„Klosneuviren“

Riesenvirus in Wien entdeckt – es kann sogar Leben retten

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In einer Wiener Kläranlage entdeckten Forscher ein Virus, das gegen die hochgefährlichen Amöben Naegleria fowleri (re.) hilft.
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In einer Wiener Kläranlage sollen Forscher zum ersten Mal einen Weg gefunden haben, einen für den Menschen tödlichen Parasiten zu bekämpfen.

Wien – Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der Universität Wien haben vor einigen Jahren eine neue Gruppe von Riesenviren in einer Kläranlage entdeckt. Was im ersten Moment nach einem Schreckensfund klingt, stellte sich nach etlichen Forschungen nun als Glückstreffer heraus: Eines der gefundenen Viren ist in der Lage, den für den Menschen hochgefährlichen Einzeller Naegleria zu zerstören. Naegleria gilt als einer der tödlichsten Parasiten, weil er sich ins Hirn reinfrisst.

Die Ergebnisse des Forschungsteams um Patrick Arthof und Matthias Horn von der Universität Wien wurden am Mittwoch in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlicht. Die gefährlichen Einzeller Naegleria vermehren sich weltweit in warmen Süßwasser über 30 Grad Celsius und können laut den Studienautoren zum Beispiel beim Schwimmen über die Nase aufgenommen werden. Das passiere zwar extrem selten. Sollte es jedoch zu einer Infizierung mit dem Parasiten kommen, löst er eine schwere Hirn- und Hirnhautentzündung namens „Primäre Amöben-Meningoenzephalitis“ (PAM) aus. Die Erkrankung nehme fast immer einen tödlichen Verlauf. Im Februar starb außerdem der erstee Mensch nach der Infektion mit dem neuartigen Alaskapocken-Virus.

Neuer Riesenvirus aus Wiener Kläranlage könnte Menschen das Leben retten

Nun gelang es Forschern und Forscherinnen zum ersten Mal, eines der Riesenviren zu isolieren, die verschiedene Naegleria-Arten infizieren und töten können. „Das jetzt entdeckte Riesenvirus mit dem Trivialnamen Naegleriavirus wurde aus einer Kläranlage in Klosterneuburg bei Wien isoliert – das erst vierte Isolat aus der Gruppe der sogenannten Klosneuviren“, sagte Patrick Arthofer in einer Mitteilung der Universität Wien. Seinen Namen erhielt das Virus, weil es Naeglerien befällt. 

Die gesamte Virengruppe „Klosneuviren“ wurde vor Jahren bei Genom-Analysen in derselben Kläranlage in Klosterneuburg entdeckt. Aufgrund des außergewöhnlichen Fundortes erhielt die Gruppe im Anschluss seinen Namen. Die österreichische Nachrichtenagentur APA sprach mit Matthias Horn, der damals ebenfalls an dem Fund der Klosneuviren beteiligt war. „Sie sind innerhalb der Riesenviren besonders interessant: Sie besitzen besonders viele Gene, die man sonst nur von zellulären Organismen wie Tieren, Pflanzen, Pilzen oder Bakterien kennt, und die man vor der Entdeckung der Klosneuviren niemals mit Viren in Verbindung gebracht hätte“, sagte Horn. Es habe sich zudem gezeigt, „dass Klosneuviren weltweit verbreitet und sehr divers sind“.

Riesenvirus „Naegleriavirus“ könnte in Zukunft zur gezielten Bekämpfung des Parasiten eingesetzt werden

In der gleichen Kläranlage konnte nun also das bedeutsame Riesenvirus „Naegleriavirus“ isoliert werden. Das Virus wird von Naeglerien mit Futter verwechselt und irrtümlich aufgenommen, erklären die Studienautoren:innen weiter. Als Folge infiziert das Naegleriavirus seinen Wirt mit seiner DNA. Laut den Forschern und Forscherinnen wird dann eine Art Fabrik zur Herstellung neuer Viren aufgebaut. Das Erbgut des Virus vermehrt sich und baut hunderte neue Viruspartikel auf. „Erst nach erfolgreicher Vermehrung der Viren kommt es zur Zerstörung der Wirtszelle und dem Freisetzen der Viren“, erklärte Florian Panhölzl, Koautor der Studie, in der Mitteilung der Universität. In anderen Worten: Das Virus nutzt den Parasiten als Wirt, vermehrt sich darin und tötet ihn anschließend.

Die Studienautoren:innen erhoffen sich von ihren Ergebnissen, das Riesenvirus in Zukunft gezielt gegen Naegleria einzusetzen. „Diese Entdeckung eröffnet grundsätzlich die Möglichkeit einer vorbeugenden Behandlung von gefährdeten Gewässern, wie zum Beispiel im Rahmen der Wasseraufbereitung in Swimming Pools“, so Matthias Horn in der Mitteilung weiter. Dafür seien weitere Untersuchungen nötig. „In jedem Fall wird das jetzt entdeckte Virus helfen, die Biologie der Naeglerien und deren Interaktionen mit Viren besser zu verstehen.“

Der Fund von neuen Viren sorgt bei Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen immer wieder für Faszination. Vor einigen Monaten haben Forscher:innen möglicherweise das erste „Vampir“-Virus entdeckt. Es saugt sich demnach am „Hals“ eines größeren Virus fest. (nz)

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