region Stanstead, liegt zum Teil auf dem Gebiet der kanadischen Gemeinde Stanstead, zum Teil in Derby Line in den USA. Das spiegelt sich in den beiden Adressen wider: 93 Caswell Avenue in Derby Line, VT, USA, und 1 Church Street in Stanstead, QC, Canada. 1901 wurde der Grundstein gelegt, drei Jahre später die Bibliothek mit einem schmucken Theatersaal im Obergeschoss als Symbol der Freundschaft zwischen beiden Staaten eröffnet. In der Eingangshalle geht die Grenze durch einen Bücherschrank mit antiquarischen Büchern und Porzellan. Die Ahorn-Flagge Kanadas und die Stars and Stripes der USA zeigen, welcher Teil des Schranks zu welchem Land gehört. Auch im „Opera House“ im Obergeschoss ist die Grenze mit dem schwarzen Band auf dem Parkett markiert. Bei den Aufführungen sitzt ein Teil des Publikums in Kanada, der andere Teil in den USA. Die Bühne steht auf kanadischem Territorium.

Bis zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA war der Zugang zur Bibliothek „grenzenlos“. Danach wurden die Sicherheitsvorkehrungen vor allem auf US-Seite verschärft. Das Gebiet um die Bibliothek und die zwischen den Gemeinden verlaufende Grenze wird mit Kameras überwacht. Betonblöcke wurden auf die Straße gestellt, damit Autos nicht passieren können. Der nächste offizielle Grenzübergang ist etwa einen Kilometer entfernt. Aber immer noch gab es für Bibliotheksnutzer und Touristinnen aus Kanada die Möglichkeit, auf dem direkt neben der Bibliothek auf US-Gebiet verlaufenden Bürgersteig zum Haupteingang zu gehen, ohne den Umweg über den Grenzübergang zu nehmen. „Mehr als 100 Jahre hatten wir die ungeschriebene Vereinbarung, die es Kanadiern gestattete, Zugang zur Bibliothek zu haben. Es gab nur wenige Probleme, ein Testament für die Kooperation und Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern“, sagt Stansteads Bürgermeister Jody Stone.

Damit ist es nun vorbei. Ein ungutes Gefühl löste im Januar der Besuch der US-Sicherheitsministerin Kristi Noem aus. Sie kam als Gesandte von Präsident Donald Trump mit der offenkundigen Absicht zu provozieren. Sie ging in die Bibliothek und verhöhnte die kanadischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit der Trump-Parole von Kanada als „51. US-Bundesstaat“, die Provokation, die ihr Meister seit Wochen gegen Kanada ausstößt. Während ihre Entourage laut kanadischen Medien nur lachte, fiel es den kanadischen Gastgeberinnen und Gastgebern nicht leicht, ihre bekannte Höflichkeit aufrechtzuerhalten.

Unverständnis in beiden Ländern

Bereits jetzt dürfen aus Kanada nur noch Bibliotheksnutzende mit der Büchereikarte, die von einem US-Grenzbeamten geprüft wird, die Bibliothek auf direktem Weg betreten. Ab 1. Oktober soll auch das enden. Dann wären alle gezwungen, den offiziellen Grenzübergang zu nutzen. Aber die Haskell Library und die Gemeinde Stanstead wollen den Zugang weiter ermöglichen. Daher wird nun eine Hintertür auf kanadischer Seite, die kaum genutzt wurde, ausgebaut. So soll der direkte Zugang zur Bibliothek ohne Umweg zum Grenzübergang weiter möglich sein. Ein Bürgersteig wird angelegt, eine Rampe für Menschen mit Gehbehinderungen und Parkplätze werden geschaffen. Das kostet Geld. Ein Spendenaufruf der Bibliothek fand weltweit Resonanz. Das Ziel, 100 000 Kanadische Dollar, etwa 60 000 Euro, als Startkapital für den Umbau zu sammeln, wurde binnen weniger Tage erreicht. Am Donnerstag waren es bereits 160 000 Dollar – auch dank einer großzügigen Spende der renommierten kanadischen Schriftstellerin Louise Penny, die zur Vorstellung ihres neuen Krimis im Oktober nach Stanstead kommen will.

Die USA begründen ihr Vorgehen mit illegaler Einwanderung und Schmuggel. Es habe 2024 um die Bibliothek 147 Festnahmen wegen „illegaler Aktivitäten“ gegeben, erklärt die US-Grenzbehörde. Es soll sich um Versuche des illegalen Grenzübertritts und des Schmuggels gehandelt haben.

„Ich unterstütze das Recht Kanadas, diese Bibliothek zu betreten“, sagt eine US-Bürgerin aus Vermont dem kanadischen Sender CBC. „Was die USA machen, ist falsch. Ich bin beschämt, wie die USA Kanada behandeln.“ Eine Einwohnerin des kanadischen Stanstead bekräftigt, sie wolle weiter durch den Haupteingang gehen und sei nicht bereit die Hintertür zu nutzen „nur weil der orange Clown das gesagt hat“.

Die Grenzmaßnahmen in Stanstead und Derby Line werden von vielen vor allem als unnötige Schikane gesehen. In einer Zeit, in der die USA einen Wirtschaftskrieg gegen Kanada mit dem Ziel begonnen haben, Kanadas Wirtschaft zu schwächen, und Donald Trump Annexionsgelüste propagiert, finden regionale Verwerfungen zwischen den USA und Kanada viel Aufmerksamkeit. Sie werfen ein Schlaglicht auf die angespannten Beziehungen zwischen zwei Staaten, die sich einst ihrer Freundschaft rühmen konnten.

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