Terror in Paris

Emmanuel Carrère über die Anschläge in Paris – Polyphonie des Grauens

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aris im November 2015.
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Emmanuel Carrères Reportage über den gigantischen Gerichtsprozess zu den Pariser Attentaten von 2015 lässt konsequent allein die Opfer zu Wort kommen.

Eine Pariserin namens Lamia trifft sich am Abend des 13. November 2015 zu einem Rendezvous mit ihrem Freund Romain. Das junge Paar hat sich auf einer der vielen Caféterrassen in der Pariser Innenstadt verabredet. Die beiden kennen sich noch nicht lange und verbringen diesen Abend wohl im „Zauber des ersten Verliebtseins“. Vielleicht lächeln sie gerade, vielleicht schauen sie sich tief in die Augen oder schmieden Zukunftspläne, als sie um 21.35 Uhr wie aus dem Nichts von zwei IS-Kämpfern niedergeschossen werden.

Ausgestattet mit Kalaschnikows und Maschinengewehren töteten neun islamistische Terroristen an diesem Freitagabend 130 Menschen. 683 weitere verletzten sie schwer. Alle diese Opfer wollten bei schönem Herbstwetter eigentlich nur das Leben genießen – ein Rockkonzert der Eagles of Death Metal in der Konzerthalle Bataclan, einen Drink, das Spiel Frankreich – Deutschland im Stade de France.

Sechs Jahre nach dem bislang schlimmsten islamistischen Attentat in Europa beginnt ein „Jahrhundertprozess“, von dem einer der bekanntesten französischen Autoren, Emmanuel Carrère, berichtet. Seine Reportage könnte grausamer und quälender kaum sein und sät doch am Ende Hoffnung. Carrère verfolgt fast zehn Monate lang vom ersten bis zum letzten Tag einen Prozess der Superlative: Mitten in der Stadt, an der Île de la Cité unweit von Notre-Dame, hat der französische Staat ein eigenes, 600 Personen fassendes Verhandlungsgebäude für sieben Millionen Euro errichten lassen. Es handelt sich bei dem Prozess also nicht nur um ein bürokratisches Monstrum (1800 Nebenkläger und -klägerinnen, 300 Anwälte und Anwältinnen, 378 Seiten Anklageschrift, 542 Bände Ermittlungsakten), sondern auch um ein symbolisches. Der Prozess ist gleichzeitig überfällig und gefürchtet, von vielen Menschen wird er als Antwort auf die monströse Tat erwartet. Zugleich: Wie können Überlebende von dem Grauen sprechen? Kann ein Prozess das individuelle und kollektive Trauma aufarbeiten? Wie viel Gerechtigkeit kann eine juristische Antwort bringen, wenn fast alle Täter tot sind?

Auf manche Frage gibt Carrères Buch Antworten, bei anderen bleibt das Fragezeichen unvermeidlich stehen. Viel mehr als ein Buch der Antworten ist Carrères Buch nämlich eines des Zuhörens. Mit tastender Sensibilität schreibt er sich Woche für Woche, Monat für Monat in das blutende Herz dieses Prozesses hinein.

Konsequent bleibt er dabei an der Seite der Opfer: Ihnen folgt er bis in die Details ihrer Schilderungen, ihrer extremen Gefühlswelt, ihres qualvollen Erlebens. Fast nie blockieren allgemeine, philosophische Überlegungen diese literarische Empathie. Nie spekuliert, theoretisiert oder kommentiert Carrère übermäßig, wie es als unbeteiligter Beobachter nahe liegen würde (man denke an die Thesen Hannah Arendts zum Eichmann-Prozess). Carrères Buch ist anders: Es eröffnet den einzelnen Zeugen und Zeuginnen einen Resonanzraum. Es erschafft ein literarisches Echo, das wie ein Versprechen wirkt: In Buchform sind die Aussagen der Opfer für immer festgehalten, sie werden nicht mehr vergessen, sie sind – ein Stück weit – nicht mehr nur individuelles Leid, sondern kollektive Erzählung geworden.

