Deutscher Buchhandel

Friedenspreis an Salman Rushdie – endlich!

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Gezeichnet für sein Leben: Ein Mann stach Rushdie im August 2022 in New York nieder. Der Autor verlor dabei ein Augenlicht.
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Salman Rushdie erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Salman Rushdie wird den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Endlich. Ich warte darauf seit dem 14. Februar 1989. An diesem Tag erklärte der Oberste Führer des Iran, der Ayatollah Ruhollah Musavi Khomeini: „Ich informiere das stolze muslimische Volk der Welt, dass der Autor des Buches ,Die satanischen Verse‘, welches sich gegen den Islam, den Propheten und den Koran richtet, sowie alle, die zu seiner Publikation beigetragen haben, zum Tode verurteilt sind. Ich bitte sämtliche Muslime, die Betroffenen hinzurichten, wo immer sie auch sein mögen.“ Das war der Wortlaut seiner Fatwa. So etwas hatte man lange nicht gehört. Es dauerte noch eine Weile, bis wir anfingen zu begreifen, was islamischer Gottesstaat bedeutet.

Die Acht, die Karl V. gegen Luther aussprach, klang – verglichen mit dem Tötungsbefehl Chomeinis – harmlos: „Wir gebieten euch allen und jedem besonders, dass ihr sämtlich den Martin Luther nicht hauset, hofet, ätzet, tränket noch enthaltet, noch ihm mit Worten und Werken heimlich oder öffentlich Hilfe, Anstand, Beistand noch Vorschub leistet, sondern wo (…) ihr euch seiner bemächtigen könnt, ihn gefänglich annehmt und uns wohlbewahret zusendet.“ Das war im März 1521. Man beachte das „wohlbewahret“.

Die iranische „halbstaatliche“ „Stiftung des 15. Chordat“ setzte ein Kopfgeld von zunächst einer Million US-Dollar aus. Der Betrag wurde über Jahre kontinuierlich gesteigert. Auch dadurch, dass sich immer mehr neue Geldgeber einfanden. Auf der Islamischen Konferenz im März 1989 widersprachen – Iran ausgenommen – allerdings alle Mitgliedsstaaten der Organisation der islamischen Konferenz der Fatwa des schiitischen Geistlichen.

Bei gewaltsamen Protesten gegen Rushdies Buch kam es weltweit zu Hunderten von Toten; auf mehrere Buchhandlungen, die den Roman im Sortiment führten, wurden Bombenanschläge verübt. Der türkische Übersetzer des Buches wurde Opfer eines Anschlags, den er überlebte.

Der Versuch der „taz“, deutsche Tages- und Wochenzeitungen dazu zu bewegen, in einer gemeinsamen Aktion durch den Abdruck der inkriminierten satanischen Verse in den „Satanischen Versen“ Stellung zu beziehen gegen den iranischen Mordaufruf und sich so mit Rushdie und seinem Recht auf Religionskritik zu solidarisieren, scheiterte kläglich. Nach fast zwei Wochen hatte das knappe Dutzend der angesprochenen Medien definitiv abgesagt. Die „taz“ war das einzige Medium, das damals seine Leserinnen und Leser im Wortlaut vertraut machte mit dem, worum es ging.

Ein aufgehender Stern am Literatur-Himmel: Salman Rushdie 1983 in Toronto.

Erfolgreicher und natürlich auch wichtiger war der Zusammenschluss einer Reihe von Verlagen, die sich zusammentaten, um eine deutsche Übersetzung des gesamten Buches auf den Markt zu bringen. Rushdie verbrachte Jahre im Untergrund. Bewacht von der britischen Polizei. Nach und nach trat er immer mehr öffentlich auf. Seit Jahren lebt er in New York. Er heiratete und ließ sich scheiden. Sein Leben schien wieder seines zu sein.

Am 12. August 2022 wurde Salman Rushdie bei einer Veranstaltung Opfer eines Attentäters, der mit einem Messer auf ihn einstach. Der 75-Jährige hat diesen Anschlag überlebt, ist aber jetzt auf einem Auge blind. Die Veranstalter verteidigten sich gegen den Vorwurf, nicht genügend für die Sicherheit Rushdies gesorgt zu haben, mit einem Satz, der belegt, dass sie keine Vorstellung von der ganz außergewöhnlichen Situation Rushdies hatten: „Dieses war immer ein sicherer Ort.“

Die Verleihung des Friedenspreises an Salman Rushdie ist eine gute Gelegenheit, um an das deutsche Wort „vogelfrei“ zu erinnern. Es hat eine lange Geschichte. Ursprünglich bedeutete es nämlich, frei zu sein wie ein Vogel, niemandes Untertan. Vogelfrei waren die, die umherstreiften, nirgendwo sich einbürgerten. Es waren aber gerade sie, die mit dem Witz der Betroffenen dem Wort seine heutige Bedeutung gaben und ihren Status ganz unromantisch mit der des Geächteten gleichsetzten: Vogelfrei sind die, die sich nirgends niederlassen dürfen, die jeder jagen darf. Wer heute im Deutschen die alte Bedeutung von vogelfrei meint, der muss sagen „frei wie ein Vogel“. Das daraus gebildete zusammenfassende Witzwort meint das Gegenteil.

