Exxon Valdez

Das Erbe der Ölpest

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Ein Helfer der Reinigungsarbeiten überprüft das in der Absperrung eingefangene klumpige Öl.

Vor 20 Jahren lief der Tanker Exxon Valdez vor Alaska auf ein Riff und schlug leck. Gerd Braune reiste nun an den Prince William Sound, wo Menschen und Tiere noch immer an den Folgen der Katastrophe leiden.

Kelly Weaverling, der Buchhändler von Cordova, der idyllischen Gemeinde am Prince William Sound in Alaska, zeigt seinem Besucher ein Glas. Es sieht aus wie ein Marmeladenglas. Aber es enthält nichts Süßes, sondern eine schwarze, stinkende Masse, aus der penetranter Ölgeruch aufsteigt. "Das sind Ölreste, die wir heute noch finden. Die Erinnerung an die Exxon Valdez-Ölpest vor 20 Jahren", sagt er. Auf dem Deckel hat er Datum und Ort des Fundes notiert: Sleepy Bay, Prince William Sound, 18. Juli 2005. Und der Buchhändler ist überzeugt: "Auch in diesem Sommer werden wir an den Stränden Öl finden."

Hinter Cordova erheben sich die schneebedeckten Chugach-Berge. Im Hafen liegt das "Oil Spill Recovery Institute". Im Wasser tummeln sich Seeotter. Der Institutsname weist darauf hin, dass sich nicht weit von hier entfernt im malerischen Prince William Sound vor 20 Jahren die Umweltkatastrophe der Exxon Valdez abspielte. Auch auf einem Regal im Sitzungszimmer des Instituts, das die Erforschung von Ölverschmutzungen in Arktis und Subarktis unterstützt, stehen Gläser mit dem klebrigen Brei aus Teer und Sedimenten. Der letzte Fund datiert aus dem vergangenen Jahr.

Vor 20 Jahren, in den ersten Minuten des 24. März 1989, begann für die Menschen in Cordova und vier weiteren Gemeinden am Prince William Sound eine neue Zeitrechnung. Am Vorabend hat der Öltanker Exxon Valdez des Ölmultis Exxon den Hafen von Valdez verlassen. Dort endet die Alyeska-Pipeline, die Öl von der Arktisküste quer durch Alaska an den Pazifik bringt. Der Tanker verlässt die normale Route, um Eisbergen aus dem Weg zu gehen. Am Steuerrad steht der Dritte Offizier Gregory Cousins, der nicht gelernt hat, durch Meerengen zu navigieren. Der alkoholkranke Kapitän, Joseph Hazelwood, liegt zu diesem Zeitpunkt betrunken in seiner Koje.

Vier Minuten nach Mitternacht rammt die Exxon Valdez mit rund 200 Millionen Liter Öl an Bord das Bligh-Riff. Elf Rohöltanks werden aufgerissen. Rund 40 Millionen Liter Rohöl fließen in den ökologisch intakten Sund. Am Ende werden etwa 2000 Kilometer Küste vom Öl verpestet sein. Die Ölmenge, wurde später nachgerechnet, entspricht dem Inhalt von 125 Schwimmbecken.

Gemessen an der ausgelaufenen Ölmenge gab es weltweit größere Katastrophen. Aber die Folgen für die weitgehend unberührte Natur am Prince William Sound und für die reichhaltige Tierwelt machen den Unfall der Exxon Valdez bis heute zu einer außergewöhnlichen Umweltkatastrophe. Die Havarie der Exxon Valdez ist der besterforschte Tankerunfall in der Geschichte der Seefahrt. Das Unglück in subarktischen Gewässern ist zugleich eine Warnung, welch verheerende Folgen eine Ölkatastrophe hätte, wenn die Arktis stärker als heute für die Schifffahrt genutzt würde. Seit das Eis an den Polen schmilzt, wächst das Begehren von Reedereien und Ölmagnaten, die bewährte Route abzukürzen.

Im Kongresszentrum von Anchorage, der größten Stadt und dem Industriezentrum Alaskas, haben sich mehrere Hundert Menschen zum Alaska Umweltforum versammelt. Gastredner ist Craig Tillery, stellvertretender Justizminister Alaskas, der die Prozesse des US-Bundesstaats gegen den Mineralölkonzern Exxon führte. Noch am Unglückstag 1989 flog er mit einem Hubschrauber über den Prince William Sound und landete "im Herz der Ölkatastrophe" in einer Bucht. "Was ich sah, hörte und roch werde ich nie vergessen", erzählt er. "Der Gegensatz zwischen der idyllischen Schönheit des Sunds, wo ich in früheren Jahren so viele Wochen im Kajak verbracht hatte, und der lärmenden, stinkenden Szenerie vor mir war erschütternd. Ich erinnere mich an zwei Reaktionen zu jener Zeit - Traurigkeit und Wut."

