Geoengineering

Kampf gegen Klimawandel oder Science-Fiction? EU untersucht Maßnahmen zur Ablenkung von Sonnenstrahlen 

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Blick am Donnerstag (22. Juni 2023) während einer Hitzewelle auf die Frauenkirche in München (Symbolbild).
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Die EU will offenbar prüfen, ob die Ablenkung von Sonnenstrahlen als Maßnahme im Kampf gegen den Klimawandel infrage kommt – und mögliche Risiken untersuchen.

Brüssel – Laut Klimaforschenden ist das im Pariser Klimaschutzabkommen festgelegte 1,5-Grad-Ziel kaum mehr zu erreichen. Die Europäische Union (EU) will nun prüfen, ob die Ablenkung von Sonnenstrahlen oder die Veränderung des Wetters machbare Optionen sind, um die Erderwärmung zu reduzieren. Ein entsprechendes Dokument liegt Bloomberg vor, wie das Nachrichtenportal am Sonntag (26. Juni) berichtete. Unter Wissenschaftler:innen sind diese Geoengineering-Maßnahmen teils umstritten.

Europäische Union will Risiken des Geoengineering prüfen

Die Idee, die Erde durch das Ablenken von Sonnenstrahlen künstlich abzukühlen, ist nicht neu. Bereits im Jahr 2021 sprach sich das renommierte wissenschaftliche Gremium National Academies in den USA für eine weiterführende Forschung im Bereich des sogenannten Geoengineering und dessen Risiken aus. Künstlich in die Erdatmosphäre eingebrachte Aerosole reflektieren das Sonnenlicht dabei teilweise zurück in den Weltraum und begrenzen so die Erderwärmung. „Diese Technologien bringen neue Risiken für Menschen und Ökosysteme mit sich, könnten aber auch das Machtgefälle zwischen Nationen vergrößern, Konflikte auslösen und eine Vielzahl ethischer, rechtlicher, politischer und Governance-Fragen aufwerfen“, heißt es im ersten Entwurf der EU zur geplanten Untersuchung der potenziellen Gefahren einer Umgestaltung der Erdatmosphäre.

Am kommenden Mittwoch (5. Juli 2023) will die EU laut Bloomberg einen entsprechenden Rahmenentwurf für die Untersuchung vorlegen. Der Staatenverbund will auch die Sicherheitsfolgen einer schnellen Erderwärmung genauer unter die Lupe nehmen, etwa Wasser- und Nahrungsmittelknappheit, die zu Migration und Konflikten führen können. Schon im 2019 präsentierten „Grünen Deal“ der Europäischen Union, der die Klimaneutralität der EU bis 2050 erreichen will, finden Geoengineering-Maßnahmen Erwähnung.

Weshalb Geoengineering-Maßnahmen nun in den Vordergrund rücken

Im Pariser Klimaschutzabkommen hatten sich die 195 unterzeichnenden Länder im Jahr 2015 darauf geeinigt, den globalen Ausstoß von klimaschädlichen Treibhausgasen zu verringern und die globale Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Selbst wenn alle Länder die Vereinbarung einhalten würden - was aktuell nicht der Fall ist - wäre dies nicht ausreichend, um die 1,5-Grad-Grenze nicht zu überschreiten. Zu diesem Schluss kommt der Weltklimarat IPCC in einem Bericht. Sollte die Temperatur weiter steigen, kann es laut Wissenschaftlern zu unumkehrbaren Kettenreaktionen kommen. Angesichts des wohl bevorstehenden Überschreitens dieser sogenannten „Kipppunkte“ rücken Geoengineering-Maßnahmen immer mehr in den Vordergrund. Neben der Idee der Verringerung von Sonnenstrahlen gibt es auch Ansätze, der Atmosphäre Kohlendioxid zu entziehen.

Klima-Geoengineering „Science-Fiction-Ablenkungsmanöver“? Auswirkungen unklar

Die EU werde die „internationalen Bemühungen um eine umfassende Bewertung der Risiken und Unsicherheiten von Klimaeingriffen, einschließlich der Veränderung der Sonneneinstrahlung, unterstützen“, hieß es in dem Entwurf weiter. Unklar ist, ob das Klima-Geoengineering eine geeignete Möglichkeit ist, um die Klimaerwärmung einzudämmen oder ein „Science-Fiction-Ablenkungsmanöver“ mit gefährlichen Auswirkungen, so Kritiker. Die Geoengineering-Maßnahmen könnten zudem den Fokus davon ablenken, CO₂-Emissionen zu bekämpfen – das Treibhausgas ist unbestritten der Hauptauslöser der globalen Erwärmung.

„Solar Geoengineering ist kein Ersatz für die Dekarbonisierung“, mahnte auch Chris Field von der Stanford University, einer der Wissenschaftler:innen der National Academies, die sich 2021 in den USA für die weitere Erforschung von Geoengineering-Maßnahmen aussprachen. In der Wissenschaft gibt es die Befürchtung, dass sich durch den Eingriff in die Erdatmosphäre und das Wetter etwa Regenmuster ändern könnten, was unkalkulierbare Auswirkungen auf das Klima hätte – beispielsweise beim Monsun in Südasien. In einem offenen Brief forderten 60 führende Klimawissenschaftler:innen Anfang 2022 ein internationales Abkommen gegen die Nutzung von Geoengineering.

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