VonMichelle Breyschließen
Burnout betrifft viele Menschen. IPPEN.MEDIA spricht mit Psychologe Timo Schiele und dem ehemals Betroffenen Sebastian Kneißl über die Krankheit.
Frankfurt – Immer schneller, immer weiter. Solange, bis irgendwann nichts mehr geht und Körper und Geist streiken. „Ich bin drei Tage nicht aus dem Bett gekommen. Ich lag da und fragte mich: ‘Das gibt es doch nicht, was ist denn los?’“, erinnert sich Sebastian Kneißl im Gespräch mit IPPEN.MEDIA. Dann war es offiziell. Eine Ärztin stellte 2014 die Diagnose. Burnout.
„Du hast eine Leere in dir“: Sebastian Kneißl über seine Burnout-Erfahrung
Kneißl – heute Experte bei DAZN – machte 2009 nach seiner aktiven Zeit als Fußballprofi eine Ausbildung bei einer Möbelfirma, stieg dort schnell zum Abteilungsleiter auf. Stress war vorprogrammiert. Der Weg zum Burnout, das er 2014 erlitt, sei ein schleichender Prozess gewesen, blickt er zurück. „Du merkst zwar, es ist irgendetwas und du hast eine Leere in dir. Aber es ist der Klassiker: Du willst dich damit nicht beschäftigen.“
Der 41-Jährige vergleicht das „Ausgebranntsein“ mit einem Holzstück. „Für mich steht ‚burn‘ für Feuer, etwas brennt. Ich habe mein Holzstück in einem gewissen Zeitraum immer auf das Feuer von jemand anderem gelegt. Ich habe deren Ziele erreicht – war der Mitarbeiter, der alles für den Chef macht. Ich habe mein eigenes Feuer vernachlässigt. Und so glühte es langsam aus.“
So wie Kneißl damals, geht es vielen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in Deutschland. Jeder zweite fühlt sich ausgebrannt. Die große Schwierigkeit: lange Zeit gab es gar keine einheitliche Burnout-Definition.
WHO definiert Burnout erstmals
„Bis dato war sich die Fachwelt so uneins, dass man sich nicht auf eine Definition einigen konnte“, erklärt Timo Schiele, leitender Psychologe der Psychosomatischen Klinik Kloster Dießen, im Gespräch mit IPPEN.MEDIA.
In der aktuellsten Fassung der Klassifikation der Krankheiten (ICD-11) definiert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstmalig den Begriff. Demnach entsteht Burnout „durch chronischen Stress am Arbeitsplatz“, der nicht erfolgreich bewältigt wurde. Drei Aspekte sind darin zentral:
- Gefühle von Energiemangel / Erschöpfung.
- Mentale Distanz zur Arbeit, Gefühle von Negativismus oder Zynismus auf die eigene Arbeit.
- Verminderte berufliche Effizienz.
Psychologe erklärt Burnout-„Hamsterrad“
„Viele fühlen sich sehr erschöpft, kraftlos, lustlos“, beschreibt Schiele. „Dinge, die sonst einmal Freude bereitet haben, tun es plötzlich nicht mehr. Die Betroffenen haben oft den Eindruck, trotz ihres Engagements und ihrer Bemühungen kriegen sie Dinge nicht mehr bewältigt. Sie fühlen sich hilflos, so als würden sie im Hamsterrad laufen – oder als wären sie dort schon herausgefallen.“
Am Limit der Belastungsfähigkeit – Das sind einige mögliche Burnout-Symptome
- Niedergedrückte Stimmungslage
- Erhöhte Ermüdbarkeit
- Grübeln und Gedankenkreisen
- Schlaf- und Appetitstörungen (Quelle: Klinik Kloster Dießen)
Stress-Parameter: Der Zeitpunkt, an dem alles zu viel wird
Doch wann sind Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer so gestresst oder überlastet, dass sie Gefahr laufen, in ein Burnout zu rutschen? „Stress wird vereinfacht gesagt dann schädlich, wenn die eigenen Ressourcen nicht mehr reichen, um die Belastungen zu bewältigen“, so Schiele. „Spätestens dann, entsteht für die meisten Menschen ein funktionaler oder auch krankmachender Stress“, fährt er fort. Wie viel Stress jemand vertrage, sei dabei immer individuell, betont der Psychologe.
Holzstück-Metapher für Burnout - „Habe mein eigenes Feuer vernachlässigt“
Der Weg aus einem Burnout hinaus, „funktioniert nur mit externer Hilfe“, ist Kneißls Meinung. In Deutschland gibt es viele Kliniken, die sich auf das Krankheitsbild spezialisiert haben – so auch die Klinik in Dießen am Ammersee, in der Psychologe Schiele tätig ist.
„Ich musste nicht in eine Klinik“, erinnert sich Kneißl. Er machte eine Gesprächstherapie bei einem Psychiater. So schaffte er den Turnaround – und brachte sein eigenes Feuer wieder zum Brennen. Seine Erfahrungen gibt er heute in Vorträgen und Workshops weiter. Mit dabei: ein kleines Holzstück als Metapher für Burnout. (mbr)


