Zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse: Die Literatur ist immer noch das privilegierte Medium, denn ohne Bücher gibt es keine Lösung für den Gaza-Krieg. Von Slavoj Žižek
Ich bin stolz, hier zu sein, auf einer Buchmesse, stolz - wenn auch ohne Scholz -, denn Bücher werden heute mehr denn je gebraucht – ohne sie gibt es keine Lösung für den schrecklichen Gaza-Krieg – warum? Ich verurteile den Angriff der Hamas auf Israelis nahe der Grenze zum Gazastreifen ohne Wenn und Aber, und ich gebe Israel das Recht, sich zu verteidigen und die Bedrohung zu vernichten. Mir ist jedoch etwas Seltsames aufgefallen: In dem Moment, in dem man die Notwendigkeit erwähnt, den Hintergrund der Situation zu analysieren, wird man in der Regel beschuldigt, den Terrorismus der Hamas zu unterstützen oder zu rechtfertigen. Ist uns bewusst, wie seltsam dieses Verbot einer Analyse ist?
Der Titel eines kürzlich im „Spiegel“ erschienenen Dialogs über Antisemitismus und BDS lautete: „Wer ein Antisemit ist, bestimmt der Jude und nicht der potenzielle Antisemit“. Okay, klingt logisch, das Opfer selbst soll entscheiden, ob es wirklich ein Opfer ist. Aber gilt das nicht auch für die Palästinenser, die in der Lage sein sollten zu bestimmen, wer ihr Land stiehlt und sie ihrer elementaren Rechte beraubt? Mit der Analyse der Hintergründe meine ich allerdings nicht den völligen Blödsinn, der sich als tiefe Weisheit tarnt: „Ein Feind ist jemand, dessen Geschichte man nicht kennt“. Wirklich? Hier sind die beiden wichtigsten Geschichten über Israel heute. Ismail Haniyeh, der Führer der Hamas, der bequem in Dubai lebt, sagte am Tag des Anschlags: „Wir haben euch nur eines zu sagen: Verschwindet aus unserem Land. Geht uns aus den Augen... Dieses Land gehört uns, al-Quds (Jerusalem) gehört uns, alles (hier) gehört uns ... Es gibt keinen Platz und keine Sicherheit für euch.“
Eindeutig und ekelhaft – aber hat die israelische Regierung nicht etwas Ähnliches gesagt, wenn auch nicht auf so brutale Weise? Hier ist das erste der offiziellen „Grundprinzipien“ der jetzigen israelischen Regierung: „Das jüdische Volk hat ein exklusives und unveräußerliches Recht auf alle Teile des Landes Israel. Die Regierung wird die Besiedlung aller Teile des Landes Israel – in Galiläa, im Negev, auf dem Golan und in Judäa und Samaria – fördern und entwickeln.“ Oder, wie Netanjahu erklärte: „Israel ist nicht ein Staat aller seiner Bürger“, sondern „des jüdischen Volkes – und nur dieses“.
Schließt dieses „Prinzip“ nicht jegliche ernsthafte Verhandlungen aus? Die Palästinenser werden strikt als Problem behandelt, der Staat Israel hat ihnen nie Hoffnung gemacht und ihre Rolle in dem Staat, in dem sie leben, positiv umrissen. Unter all der Polemik darüber, „wer eher Terrorist ist“, liegt wie eine schwere dunkle Wolke die Masse der palästinensischen Araber, die seit Jahrzehnten in einem Schwebezustand gehalten werden und täglich Schikanen durch Siedler und den israelischen Staat ausgesetzt sind. Wer sind sie, welches ist das Land, in dem sie leben? Besetztes Gebiet, Westjordanland, Judäa und Samaria... oder der Staat Palästina, der derzeit von 139 der 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen anerkannt wird.