Die vom Öl verschmutzten Seeotter werden ein Symbol der Ölkatastrophe. 2800 Seeotter sterben im Ölschlick. Seehunde, Weißkopfadler, Schwertwale, Tausende Wasservögel und viele Milliarden Eier von Lachs und Hering verenden in der Brühe. Cordova selbst wird vom Öl nicht verseucht, weil der Wind den schmierigen Teppich in eine andere Richtung treibt. Dennoch wird kein anderer Ort so stark betroffen sein wie Cordova. Denn der Fischfang, Lebensgrundlage vieler Menschen hier, bricht völlig zusammen.

Doch mit den Aufräumarbeiten kommt auch das Geld. Der Konzern Exxon zahlt gut für die Anmietung von Booten. Ein Teil der Fischer weigerte sich, vom Multi, der ihr Leben Leben zerstört hat, Geld anzunehmen. Ein Riss geht durch die Gemeinde. Familien zerbrechen, die Selbstmordrate steigt. Der zwei Jahrzehnte dauernde Prozess um Schadenersatz steigert den Stress. Erst nach und nach findet Cordova wieder zu einer Art Normalität zurück.

"Warum kümmern wir uns heute noch um diese Ölpest?" fragt Stanley Rice von der National Oceanic and Atmospheric Administration der USA auf dem Umweltsymposium in Anchorage. "Weil die Ölpest noch nicht vorbei ist. Wir finden immer noch Öl", sagt er dann. Erst wenn dies nicht mehr der Fall sei, alle rechtlichen Fragen abschließend geklärt und in der Umwelt die Folgen nicht mehr zu spüren seien, sei die Katastrophe der Exxon Valdez Vergangenheit.

Zum traurigen 20. Jahrestag hat der "Exxon Valdez Oil Spill Trustee Council" den Bericht "Erbe einer Ölpest" vorgelegt. Das Treuhandgremium steuert die Verwendung der Millionenbeträge, die als Wiedergutmachung von Exxon und aus staatlichen Budgets für die Wiederherstellung des Sundes und die Forschung bereit stehen. Die Bilanz ist zwiespältig: Äußerlich bietet der Prince William Sound ein spektakuläres Bild mit einer faszinierenden Tierwelt. Das "verblüffende Ergebnis" der Forschungen sei aber, "dass Exxon Valdez-Öl in der Umwelt weiter fortbesteht und stellenweise nahezu ebenso toxisch ist wie in den ersten Wochen nach dem Unfall", heißt es in dem Bericht.

Nach dem Unglück hatten Ebbe und Flut den Ölschlamm an den Küstenstreifen wochenlang bewegt und in die Sedimente eindringen lassen. Von der aus dem Tanker ausgelaufenen Menge Öl wurden bislang weniger als zehn Prozent eingesammelt. Denn im Prince William Sound war vor der Havarie kaum etwas getan worden, um den Sund vor einer solchen Katastrophe zu schützen, obwohl Behörden und Industrie das immer wieder versprochen hatten. Also mussten am Ende Fischer mit Plastikeimern die dreckige Brühe abschöpfen.

In den vergangenen Jahren wurde gezielt in der Gezeitenzone nach Ölrückständen gesucht. "Der Prince William Sound ist bei weitem sauberer als 1989, aber weitaus kontaminierter als 1988", sagen Wissenschaftler. Sie schätzen, dass an der Küste noch annähernd 80 000 Liter Öl in Form von Öl- und Teerklumpen liegen. Sie sind sich sicher, dass der größte Teil davon von der Exxon Valdez stammt und nur ein geringer Teil Folge eines Erdbebens von 1964 ist, das Öltanks in Valdez beschädigte. Das Öl verschwinde mit einer Rate von null bis vier Prozent pro Jahr, stellt der Trustee Council fest. Somit könne es "Jahrzehnte und möglicherweise Jahrhunderte dauern, bis das Öl der Exxon Valdez vollständig verschwunden ist". Besorgt stellten die Wissenschaftler auch fest, dass die im Öl enthaltenen hochgiftigen Polyzyklischen Aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAH) nicht so schnell abgebaut werden wie erwartet. Analysen ergaben, dass die meisten PAH "intakt und somit giftig und im gleichen Verhältnis vorhanden waren wie im Exxon Valdez-Öl, das in den ersten Wochen nach der Ölpest gesammelt wurde". Die PAH riefen die größten Probleme wie beispielsweise genetische Mutationen hervor, erläuterten Wissenschaftler in Anchorage.

