VonStefan Brändleschließen
In der französischen Abtei Solesmes forschen Benediktinermönche nach gregorianischen Gesängen, die seit Jahrhunderten verschollen sind.
Wuchtig, düster, fast festungsartig thront das Kloster Solesmes über dem Fluss Sarthe unweit der Stadt Le Mans. Da wundert man sich fast über die hellen Stimmen aus dem lichten Altarraum, wenn man die gut tausend Jahre alte Abteikirche Saint-Pierre betritt.
„Dirigatur domine oratio mea...“, singen zwei Dutzend Mönche in schwarzen Kutten: „Auf dass mein Gebet zu dir hochsteige wie der Weihrauch zu deinem Angesicht.“ Es ist später Nachmittag, Vespernzeit. Die gregorianische Hymne an den Herrn ist von kaum hörbaren Orgelklängen unterlegt. Und auch wer das Lateinische nicht versteht, spürt die innere Bewegtheit der jungen und älteren Benediktiner.
Kein Wunder, dass der monoton-betörende Gregorianergesang weltweit populär bleibt. CD-Aufnahmen mit „Gregorianik-Pop“ schaffen es seit 20 Jahren in die Hitparaden. Hier in Solesmes (auszusprechen „solemm“), der wichtigsten Benediktinerabtei Frankreichs, singen die Mönche sieben Mal am Tag diesen überlieferten Cantus, der ab 765 n. Chr. unter Karl dem Großen entstanden war – von der frühen Morgenwache über Prim und Sexta bis zur abendlichen Komplet.
Ansonsten folgen die Mönche der Regel des Ordensgründers Benedikt von Nursia: Ora et labora, bete und arbeite. Nach dem Gesang der Non führt Pater Guilmard vorbei an der Bibliothek in einen Hinterraum, der mit schweren Schlüsseln verriegelt ist. Es ist das unter Forschenden angesehene Atelier der Paläographie, der mittelalterlichen Schriften und Formen. „Willkommen im Zentrum der abendländischen Sakralmusik“, sagt der Mönch mit Goldrandbrille und einer Stimme, in der sich heiterer Schalk und scharfer Sinn mischen. Er öffnet die Vorhänge und zeigt auf die Büchergestelle an allen Wänden: „Hier – 400 000 Originale und Fotografien von Manuskripten gregorianischer Gesänge.“
Die Regale sind voller Ordner, auf deren Rücken die Namen europäischer Klöster stehen: Monza, London, Salzburg, München, Karlsruhe. Die Sammlung, – deren Urheberrechte heute an die Öffentlichkeit übergegangen sind – stammt vom Ende des 19. Jahrhunderts, als die Fotografie aufkam. Der damalige Abt von Solesmes, Dom Guéranger erkannte ihre Bedeutung frühzeitig und schickte seine Mönche in die Welt hinaus, um in befreundeten Klöstern Notenblätter mit den frühesten gregorianischen Gesängen zu fotografieren. Die 400 000 Negativabbildungen bilden einen riesigen, bis heute nicht ausgewerteten Schatz aus Psalmen, Hymen, Messgebeten und Chorälen des frühen Mittelalters.
Ein Blick auf die 150 Jahre alten Fotonegative zeigt, wie die gregorianische Liturgie in ihren Anfängen festgehalten wurde, als es noch keine Noten gab: mit mysteriösen Punkten, Zeichen und Symbolen. „Diese so genannten ‚Neumen‘ waren in den Klöstern des Mittelalters gebräuchlich, bis das heutige Notensystem mit fünf Linien nach dem Jahr 1000 erfunden wurde“, erzählt Pater Guilmard. „Die Neumen waren für die Mönche meist nur eine Gedankenstütze für die mündlich überlieferten Gesänge. Sie waren fehleranfällig und manchmal schwer zu entziffern.“
Dass die Neumen-Sammlung von Solesmes bis heute nicht erfasst ist, hat einen Grund: „Die manuelle Arbeit nähme mehrere Jahrzehnte in Anspruch“, schätzt Guilmard. Doch jetzt haben die Mönche der wichtigsten Benediktinerabtei Frankreichs die technologischen Zeichen der Zeit einmal mehr erkannt: So wie sie zu den Pionieren der Fotografie gehörten, verwenden sie nun digitale Mittel, um jahrhundertealte Gesänge zu entdecken.
Aus den Kopistenmönchen des Mittelalters werden in Solesmes heute Informatiker. Dank ihrer Kontakte erhalten sie Unterstützung von europäischen Universitäten Als erstes digitalisieren sie gegenwärtig die 400 000 Originale und Negative. Zwei französische Musikwissenschaftler, Dominique Crochu und Dominique Gatté, gehen den Mönchen bei dieser Fleißarbeit zur Hand. „Insgesamt dürfte eine Datenmenge von ungefähr 300 Terabytes zusammenkommen“, schätzt Crochu, der sich zu Dom Guilmard ins Atelier gesellt hat. „Das sind mehr Noten als das Werk Bachs, Mozarts und Vivaldis zusammengenommen“.
Das Team hat bisher etwa ein Fünftel der Daten geschafft. Bis im Februar will es die Digitalisierung abgeschlossen haben. Dann soll eine von der spanischen Universität Jaén entwickelte Software zur „Optischen Musikerkennung“ zum Einsatz kommen. Sie überträgt die uralten Neumen-Symbole ins heutige Notensystem und ermöglicht damit die Vertonung. Von Mönchen im Mittelalter oft nur zum Eigengebrauch notiert, werden diese Zeichen heute gleichsam zum Leben erweckt.
Die Finanzierung der Unternehmung ist gesichert: Der auf Gregorianik spezialisierte Toningenieur John Anderson erhielt von der EU einen Forschungskredit von drei Millionen Euro für das Solesmes-Projekt mit dem treffenden Namen „Repertorium“. Vor einigen Jahren hatte der Amerikaner mit Klosterfrauen der südfranzösischen Abtei Jouques schon die Gesänge der gregorianischen Applikation „neumz.com“ aufgenommen.
Mit der Übertragung der gregorianischen Neumen ins Notensystem ist es noch nicht getan. „Dann beginnt erst das Interessante“, so Dom Guilmard. „Aus der Masse der digitalisierten Gesänge wollen wir verschollene Gesänge herausfiltern. Dazu werden wir uns der Künstlichen Intelligenz bedienen. Sie dürfte es erlauben, mehrere tausend Melodien und Gesänge der jahrhundertealten Vergessenheit zu entreißen.“
Die KI dient aber nur als Werkzeug. Gesungen werden die gregorianischen Canti durch Menschen aus Fleisch und Blut. Neben den Mönchen in Solesmes wollen auch die Benediktinerinnen aus Jouques am Einsingen der mittelalterlichen Harmonien teilhaben. Guilmard hat auch schon Angebote von weltlichen Chören erhalten, wartet aber noch. Dominique Crochu hält es ferner für möglich, dass die nun eingesetzte Technologie auch weit über die gregorianischen Gesänge hinaus Anwendung finden könnte: „Mit KI wird sich zum Beispiel auch die Entstehungsgeschichte von Händels Librettos oder des Stabat Mater besser herleiten lassen.“
Das ist aber noch Zukunftsmusik. Die Mönche von Solesmes lassen sich davon nicht ablenken. Sie versammeln sich weiterhin jeden Morgen um fünf Uhr morgens in der Abteikirche und singen das Hohelied auf den Herrn.