Die erste Generation der israelischen Führer (von Ben Gurion bis Moshe Dayan) sprach eine ganz andere Sprache: Sie gaben offen zu, dass ihre Ansprüche auf das Land Palästina nicht durch universelle Gerechtigkeit begründet werden können. Am 29. April 1956 kam es zu einem Zwischenfall in Gaza: Eine Gruppe von Palästinensern aus Gaza hatte die Grenze überquert, um die Ernte auf den Feldern des Kibbuz Nahal Oz zu plündern; Roi, ein junges jüdisches Mitglied des Kibbuz, das auf den Feldern patrouillierte, galoppierte auf seinem Pferd auf sie zu, um sie zu verjagen; er wurde von den Palästinensern ergriffen, und als die UNO seinen Körper zurückbrachte, waren seine Augen ausgerissen worden. Moshe Dayan, der damalige Generalstabschef, hielt am nächsten Tag die Trauerrede bei seiner Beerdigung: „Lasst uns heute nicht die Schuld auf die Mörder schieben. Welchen Anspruch haben wir gegen ihren tödlichen Hass auf uns? Sie haben in den letzten acht Jahren in den Flüchtlingslagern von Gaza gelebt, während wir vor ihren Augen das Land und die Dörfer, in denen sie und ihre Vorfahren einst lebten, in unser eigenes Erbe verwandelt haben.“
Kann man sich eine ähnliche Aussage heute vorstellen? Wie weit sind wir von der Situation vor ein paar Jahrzehnten entfernt, als wir über das „Land für Frieden“-Abkommen und die Zwei-Staaten-Lösung sprachen, als selbst die heute entschiedensten Befürworter Israels Druck ausübten, keine Siedlungen im Westjordanland zu bauen! 1994 errichtete Israel eine Mauer, die das Westjordanland von Israel aus dem Jahr 1967 trennte, und erkannte damit das Westjordanland als eine besondere Einheit an. All dies löste sich nun in Luft auf. Das Aushängeschild der heutigen israelischen Regierung ist Itamar Ben-Gvir. Er kam in die Politik, indem er sich der Jugendbewegung der Kach- und Kahane-Chai-Partei anschloss, die als terroristische Organisation eingestuft und von der israelischen Regierung selbst verboten wurde. Als er mit 18 Jahren in die israelische Armee einberufen wurde, wurde er aufgrund seines rechtsextremen politischen Hintergrunds vom Dienst ausgeschlossen. Und eine solche Person, die von Israel selbst als Rassist und Terrorist verurteilt wird, ist jetzt der israelische Minister für nationale Sicherheit, der die Rechtsstaatlichkeit schützen soll...
Zur Person
Slavoj Žižek , geboren 1949, ist nicht nur der bekannteste Denker Sloweniens, sondern zugleich einer der bekanntesten Philosophen unserer Zeit. Er lehrt Philosophie an der Universität von Ljubljana in Slowenien und an der European Graduate School in Saas-Fee und am Birkbeck Institute for the Humanities in London. Seine Bücher sind in über 20 Sprachen übersetzt.
Er kandidierte bei den ersten demokratischen Wahlen nach dem Zerfall Jugoslawiens 1990 für das Präsidentenamt seines Heimatlandes und hätte es fast gewonnen.
Im S. Fischer Verlag sind erschienen „Hegel im verdrahteten Gehirn“ (2020), „Wie ein Dieb im Tageslicht. Macht im Zeitalter des posthumanen Kapitalismus“ (2019), „Mut zur Hoffnungslosigkeit“ (2018), „Absoluter Gegenstoß. Versuch einer Neube- gründung des dialektischen Materialismus“ (2016), „Ärger im Paradies. Vom Ende der Geschichte zum Ende des Kapitalismus“ (2015). Zuletzt verfasste er das Buch: „Die Paradoxien der Mehrlust.“ A. d. Engl. von Frank Born und Axel Walter, 439 S., 28 Euro.
Die hier abgedruckte Rede wurde in weiten Teilen zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse so gehalten. Sie weicht geringfügig vom gesprochenen Wort am Dienstagabend ab. Wir veröffentlichen den Text mit freundlicher Genehmigung des Autors. FR
Erinnern Sie sich an den großen Konflikt, der Israel in den letzten Monaten gespalten hat. Yuval Harari kommentierte die von der Netanjahu-Regierung vorgeschlagenen Maßnahmen mit den brutalsten Worten: „Dies ist definitiv ein Staatsstreich. Israel ist auf dem Weg zu einer Diktatur“. Israel war gespalten zwischen nationalistischen Fundamentalisten, die wesentliche Merkmale der legalen Staatsgewalt abschaffen wollten, und den Mitgliedern der Zivilgesellschaft, die sich dieser Gefahr bewusst waren. Mit dem Hamas-Angriff ist die Krise (zumindest vorübergehend) überwunden, der Geist der nationalen Einheit hat sich durchgesetzt – ein klassischer politischer Schachzug, bei dem die innere Spaltung überwunden wird, wenn sich beide Seiten gegen einen äußeren Feind verbünden.