Tom Anderson, ein heute 65 Jahre alter Fischer, erinnert sich genau an den 24. März 1989. "Wir fuhren hinaus, sammelten verölte Seeotter mit Netzen ein und brachten sie an den Strand." Dort wartete bereits ein Hubschrauber, der die Tiere zum Entölen nach Valdez flog. Die Fischer bargen auch Weißkopfadler, die sich beim Fressen toter Fische und Flussotter mit Öl verschmiert hatten. "Wir nannten den Strand Todeszone, mit Tausenden toter Vögel. Nichts flog mehr, nicht einmal Moskitos", erzählt Anderson.

Ein Schlag war für viele Menschen in Cordova im Sommer 2008 die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs zu Schadenersatzzahlungen an die Geschädigten. 1994 hatte ein Gericht den Multi Exxon zur Zahlung von fünf Milliarden US-Dollar verurteilt. In der Berufung 2007 wurde die Summe halbiert und im Juli 2008 auf 507 Millionen US-Dollar festgesetzt. Das ist nur noch ein Zehntel der ursprünglichen Summe. "Und diese Entscheidung fiel in einem Jahr, in dem Exxons Gewinn 40 Milliarden US-Dollar erreichte", schimpfen die Menschen in Cordova.

Die Seeotter-Bestände haben sich inzwischen weitgehend erholt. In den stark verseuchten Gegenden verlief die Erholung langsamer, weil sich die Seeotter in Küstennähe von Muscheln ernähren und bei der Suche nach Nahrung mit dem Öl in Kontakt kommen. Die Bestände an Robben, Weißkopfadlern und verschiedenen anderen Vogelarten sind auch wieder gewachsen. Von zwei Schwertwal-Gruppen befindet sich eine auf dem Weg der Erholung, für die zweite gibt es dagegen so gut wie keine Hoffnung: Ihr droht die Ausrottung. Der Heringbestand hat sich nicht erholt. Das Öl vernichtete einen ganzen Jahrgang. Dass im Jahr nach der Katastrophe die Heringe wieder auftauchten, war für die Fischer noch kein Anlass zum Jubel. "Wir wussten, dass es ein Mythos war, als Exxon von einer Erholung sprach", sagt Riki Ott, die in ihrem Buch "Not One Drop" über ihre Erfahrungen berichtet. Die Menschen ahnten, dass sich der Ausfall eines Jahrgangs noch bemerkbar machen wird. Der Crash kam 1993. Seitdem hat sich der Bestand nicht mehr erholt. Angesichts starker Schwankungen der Populationen und den zahlreichen Faktoren, die dies beeinflussen, lässt sich allerdings ein direkter Zusammenhang mit der Ölpest nicht zweifelsfrei bestimmen.

Das Exxon Valdez-Desaster wirft Fragen auf, die im Zeitalter des Klimawandels noch drängender werden. Es gibt keine Möglichkeit, die Ausbreitung von Öl unter einer Eisdecke zu verfolgen. Technologien, eine Ölpest in der Arktis wirksam zu bekämpfen, sind noch nicht entwickelt. Öl hält sich in kalten Gewässern länger als bislang gedacht. Das Vertrauen in die Heilungskräfte der Natur ist erschüttert worden. "Wir können uns beim Abbau von Ölrückständen nicht überall auf Mutter Natur verlassen", sagt Mead Treadwell, Vorsitzender der US-Arctic Research Commission.

Die Exxon Valdez-Ölpest ist tief in der Seele der Menschen verankert. "Die populäre Phrase vom angeblichen Abschluss greift nicht", sagt Kelley Weaverling. "Ein Ereignis wie dieses ist Teil von Dir. Es gibt keine Taste es auszulöschen." Kapitän Joseph Hazelwood konnte kein kriminelles Verhalten nachgewiesen werden. Er wurde zu einer Geldstrafe von 5000 US-Dollar wegen Vollrauschs verurteilt.

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