Sie wollen endlich etwas über Rushdie erfahren? Stellen Sie sich vor, die Wortgeschichte von „vogelfrei“ sei eine Erzählung und Sie sind mittendrin im bunten, schillernden, tragisch-witzigen Universum des indo-britischen Autors. Da er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten soll, sei aus einer Ächtung, aus einer „Mordacht“-Erklärung zitiert: „Als du mit Urteil und Recht zu der Mordacht erteilt worden bist, also nehme ich dein Leib und Gut aus dem Frieden und tue sie in den Unfrieden und künde dich erlöst und rechtlos und künde dich den Vögeln frei in den Lüften und den Tieren in dem Wald und den Fischen in dem Wasser und sollst auf keiner Straßen Friede noch Geleit haben.“ So stand es 1507 in der Bambergischen Peinlichen Halsgerichtsordnung. Der diesjährige Friedenspreisträger Salman Rushdie weiß besser als die meisten von uns, was mit der Verstoßung aus dem „Frieden“ in den „Unfrieden“ gemeint war.

Rushdie wusste das so gut, auch weil er früh gelernt hatte, dem „Frieden“ nicht zu trauen. Sein 1981 erschienener erster Weltbestseller, ganz sicher eines der schönsten Bücher der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der Roman „Mitternachtskinder“, ist auch der scheiternde Versuch der um Mitternacht am 15. August 1947 Geborenen, sich wenigstens in einem fantasierten Traum der eigenen Zerrissenheit und der Spaltung des Kontinents entgegenzustellen. Der Augenblick der indischen Unabhängigkeit ist der einer entsetzlichen Eskalation des Krieges zwischen Hindus und Muslimen.

Friede ist keiner der zentralen Begriffe Rushdies. Er scheint mir weit abgeschlagen hinter Wörtern wie Freiheit und Fantasie zu stehen. Leider bin ich nicht in der Lage, Rushdies Gesamtwerk durch ein Computerprogramm zu schicken, kann also diesen Leseeindruck nicht statistisch belegen.

Zur Person

Salman Rushdie wurde 1947 in Bombay geboren. Nach einem Geschichtsstudium in Cambridge arbeitete Rushdie zunächst als Journalist und Werbetexter. 1981 erschien sein Roman „Mitternachtskinder“ („Midnight’s Children“). Mit dem Buch gelang ihm der Durchbruch als Schriftsteller, auch da er mit dem Booker-Preis den wichtigsten britischen Literaturpreis gewann.

Im Jahr 1988 erschien dann sein Roman „Die satanischen Verse“ (The Satanic Verses ), eine tragikomische Migrantensaga. Mit ihm sollte der britisch-indische Autor weltweit bekannt werden, als der iranische Revolutionsführer Ajatollah Ruhollah Chomeini eine sogenannte Fatwa gegen ihn aussprach. Rushdie hatte in den Traumsequenzen des Romans die islamische Offenbarungsgeschichte des Propheten dargelegt. Rushdie lebte nach Ausrufung der Fatwa lange Zeit im Verborgenen und unter Polizeischutz. Man befürchtete Mordanschläge radikaler Muslime. Später trat er nur unter strengen Sicherheitsvorkehrungen in der Öffentlichkeit auf. Khomeinis Nachfolger Khamenei bestätigte den Tötungsaufruf.

Rushdie blieb literarisch und publizistisch aktiv. Die Jahre im Untergrund verarbeitete er in „Joseph Anton“, das 2012 erschienene Buch hatte er nach seinem Decknamen betitelt.

Im Jahr 2015 war Rushdie Eröffnungsredner der Frankfurter Buchmesse. Der Iran sagte seine Teilnahme an der Buchmesse daraufhin ab.

Am 12. August 2022 wurde Rushdie Opfer eines Attentats, als er einen Vortrag in Chautauqua im US-amerikanischen Bundesstaat New York beginnen wollte. Der Attentäter soll mit der iranischen Revolutionsgarde sympathisieren. Noch vor dem Attentat hatte Rushdie seinen fünfzehnten Roman „Victory City“ beendet. fr

In der Aufsatzsammlung „Sprachen der Wahrheit“ zitiert Rushdie den amerikanischen Dichter Walt Whitman: „Widersprech ich mir selbst? Nun gut, so widerspreche ich mir selbst. (Ich bin weiträumig, enthalte Vielheit)“. Rushdie fährt dann fort: „Unser Ich ist zugleich souverän und von vielen anderen Ichs erfüllt. Wir schleppen das Gepäck unseres Erbes mit, sowohl des biologischen als auch des kulturellen Erbes, und dieses Erbe setzt uns einerseits Grenzen und befähigt uns andererseits, es lähmt und befreit uns ... Diese weiten Definitionen des Ichs bieten bedeutende gesellschaftliche Vorteile, denn je mehr Ichs wir in unserem Ich entdecken, umso leichter fällt es, Gemeinsamkeiten mit anderen multiplen, Vielheit enthaltenen Ichs zu entdecken.“ (Aus dem Englischen von Sabine Herting und Bernhard Robben) Es fällt auf, dass Rushdie sich gerade nicht verlässt auf das, das allen vorgeblich gleich wichtig ist, die Liebe zum Beispiel oder den Frieden.