Vielleicht muss man als erstes die massive Verzweiflung und Verwirrung klar erkennen, die zu bösen Taten führen kann – kurz gesagt, es wird keinen Frieden im Nahen Osten geben, wenn die Palästinafrage nicht gelöst wird. Zweitens muss man akzeptieren, dass die Lösung NICHT ein Kompromiss, ein „richtiges Maß“ zwischen den beiden Extremen ist, im Sinne von „man kann Elemente des Antisemitismus unter den Palästinensern aufgrund der Situation in den besetzten Gebieten verstehen“ oder „man kann die israelische Besatzung aufgrund ihrer schrecklichen Erfahrungen mit antisemitischer Gewalt verstehen“... Hier gibt es nichts zu „verstehen“, man sollte vielmehr in BEIDE Richtungen bis zum Ende gehen, sowohl bei der Verteidigung der palästinensischen Rechte als auch bei der Bekämpfung des Antisemitismus.
Die beiden Kämpfe sind zwei Momente desselben Kampfes – besonders heute, wo antisemitische Zionisten erblüht – Menschen, die antisemitisch sind, aber die Expansion Israels unterstützen, von – ja – Reinhard Heydrich bis Breivik und den religiösen Fundamentalisten in den USA. Diejenigen, die meinen, dass in dieser meiner Haltung ein „Widerspruch“ liegt, leiden unter einer totalen moralischen Desorientierung.
Arthur Koestler hat eine bittere Wahrheit ausgesprochen: „Wenn Macht korrumpiert, dann gilt auch das Gegenteil; Verfolgung korrumpiert die Opfer, wenn auch vielleicht auf subtilere und tragischere Weise.“ Dies gilt für beide Seiten in dem laufenden Krieg. Mein absoluter Held Marek Edelman hat dies klar erkannt. Edelman nahm 1943 am Aufstand im Warschauer Ghetto und 1944 am stadtweiten Warschauer Aufstand teil. Nach dem Krieg, als seine Frau und seine Kinder im Zuge der zunehmenden antisemitischen Kampagne 1968 auswanderten, beschloss er, in Polen zu bleiben, wobei er sich mit den Steinen der zerstörten Gebäude auf dem Gelände des Lagers Auschwitz verglich: „Irgendjemand musste ja hier bleiben, bei all denen, die hier umgekommen sind.“
Seit den 1970er Jahren arbeitete er mit dem Komitee zur Verteidigung der Arbeiter zusammen; als Mitglied der Solidarität nahm er an den polnischen Gesprächen am Runden Tisch von 1989 teil. Gegen Ende seines Lebens verteidigte Edelman öffentlich den palästinensischen Widerstand und behauptete, dass die jüdische Selbstverteidigung, für die er gekämpft hatte, Gefahr lief, die Grenze zur Unterdrückung zu überschreiten. Im August 2002 schrieb er einen offenen Brief an die palästinensischen Widerstandsführer, „im Geiste der Solidarität eines Widerstandskämpfers, als ehemaliger Anführer eines jüdischen Aufstandes, der in seiner Verzweiflung dem palästinensischen Aufstand in den besetzten Gebieten nicht unähnlich ist“, obwohl er natürlich gewaltsame Angriffe verurteilte. Edelman als „selbsthassenden Juden“ zu disqualifizieren, wäre die ultimative Obszönität gewesen.
Warum sage ich das hier in Frankfurt, auf der Buchmesse? Weil wir uns nur durch die Lektüre von Büchern der Situation bewusst werden können – die Literatur ist immer noch das privilegierte Medium, um die tiefe Zweideutigkeit und Komplexität unseres Dilemmas greifbar zu machen. Und deshalb war ich schockiert, als ich erfuhr, dass die Preisverleihung an die palästinensische Autorin Adania Shibli verschoben wurde – eine Entscheidung, die ich für einen Skandal halte. Der Terrorismus gegen Israel widerspricht allen Werten des Frankfurter Buches – ja, und die kollektive Bestrafung von Millionen in Gaza ebenso wie die Absage von Adana Shibli. Ich bin also nicht nur stolz, hier zu sein, sondern schäme mich auch. Versuchen Sie sich vorzustellen, was Marek Edelman sagen würde, wenn er heute noch am Leben wäre!