Freundschaft

Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine: Warte, Freund!

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Gerhard Schröder (links) und Oskar Lafontaine im Jahr 1998.
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Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder stehen für eine Freundschaft, wie sie schon die Antike kannte.

war das wirklich eine Freundschaft, fragten sich viele. Um diese war es doch recht schnell geschehen gewesen. Die erste rot-grüne Regierung war erst kurze Zeit im Amt, als Oskar Lafontaine seinem Freund Gerhard Schröder, beide zu der Zeit stramme Sozialdemokraten, den Fehdehandschuh hinwarf. Gemeinsam hatten sie die SPD nach den bleiernen Kohl-Jahren wieder an die Macht und Schröder ins Kanzleramt gebracht. Lafontaine hatte zugunsten seines Freundes auf die Kanzlerschaft verzichtet, da der die besseren Landtagswahl-Ergebnisse vorweisen konnte. 1998 kam es dann zum Machtwechsel. Schröder folgte auf Kohl, Lafontaine wurde Super-Wirtschaftsminister.

Was folgte, war alles andere als super. Zu gegensätzlich waren die Positionen der beiden im Regierungsalltag. Man habe sich zuvor versprochen, alles miteinander zu bereden, bevor es Politik wird, betonte Lafontaine später, Schröder habe sich nie daran gehalten. Lafontaine stieg aus der Regierung aus, wechselte zur neugegründeten WASG, die dann in der Linken aufging, seiner neuen politischen Heimat – die nun auch keine Heimat mehr für ihn ist. Die Freundschaft zu Schröder zerbrach damals.

Nun scheinen sie wieder zusammenzufinden. Schröder schrieb seinem früheren Freund einen Glückwunsch-Brief zum 80. Geburtstag, den Lafontaine am heutigen Samstag feiert.

Aber waren sie jemals Freunde gewesen? „Echte Fründe ston zesamme“, singt schließlich die Kölner Band „De Höhner“. Das gilt also auch für schwierige Zeiten. Nicht so bei den beiden. Dennoch ist auch ihre Beziehung menschlich, allzu menschlich. Es ist wie mit allen Dingen, Freundschaften entstehen und vergehen. Schon in der Antike zerbrachen sich die großen Denker darüber den Kopf, was es mit einer Freundschaft auf sich habe. Platon diskutierte es in einem seiner Dialoge mit dem Titel „Lysis“. Wie stets ließ er Sokrates in die Runde fragen, was das überhaupt sei. Nach hitziger Diskussion herrschte allgemeine Ratlosigkeit, was es mit einer Freundschaft wirklich auf sich habe.

Ur-Ahne Willy

Klarer war da schon Platons Schüler Aristoteles. In seinem ethischen Hauptwerk, der „Nikomachischen Ethik“, unterschied er drei Arten von Freundschaft: eine, die durch Nutzen sowie eine die von Lust bestimmt ist, hinzu kommt die vollkommene Freundschaft. Letztere ist eine Beziehung unter Guten, die auf Dauer ausgelegt ist, man unterbricht sie nicht, sie bleibt für immer.

Anders ist es bei jener, die durch den Nutzen bestimmt ist. Die Freunde verhalten sich so zueinander wie in einer Mittel-Zweck-Beziehung. Sie profitieren von jeweils dem anderen. Sobald einer mehr will, als er selbst geben kann, sind Konflikte unausweichlich. Fällt der Nutzen einmal weg, kann das ein triftiger Grund für das Ende einer Freundschaft sein, erklärte Aristoteles. Und man kann diese auch wieder aufnehmen, wenn es sich für beide Seiten wieder rechnet. Eine Geschichte wie zwischen Lafontaine und Schröder war den Menschen in der Antike also wohlbewusst.

Wichtig war Aristoteles noch, dass Freundschaften durch gemeinsame Erfahrungen gefestigt würden. Diese kann man bei Schröder und Lafontaine durchaus finden. Auch wenn sie nicht mehr miteinander sprachen, durchlebten sie ähnliche Entfremdungsprozesse von der Partei, in der sie in den 1990er Jahren um die Macht kämpften. Und auch die öffentliche Kritik an beiden ist oft ähnlich groß. Vielleicht wächst ja wieder zusammen, was zusammengehört? So hätte es Willy Brandt gesagt, eine Art Ur-Freund von beiden.

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