Er sucht nicht nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Er misstraut dem, worauf man sich schnell einigt. Das sind Worte, die sich schnell in ihr Gegenteil verkehren. Wie vogelfrei und Liebe. „Vogelfrei“ ist im Deutschen so ehrlich, einen Ersatzbegriff bereitgestellt zu haben, mit dem wir die alte Bedeutung wiedergeben können. Mit der Liebe verhält es sich anders. Unter diesem Dach hausen die verschiedensten Empfindungen. So verhält es sich auch mit dem Frieden. Nur so wird verständlich, dass ein Mann wie Henry Kissinger, der den Befehl gab, Millionen Menschen zu töten, nicht in Den Haag vor Gericht gestellt, sondern mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Der Krieg, das zeigt jedenfalls diese Geschichte, ist nicht das Gegenteil des Friedens, sondern er verwandelt sich in ihn, wie der auch zu ihm geworden war und wieder werden wird. Die beiden sind immer wieder Spießgesellen.

Ich freue mich über den Friedenspreis für Salman Rushdie auch, weil er kein Friedensprediger ist, sondern zeigt, wie Konflikte funktionieren, wie sie Kinder werfen in alle Richtungen. In seinem jüngsten Roman bedarf es einer eigens kreierten Mythologie, um von dem legendären Moment eines sich schnell verflüchtigenden Sieges der Toleranz im südindischen Vijayanagar zu erzählen.

In einem Essay über „Wahrheit“ schreibt Rushdie: „Soweit es Schriftsteller betrifft, so müssen wir den Glauben unserer Leser an die Auseinandersetzung durch Beweise neu aufbauen und das tun, was der Fiktion immer gut gelungen ist: Eine Verständigung zwischen dem Schriftsteller und dem Leser darüber herstellen, was wirklich ist ... Wenn wir ein Buch lesen, so stimmen wir seiner Darstellung menschlichen Lebens zu. Ja, wir sagen, genau so sind wir, genau das tun wir einander an, ja, das stimmt. Da kann Literatur vielleicht am hilfreichsten sein.“

Dem folgt ein Hinweis auf die deutsche Literatur unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, die „Trümmerliteratur“. Sie half, daran erinnert Rushdie, Deutschland aus der Katastrophe. Literatur zeigt mögliche Wege.

Sie hilft dabei, sich mit Fremdem, ja mit Beängstigendem vertraut zu machen. Der Erzähler in Rushdies Roman „Golden House“ stellt sich an einer Stelle als Imagineer vor, ein Begriff, der für die Entwickler von Disney-Themenparks erfunden wurde. Schon der von Rushdie dabei vorgeschobene Autor lächelt über die Anspielung. Dahinter glaubt man Rushdie grinsen zu sehen. Mir persönlich gefällt auch der Begriff Conversation Designer. Das ist jemand, dem es gelingt, eine Künstliche Intelligenz mir so zu mailen, dass ich nicht merke, dass es eine künstliche Intelligenz ist.

Das ist genau das Gegenteil von dem, worin Rushdies Designkunst besteht: Er nimmt die Realität und spielt mit ihr. Er zeigt uns, dass wir in Gedanken mit ihr spielen können, ja verzaubert sie und dann macht er das, was ein richtiger Zauberer so wenig tut wie ein Conversation Designer. Rushdie zeigt seine Tricks. Zur Rushdies Zauberkunst gehört die Entzauberung.

Rushdie schreibt: „Das arabische Äquivalent der Formel ‚es war einmal‘ lautet ‚kan ma kan‘, was so viel heißt wie ‚Es war so, es war nicht so‘. Dieses große Paradox liegt im Kern aller Fiktion. Die Fiktion ist genau der Ort, wo Dinge sowohl so als auch nicht so sind, wo Welten existieren, an die wir fest glauben können, während wir zugleich wissen, dass sie nicht existieren, nicht existiert haben und niemals existieren werden. Und diese schöne Komplikation war nie bedeutsamer als in unserem Zeitalter der übermäßigen Vereinfachung.“

Am 21. Februar 2022 überfiel Russland die Ukraine. Am 23. Oktober 2022 wurde dem ukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan der Friedenspreis des deutschen Buchhandels überreicht.

Am 14. Februar 1989 veröffentlichte Khomeini seinen Aufruf zur Ermordung Salman Rushdies. Am 22. Oktober 2023 wird Salman Rushdie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennehmen. Hoffe ich.

Salman Rushdie und seine frühere Ehefrau Padma Lakshmi im Jahr 2011 auf einer Magazin-Party.

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