VonHarry Nuttschließen
In dem Essayband „Nach dem 7. Oktober“ versuchen sich rund zwei Dutzend Autorinnen und Autoren an einer analytischen Durchdringung des Hamas-Massakers.
Spontane Demonstrationen, offene Briefe und Solidaritätsbekundungen – nach den brutalen Überfällen der Terrororganisation Hamas auf israelische Zivilisten und Zivilistinnen schienen auch weite Teile der deutschen Öffentlichkeit in Aufruhr. Aber entgegen landläufiger Annahmen in Bezug auf die historische Verantwortung der Deutschen galten Empathie und Mitgefühl nur bedingt den jüdischen Opfern und deren Angehörigen sowie den zahlreichen als Sicherheitspfand genommenen Geiseln.
Islamistische Organisationen verteilten auf den Straßen Neuköllns Süßigkeiten zur Feier der vermeintlichen palästinensischen Widerstandstat, und vorm Auswärtigen Amt in Berlin skandierten akademisch gebildete Kader: „Free Palestine from German guilt“. Anstelle eines Innehaltens angesichts eines obsessiven Blutrauschs meinte man vielerorts den eigentlich Schuldigen für dieses Geschehen markieren zu müssen: den israelischen Staat, dessen rechtsgerichtete Regierung und deren zum unerbittlichen Gegenschlag ausholende Armee.
Wie aufgeheizt die Atmosphäre in den Tagen danach war, schien der slowenische Philosoph Slavoj Zizek geradezu performativ bestätigen zu wollen. In der hektisch-dampfenden Vortragsmanier, die man von ihm gewohnt ist, widmete er seine Eröffnungsrede zur Frankfurter Buchmesse kurzerhand um und konstatierte nach pflichtschuldiger Distanzierung vom Terror der Hamas ein Analyseverbot, demzufolge nicht über die Ursachen einer solchen Tat nachgedacht werden dürfe. Seither hält sich hartnäckig der absurde wie fahrlässige Gedanke von Zensur und Denkverbot in der deutschen Öffentlichkeit.
Tatsächlich sind Hunderte Texte, Analysen und Kommentare erschienen, rund zwei Dutzend davon haben der Verleger Klaus Bittermann und die taz-Redakteurin Tania Martini in einem Essayband versammelt, der die Versuche einer analytischen Durchdringung des Geschehenen ebenso zum Ausdruck bringt wie die Emotionalität unter dem Eindruck eines „genozidalen Massakers“ – wie es im Untertitel heißt. Auf eindringliche Weise macht etwa der in Tel Aviv und Berlin lebende Soziologe Natan Sznaider deutlich, dass wir „in unserer Fassungslosigkeit und Trauer immer noch im 7. Oktober und nicht ,nach dem 7. Oktober‘“ leben.
Die ins Buch aufgenommenen Texte lassen sich auf zweifache Weise lesen. Zum einen geben sie Gelegenheit, die erregt geführte Debatte in ihrer Genese zu beobachten. Darüber hinaus eröffnen sie die Möglichkeiten eines zweiten Blicks. Gerade in den oft tagesaktuellen Reaktionen auf vorausgegangene Sprecherpositionen wird das Ringen um politische und soziale Gewissheiten und universelle Werte deutlich, das auf emphatische Weise kenntlich macht, warum es im Augenblick des Zivilisationsbruchs darauf ankommen muss, einen kühlen Kopf zu bewahren.
Das Buch
Tania Martini, Klaus Bittermann (Hg.): Nach dem 7. Oktober. Essays. Edition Tiamat, Berlin 2024. 232 S., 24 Euro.
Ein in diesem Sinne herausragendes Dokument ist ein Essay der französisch-israelischen Soziologin Eva Illouz, die ihre Erschütterung über weit verbreitete Haltungen ihres linken Herkunftsmilieus in Worte zu fassen versucht: „Ein großer Teil der Linken – also die Seite, die seit zwei Jahrhunderten Gleichheit, Freiheit und Menschenwürde verteidigt hat – begrüßt entweder die Nachrichten von Massakern (,Widerstand gegen die Besatzer‘), oder hat sie mit intellektuellen Vernebelungsstrategien abgetan. Die Linke hat terrorisierte Juden in der ganzen Welt und in Israel schamlos im Stich gelassen.“
In mehrfacher Hinsicht ist der Essay von Eva Illouz eine Antwort auf ihre einflussreiche Kollegin Judith Butler, die kurz nach dem 7. Oktober mit Verweis auf das theoretisch vielsagende Stichwort Kontextualisierung glaubte, die Opfer der Hamas mit einer langen Unterdrückungsgeschichte der Palästinenser durch Israel verrechnen zu müssen. „Wenn ich ihre Tragödie voll erfassen will“, schreibt Illouz, „muss ich den Kontext ausblenden.“
Die Zusammenstellung der Beiträge in dem Band „Nach dem 7. Oktober“ ist nicht ausgewogen. Die Artikulation palästinensischer Positionen kommt nicht vor. Ganz ausdrücklich geht es den Autorinnen und Autoren darum, den eliminatorischen Charakter des Hamas-Terrors herauszuarbeiten, dem gegenüber es keine liberal anmutende Ja-aber-Haltung geben kann. So jedenfalls macht es auf unmissverständliche Weise Natan Sznaider deutlich, wenn er schreibt: „Man kann nur ins Gespräch kommen, wenn man eine Welt teilt. Mit Menschen, die keine Welt teilen wollen, die mich vernichten wollen, und denjenigen, die das rechtfertigen, kann ich kein Gespräch führen. Ein Gespräch bedeutet, eine Welt zu teilen.“
Das ist eine nur scheinbar schroffe Absage eines Kommunikationsangebots, denn was die Texte von Meron Mendel, Doron Rabinovici, Claudius Seidl, Ulrich Gutmair, Armin Nassehi, Seyla Benhabib und vielen anderen teilen, ist das Bemühen um eine Sprache, in der nicht relativiert und verschleiert, sondern mit begrifflicher Genauigkeit jene Schrecken, aber auch jene Verklärungsstrategien benannt werden, die auch in vermeintlich aufgeklärten und theoriegesättigten Auseinandersetzungen über Holocaust und Postkolonialismus schlummern.
