VonStefan Brändleschließen
Bettwanzen breiten sich in der Pariser Metro aus - und leisten den Ratten Gesellschaft.
Neun Monate vor Beginn der olympischen Sommerspiele erhält Paris bereits regen Besuch – von den so genannten „punaises de lit“, zu Deutsch: Bettwanzen. Die braunen und eher bissigen Dinger messen ungefähr einen halben Zentimeter und verbergen sich in Matratzen, Holzdielen oder Koffern. Nachts saugen sie das Blut schlafender Menschen, was auf der Haut schmerzhafte Spurenlinien hinterlässt.
Los ging alles noch in den Sommerferien, als es Aufregung um Wanzen in einem Pariser Kino gab. Nachdem eine Besucherin der Zeitung „Le Parisien“ schilderte, wie sie mit dem Rücken voller Bisse aus dem Saal kam, sah sich die Kinokette UGC zu einer Entschuldigung veranlasst. Die Wanzen kämen überall vor, wo sich Menschen aufhielten, und man bekämpfe sie.
In der Seine-Stadt, die noch nie eine Sauberkeits-Medaille gewonnen hat, grassieren diese Wanzen seit vielen Jahren; zehn Prozent aller Wohungen sollen schon einmal infiziert gewesen sein. Jüngst sind sie allerdings auch am Flughafen Roissy-Charles de Gaulle und im Pariser Zugverkehr aufgetaucht. Von Reisenden erstellte Videos der kleinen Parasiten auf Polstersitzen finden über die sozialen Medien reißende Verbreitung. „Ich fahre wegen dieser Insekten nicht mehr ruhig im Zug“, sagt eine Passagierin namens Laura an einem Pariser Bahnhof. Eine andere Frau erklärte, sie sei wegen der Wanzen jedes Mal „gestresst“, wenn sie die Vorortsbahn RER zur Arbeit besteige.
Am vergangenen Mittwoch gab es eine Wanzenmeldung quasi aus der Herzkammer des Hauptstadtlebens, der Pariser Metro. Ein Fahrer der Linie 8 war sich sicher, einen der Parasiten in der Fahrerkabine entdeckt zu haben. Die Verkehrsbetriebe RATP meldeten, die Bahn sei außer Betrieb genommen worden, weder in dem Zug noch anderen Verkehrsmitteln habe man aber tatsächlich eine Wanze ausfindig gemacht. Längst aber hatten sich die Stadtverwaltung, die Gewerkschaft und Politiker eingeschaltet.
Die Behörden nehmen die „Invasion der Blutsauger“, wie sich Pariser Medien leicht übertrieben ausdrücken, sehr ernst. Vor den olympischen Spielen im Juli 2024 befürchten sie Negativwerbung für Paris. Chinesische und amerikanische Medien fragen bereits, ob man in der Olympiastadt noch eine Airbnb-Wohnung mieten könne, ohne auf „bedbugs“ zu stoßen. Denn auch in einzelnen Hotels im Osten von Paris sowie in Kinos wurden neuerdings Wanzen in Sitzspalten gefilmt.
Die Stadtregierung hat ein dramatisches Schreiben an Premierministerin Elisabeth Borne gerichtet: Der Staat müsse im Hinblick auf die Spiele „dringend einen Notfallplan erstellen“. Transportminister Clément Beaune hat die Verkehrsbetriebe für die nächsten Tage zu sich bestellt. Borne kündigte am Dienstag in der Nationalversammlung einen Aktionsplan gegen die Bettwanzen an.
Die Pariser Schädlingsbekämpfungs-Firma CS3D warnt ebenfalls, die Wanzen müssten sofort und massiv bekämpft werden, um bis im Sommer 2024 ein Resultat zu erzielen. Zumal eine weitere Plage drohe: die Tigermücken. Diese gefleckten Stecher aus Südostasien haben bereits mehrere Fälle von Dengue-Fieber nach Paris gebracht. Wenn der Winter mild ausfalle, drohe im Sommer 2024 eine gewaltige Tigermückenplage, prophezeit CS3D.
Und nicht nur das. Die Seine-Metropole leidet seit vielen Jahren unter einer zunehmenden Zahl von Ratten. Auf zwei Millionen Einwohnerinnen und Einwohner (ohne Vororte) kommen in Paris laut Fachleuten bereits drei Millionen der flinken Nager. In Metrogängen, Rinnsteinen oder Parkanlagen gehören sie heute zum Alltagsbild. Die städtischen Dienste haben sie bisher mit ökologischen Methoden einzudämmen versucht, allerdings ohne Erfolg.
Ein anderes Pariser Spezialunternehmen namens Badbugs (übersetzt: üble Insekten) hat Bürgermeisterin Anne Hidalgo darauf hingewiesen, dass die Stadt die Ausbreitung der Ratten bis zu den olympischen Spielen nur stoppen oder gar reduzieren könne, wenn sie die Bekämpfung unverzüglich und entschlossen an die Hand nehme. Dass dies wohl auch eine Giftkampagne einschließen würde, brauchte Badbugs nicht zu sagen. Diverse Tierschutzvereine verlangen prophylaktisch bereits einen „Stopp des Rattenmassakers“. mit dpa
