VonBaha Kirlidokmeschließen
Auf der Suche nach seiner Identität treibt einen als migrantisches Arbeiterkind die Frage nach Nationalstolz an. Auch zu dieser Europameisterschaft fragt man sich: Kann es überhaupt einen gesunden geben?
Eine Sache, die Linke am liebsten machen, ist, alte Diskussionen aufzuwärmen. So fragte man sich auch pünktlich zum EM-Auftakt der Männer, ob und wie man die deutsche Fußballnationalmannschaft anfeuern dürfe. Eine Diskussion, die ich als Kind einer türkisch-griechischen Familie nie so richtig verstanden habe. Selbstverständlich haben wir den EM-Titel der Griechen 2004 gefeiert. Selbstverständlich haben wir 2008 im EM-Halbfinale mit den Türken mitgekämpft, bis Philipp Lahm diesen Kampf in der 90. Minute für Deutschland entschied.
Damals war ich noch ein Kind. In meiner Jugend politisierte ich mich, hing immer mehr mit Linken ab, deutschen Linken. Unter ihnen war etwas ganz selbstverständlich: Hauptsache gegen Deutschland sein. Das kam mir auch gelegen. Über mir schwebte die EM 2008 wie eine Wolke - so schön sie auch war, hatte sie meine Blase zum Platzen gebracht. Ich wurde zum ersten Mal mit Rassismus konfrontiert. Zumindest wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich anders bin. Ich war einer von vielleicht drei Türken an der gesamten Schule und genau das haben mich meine Mitschüler:innen spüren lassen. Sie waren automatisch davon ausgegangen, dass ich „Kanake“ doch sowieso für die Türkei und gegen Deutschland sei und haben jeden Moment dafür genutzt, mich daran zu erinnern, wer hier das Sagen hat. Ob die Deutschen erst mit dem Sommermärchen 2006 so wurden, weiß ich nicht. Ich hatte jedenfalls nicht mal die Chance, mit Deutschland zu sympathisieren.
Jahre später grölte ich mit den Punks meiner Stammkneipe die Worte zu Slimes „Deutschland muss sterben“ mit. Ob aus voller Überzeugung, oder weil ich edgy sein wollte, weiß ich gar nicht mehr. Zugegeben, das Lied ist auch heute ziemlich geil. Und bis vor kurzem noch habe ich mich über jede Niederlage der Deutschen gefreut. Nicht nur über die in den beiden Weltkriegen, was für jeden anständigen Menschen Pflicht ist, sondern auch über die im Fußball. Inzwischen finde ich diese Haltung aber doch recht undifferenziert.
So beschäftigen sich Linke auch jetzt wieder mit der Frage: Wo fängt harmloser Support an und wo führt der „Party-Patriotismus“ schnurstracks zu einem Nationalismus, der besoffene Männer beim Public-Viewing den rechten Arm in die Luft strecken lässt? Natürlich, die Diskussion wird von einer lauten Minderheit sogenannter Antideutscher dominiert und könnte leicht ignoriert werden. Dennoch bereitet das Thema vielen schlaflose Nächte. Zurecht, schließlich kann ein ausuferndes Nationalgefühl schnell in die rechte Ecke führen. Die Folgen davon habe ich am eigenen Leibe erfahren und das machen auch aktuell wieder migrantische Kids durch. Teilweise sogar Schlimmeres, nur weil sie nicht weiß sind. Dieser Rassismus, gefüttert durch Nationalismus, gehört bekämpft, nicht zuletzt aufgrund der besonders schweren historischen Verantwortung, die Deutsche haben.
Es gibt auch Deutsche, die sich einen Sport daraus machen, Deutschlandfähnchen von Autos zu klauen, weil sie unbedingt mal zu den „Guten“ gehören wollen. Allerdings sei gleich gesagt, dass durch das Schwenken einer solchen Flagge nicht gleich das Deutsche Reich wieder auferstehen wird. Und wenn ich mich über den diesjährigen EM-Titel für die Türkei freue (es braucht nur einen Punkt am Mittwoch, um ins Achtelfinale einzuziehen, keine Sorge), heißt das ja nicht sogleich, dass ich etwa den Genozid an den Armeniern leugnen würde, den es zweifellos gegeben hat.
Was zu verurteilen ist
Dennoch muss über Nationalismus geredet werden, nicht nur den der Deutschen. Auch andere haben historische Verantwortung. Dass es eine große Zahl an Türk:innen nach dem Sieg im ersten Spiel nicht beim klassischen Autokorso beließ, sondern damit anfing, den rechtsextremen Wolfsgruß zu zeigen, muss genauso verurteilt werden, wie Deutsche, die fröhlich „Ausländer raus“ singen. Oder Fans weiterer Balkanstaaten, die sich alle gegenseitig mit Gartenstühlen kloppen oder auf schwarze Kinder losgehen. Da ist der Drang mehr als verständlich, zu sagen, lieber Selbsthass betreiben als auch nur mit dem kleinsten Hauch von Freude über die eigene Mannschaft einen möglichen Funken für einen rechtsextremen Brand zu entfachen. Dabei ist das auch nur die Spitze des Eisbergs der Probleme großer Sportveranstaltungen, denkt man nur mal an die mehr als 6500 Sklavenarbeiter, die für die WM in Katar gestorben sind, oder den Anstieg der Prostitution, der in Deutschland erwartet wird. Das gehört bekämpft, in welcher Form auch immer. Ob durch Boykott, politische Arbeit oder auch anders.
Die EM, so wenig sie diese schlimmen Ereignisse entschuldigt, hat aber auch etwas, so pathetisch das klingt, an dem man sich festhalten kann. Nämlich den ursprünglichen Sinn internationaler Wettkämpfe: Das Überwinden von Grenzen, das Verbinden unterschiedlicher Kulturen und eben auch einfach den sportlichen Wettbewerbsgedanken. Das ist heute nicht die Realität. Es ist aber ein Teil, der genauso zum Gesamtbild gehört, wie das Negative.
Also, lasst uns doch einfach gemeinsam feiern und Landesfähnchen schwingen. Und eben auch gleichzeitig das verurteilen, was im Sport, ja nirgendwo einen Platz haben sollte. Zumindest haben Szenen wie die des Deutschland-Fans, der einer Masse an Schotten Bier von seinem Balkon reicht, dafür gesorgt, dass mein Trauma langsam heilt. Oder der wahrscheinlich deutsche Opi, der türkischen Fans beim Siegeslauf eine Türkeifahne abkaufen will, sie natürlich geschenkt bekommt, sie dann schwenkt und laut gefeiert wird. Aber auch meine deutschen Freund:innen, mit denen ich mir die Spiele ansehe. Sollte Deutschland Europameister werden, wäre das für mich inzwischen auch okay.
