Friedensnobelpreis

Friedensnobelpreis an die im Iran inhaftierte Narges Mohammadi: „Es ist wichtig, dass mehr Öffentlichkeit entsteht“

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Mariam Claren (r.) auf einer Demo für Naarges Mohammadi und Nahid Taghavi in Berlin.
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Mariam Claren über die Situation der im Iran inhaftierten Narges Mohammadi und ihrer Mutter Nahid Taghavi vor der Verleihung des Friedensnobelpreises.

Frau Claren, Ihre Mutter Nahid Taghavi teilt im Evin-Gefängnis eine Gemeinschaftszelle mit Narges Mohammadi, die am Sonntag mit dem Friedensnobelpreis geehrt wird. Sie telefonieren mehrmals pro Woche mit Ihrer Mutter. Wie geht es den beiden aktuell?

Meiner Mutter geht es unverändert schlecht. Sie leidet unter hohem Blutdruck, Diabetes und Rheuma, dazu kommen Schlafprobleme und mehrere schwere Bandscheibenvorfälle. Sie ist 69 und chronisch krank. Leider wird ihr ein Hafturlaub, der ihr nach der Verbüßung eines Drittels ihrer Strafe eigentlich zusteht, nicht genehmigt. Narges Mohammadi geht es noch schlechter – sie hat verengte Herzarterien und massive Gesundheitsproblem, weil sie sich aber geweigert hat, ein Kopftuch zu tragen, hat die Gefängnisbehörde ihr lange vorenthalten, im Krankenhaus behandelt zu werden. Erst auf internationalen Druck wurde das dann doch genehmigt. Narges Mohammadi darf deswegen momentan nicht telefonieren. Beide sind aber sehr, sehr starke Frauen: Sie bleiben kämpferisch und optimistisch – und halten eng zusammen.

Zur Person

Mariam Claren ist die Tochter der seit mehr als drei Jahren im Iran inhaftierten Frauenrechtlerin Nahid Taghavi, die wegen angeblicher „Mitgliedschaft in einer illegalen Gruppe“ zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Die 69-jährige Taghavi teilt im Gefängnis in Evin die Zelle mit Narges Mohammadi, die am Sonntag, am Internationalen Tag der Menschenrechte, in Oslo den Friedensnobelpreis für ihr Engagement für Gleichberechtigung und Demokratie erhält.

Den Friedensnobelpreis wird am Sonntag eine kleine Delegation stellvertretend für Mohammadi und die Bewegung „Frauen, Leben, Freiheit“ entgegennehmen.

Sie sind Teil einer kleinen Delegation aus dem Familien- und Freundeskreis von Narges Mohammadi, diese Delegation nimmt in Oslo den Friedensnobelpreis entgegen. Welche Bedeutung hat der Preis?

Der Friedensnobelpreis ist die wahrscheinlich wichtigste Auszeichnung überhaupt – und gerade in Zeiten, da der Fokus der Öffentlichkeit nicht mehr auf der Freiheitsbewegung im Iran liegt, als Symbol enorm wichtig. Auf der ganzen Welt wird über die Verleihung berichtet – es bringt in Erinnerung, dass der Iran eine entscheidende Rolle im Nahostkonflikt spielt – und die „Frauen, Leben, Freiheit“-Bewegung im Iran weiter existiert. Meine Mutter ist auch deutsche Staatsbürgerin und damit eine politische Geisel. Der Iran wendet diese Strategie der politischen Gefangenschaften seit vielen Jahren an – die Hamas weiß, wie effektiv das ist und hat am 7. Oktober auf brutalste Weise gezeigt, was damit erreicht werden kann.

Sie haben immer wieder die zurückhaltende Diplomatie der Bundesregierung kritisiert. Warum?

Weil ich das Gefühl habe, dass die Bundesregierung vor allem reagiert – zum Beispiel indem sie die brutale Niederschlagung der Proteste verurteilt hat, aber nicht agiert. In den vergangenen Monaten sind politische Gefangene aus Dänemark, Frankreich und Belgien vom Iran freigelassen worden. Meine Mutter, die sieben Monate in Isolationshaft war, der eine angemessene medizinische Versorgung vorenthalten wird und die mehr als 1000 Stunden vom Geheimdienst der Revolutionsgarden verhört wurde, ist nicht frei – und der zum Tode verurteilte deutsche Staatsbürger Djamshid Sharmahd auch nicht.

Woran liegt das aus Ihrer Sicht?

Die Bundesregierung übt zu wenig Druck auf das Regime aus, die Iran-Politik der Ampel-Koalition ist katastrophal. Öffentlich sagen der Kanzler und die Außenministerin ihre Solidarität zu, rufen „Frau, Leben, Freiheit!“ und kritisieren den Iran – aber in der Diplomatie hinter den Kulissen geschieht zu wenig. Vermutlich liegt es auch daran, dass die Bundesregierung mit vielen anderen Krisen beschäftigt ist. Deswegen ist es besonders wichtig, dass mehr Öffentlichkeit für das Thema entsteht. Durch den Friedensnobelpreis, aber auch zum Beispiel durch den Fußballverein 1. FC Köln mit seiner aktuellen Aktion für Menschenrechte.

Der 1. FC Köln arbeitet im Rahmen einer Partnerschaft für ein Jahr eng mit Amnesty International zusammen. Am Sonntag wird es vor dem Bundesliga-Spiel gegen Mainz eine Aktion geben, bei der die Freilassung Ihrer Mutter gefordert wird.

Das ist sehr außergewöhnlich und auch berührend. Der Profifußball hält sich normalerweise raus aus der Politik. Oft gibt es Verflechtungen mit Konzernen, die Geschäfte mit Ländern machen, in denen die Menschenrechte systematisch missachtet werden. Die letzte Fußball-WM war in Katar! Dass der FC sich so offensiv für die Menschenrechte im Allgemeinen und die Freilassung meiner Mutter im Besonderen engagiert, ist ein wunderbares Zeichen.

Während der Aktion sind Sie in Oslo bei der Verleihung des Friedensnobelpreises ...

Das ist schade, aber ich werde mit dem Herzen im Stadion sein. Aber es ist natürlich eine Riesenehre für mich, dass die Familie von Narges Mohammadi mich eingeladen hat. Narges und meine Mutter sind eng befreundet – sie teilen die gleichen Werte. Sie sind realistisch, auch über ihr eigenes Schicksal. Aber sie lassen sich nicht brechen und werden für Gleichberechtigung und gegen Unterdrückung im Iran kämpfen, so lange sie leben. Die Preisverleihung ist nach mehr als drei Jahren des Engagements für die Freilassung meiner Mutter, mehr als einem Jahr nach dem Tod von Jina Mahsa Amini und dem Beginn der Protestbewegung im Iran ein sehr schöner Moment.

Von der Aktion des 1. FC Köln weiß Ihre Mutter bislang nichts – Sie befürchteten Sanktionen gegen sie, wenn Sie mit ihr am Telefon über Kampagnen sprechen. Dass Narges Mohammadi den Friedensnobelpreis erhält, wissen die beiden. Wird in der Zelle gefeiert?

Ob am Sonntag gefeiert wird, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass an dem Tag, an dem verkündet wurde, dass Narges Mohammadi den Friedensnobelpreis erhält, am 6. Oktober, einer der schönsten Tage im Evin-Gefängnis war und die Frauen ihre Zellengenossin sehr gefeiert haben. Der Preis bestätigt alle darin, dass ihr Kampf gesehen wird.

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