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Mikroplastik ist allgegenwärtig und wurde auch im menschlichen Körper nachgewiesen. Was es dort anrichten kann, zeigt eine Studie aus Italien.
Rom – Es ist kleiner als 5 Millimeter, wird künstlich hergestellt und ist mittlerweile in der Natur dennoch praktisch überall zu finden: Mikroplastik. Ob in Flüssen, Seen oder dem Meer, in Tieren, Kosmetikartikeln, unserer Nahrung und damit auch im Körper – die festen und biologisch kaum abbaubaren Polymere sind schon seit langer Zeit ein (unerwünschter) Teil des natürlichen Kreislaufs.
Plastik im Essen: Forschende sind beunruhigt
Forschende sind besorgt über diese Entwicklung. Denn so bequem und effizient Kunststoff auch sein mag, etwa als Verpackungsmaterial, so wenig weiß man oft über seine Zusammensetzung und die Auswirkungen auf den menschlichen Körper. Dass die keineswegs positiv sind, zeigt nun eine Studie aus Italien. In dieser wurde untersucht, was Mikroplastik in unserem Dickdarm anrichtet – mit einem beunruhigenden Ergebnis.
Italienische Forscher weisen nach, was Mikroplastik im menschlichen Darm anrichtet
Darüber berichtet der italienische Sender Rai. Demnach habe ein Team von Forscherinnen und Forschern um Dr. Daniela Gaglio vom National Research Council (CNR) experimentell nachgewiesen, dass Dickdarmzellen eine Veränderung des Stoffwechsels und einen Anstieg des oxidativen Stresses zeigten, nachdem sie Polystyrolpartikeln ausgesetzt waren. Polystyrol ist ein Kunststoff mit vielfältiger Nutzung. Es findet sich etwa in Verpackungen, Spielzeug, als Isoliermaterial oder in seiner bekanntesten Form: geschäumt als Styropor.
„Die Studie zeigt, dass Mikro- und Nanopartikel aus Polystyrol, die von menschlichen Dickdarmzellen absorbiert werden, Veränderungen im Stoffwechsel auslösen, die denen des toxischen Wirkstoffs Azoxymethan ähneln“, zitiert Rai die Wissenschaftlerin. Bei Azoxymethan handle es sich um ein krebserzeugendes und neurotoxisches Molekül, „das genau wegen seiner Fähigkeit, Darmkrebs auszulösen, vielfach untersucht wurde“, so Gaglio.
Bis zu 5 Gramm Mikroplastik in der Woche: „Fast so viel wie eine Kreditkarte“, sagt Forscherin
Die Untersuchung beunruhigt auch deshalb, weil Mikroplastik im Körper keine Ausnahme ist. Heutzutage nehmen Menschen die kleinen Kunststoffteilchen wie selbstverständlich über die Nahrung oder andere Wege auf – laut Umweltorganisation WWF bis zu fünf Gramm pro Woche im globalen Schnitt. „Fast so viel wie eine Kreditkarte“, sagt Gaglio. Im Jahr 2019 wiesen Forscherinnen und Forscher aus Wien die winzigen Plastikteilchen erstmals im Stuhl nach, im Jahr 2022 gelang das niederländischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern im menschlichen Blut.
Wie das Fraunhofer-Institut im Jahr 2018 nachgewiesen hat, gelangen pro Jahr allein in Deutschland 330.000 Tonnen Mikroplastik in die Umwelt – ein Drittel durch Reifenabrieb. Regenwasser spült die Partikel weiter in die Kanalisation oder direkt in Gewässer. Die EU hat Mikroplastik deshalb jüngst weitestgehend verboten. Künftig dürfen keine Produkte mehr verkauft werden, denen Mikroplastik zugesetzt worden ist oder die Mikroplastik bei der Verwendung freisetzen. Dazu zählen Peelings, Spielzeug oder Weichmacher. Vom Verbot betroffen sind alle synthetischen Polymerpartikel in einem Größenbereich von weniger als fünf Millimeter, die organisch, unlöslich und schwer abbaubar sind.
Veränderter Stoffwechsel und mehr oxidativer Stress durch Mikroplastik im Darm, zeigt Studie
Wie die italienische Studie zeigt, handelt die EU nicht ohne Grund. Laut Rai ist eines der Ergebnisse, dass gesunde menschliche Dickdarmzellen sowohl auf akuten als auch chronischen Kontakt mit Polystyrolpartikeln reagiert haben: mit verändertem Stoffwechsel und mehr oxidativem Stress. Letzterer meint einen Zustand des Stoffwechsels mit zu vielen freien Radikalen – reaktionsfreudigen Sauerstoffatomen, die anderen Atomen Elektronen entziehen und etwa bei Entzündungen innerhalb des Körpers oder durch schädliche Umwelteinflüsse wie Zigarettenrauch entstehen können.
Nach Angaben des IMD Institut für Medizinische Diagnostik Berlin-Potsdam sollen freie Radikale für verschiedene Krankheiten wie Parkinson oder Alzheimer mitverantwortlich sein, Prozesse wie das Altern beschleunigen und auch zur Entwicklung von Krebs beitragen.
Mikro- und Nanoplastik möglicher Risikofaktor für Darmkrebs, sagen Forscher
So führt der Kontakt mit Plastik im Dickdarm auch laut Rai-Bericht zu Veränderungen, die typischerweise in Krebsformationen vorkommen. Das deute auf eine mögliche Wirkung von Mikro- und Nanoplastik als Risikofaktor für Darmkrebs hin. Forscherin Gaglio stellt heraus: „Dies ist bislang eine der wenigen Studien, die Aufschluss darüber gibt, welche Wirkung Plastik in unserem Organismus haben könnte.“
Die letzte wird es aber wohl nicht bleiben. So war Mikroplastik erst jüngst auch in Kaugummi nachgewiesen worden – mit deutlichen Warnungen eines Gastroenterologen. Die winzigen Teilchen könnten die Schleimschicht im Darm angreifen und im schlimmsten Fall auch auflösen. Die möglichen Folgen sind unschön. Der Experte nannte Durchfall, Blähungen, Müdigkeit oder Entzündungen im Darm. (Florian Neuroth)
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