Das Buch:

Emmanuel Carrere: V13. Die Terroranschläge in Paris. Gerichtsreportage. A. d. Franz. v. Claudia Hamm. Matthes und Seitz, Berlin 2023. 275 S., 25 Euro.

Den Angeklagten (insgesamt 14 Personen stehen vor Gericht) gibt Carrère weit weniger Raum. Er widersteht der Versuchung, eine Faszination in ihren Taten zu entdecken. Stattdessen beschreibt er nüchtern die Kluft zwischen ihrer halluzinierten Rolle als heldenhafte Krieger Allahs und ihrem Leben als Kleinkriminelle, Dealer und Gelegenheitsjobber. Beispielhaft steht dafür eine kleine Anekdote: Der Richter fragt den einzigen am Attentat direkt beteiligten Angeklagten, Salah Abdeslam, dessen Sprengstoffgürtel offenbar nicht funktionierte, nach seinem Beruf. Dieser erklärt provokant: „Kämpfer des Islamischen Staats“. Der Richter daraufhin trocken: „Bei mir steht: Zeitarbeiter.“

Carrère macht immer wieder subtil deutlich, dass hier keine schillernden Persönlichkeiten auf der Anklagebank sitzen. Er zeichnet die Täter eher als schlichte und perspektivlose Männer mit einem Hang zur Kriminalität, die der wirren IS-Propaganda – einer Mischung aus Gewaltverherrlichung, religiöser Strenge, Kumpanei und nihilistischem Heldentum – fatalerweise auf den Leim gingen. Ihre Ideologie scheint Carrère mit anderen faschistischen Ideologien nahezu austauschbar. Es gäbe von Sigmund Freuds Essay „Warum Krieg?“ bis zu Klaus Theweleits Buch „Männerphantasien“ viele interessante und plausible Theorien zur Frage, wie aus Männern gewalttätige Bestien werden können, die im Namen von Faschismus, Terrorismus, Frauenhass oder Rassismus Menschen niedermetzeln. Doch Carrère geht es nicht vordergründig um dieses „Warum?“ der Täter.

Er lässt sich von den Opfern und ihren düsteren wie beeindruckenden Worten berühren – bis hinein in die literarische Form. Als Carrère vom beispiellosen Blutbad im Parkett des Bataclan erzählt, bricht die Form seiner Reportage regelrecht auf. In Seiten ohne chronologische oder formale Ordnung reihen sich zutiefst erschütternde Zeugenaussagen ohne Pause, ohne Absatz aneinander. Wie eine Polyphonie des Grauens beschwören diese Seiten das schreckliche Leid von Hunderten Menschen herauf, die tot, schwer verletzt, blutdurchtränkt und von Todesangst erstarrt zwei Stunden übereinander und ineinander verkeilt ausharren mussten. Kein Text, spricht aus diesen Zeilen, wird dieses Leid je wirklich einfangen können.

Und doch liegt eine mögliche Hoffnung in Carrères Text: nämlich dem Bösen nicht mit Vergeltung zu begegnen. Carrères persönliche Antwort ist die Sprache, der Rhythmus von Aussagen und Zuhören und dessen literarischer Widerhall. Das demokratische Rechtssystem, so gesteht Carrère zu, trägt zu dieser Hoffnung bei. Doch man muss dem Autor einen beeindruckend hohen Grad an Differenziertheit attestieren: Nie gibt er der Versuchung nach, die französische Demokratie und ihr ausgeklügeltes Rechtssystem zu glorifizieren oder als glühende Antithese zum Terrorismus hinzustellen.

Aus Carrères Zeilen spricht eher die nüchterne Einsicht, dass eine menschliche Gesellschaft zu schaffen nur eine Sisyphos-Aufgabe sein kann. Sie als Staat und als Individuum immer wieder neu anzugehen, sich einzugestehen, dass sie nie vollendet, nie abgeschlossen sein kann, wäre der beste Beweis, dass man es ernst mit ihr meinte.

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