Die Opferzahlen bei der Flut in Indien und den umliegenden Ländern sind deutlich höher als in den USA.
Wie teuer wird „Harvey“? Die Welt schaut gebannt auf die US-Metropole Houston, wo nach dem Ende des katastrophalen Dauerregens das Ausmaß der Schäden deutlich wird. Viel weniger Aufmerksamkeit erhielt in den vergangenen Tagen die gleichzeitig stattfindende Flutkatastrophe in Indien, Nepal und Bangladesch. Sie wird von der Weltöffentlichkeit unter „normal“ abgelegt, obwohl zumindest die Opferzahlen weit höher sind, und auch hier der Klimawandel möglicherweise eine Rolle spielt.
US-Präsident Donald Trump hat angekündigt, eine Million Dollar aus seinem Privatvermögen für die Fluthilfe in Texas zu spenden. Eine Geste des Milliardärs im Weißen Haus, die bei vielen Landsleuten gut ankommt. Der Gouverneur des US-Bundesstaates, Greg Abbott, freilich schätzt, dass die Hilfen für den Wiederaufbau noch höher sein müssen als 2005 beim Hurrikan Katrina, der New Orleans verwüstete und als teuerste Sturmkatastrophe weltweit gilt. Über 210 000 Bürger haben bei der US-Katastrophenschutzbehörde Unterstützung beantragt.
Abbott erwartet, dass Bundeshilfe in Höhe von mehr als 125 Milliarden US-Dollar nötig sein wird. Damit wäre in der Tat die Marke gerissen, die Katrina gesetzt hat. Allerdings hat der Gouverneur natürlich ein Interesse an hohen Zahlen – denn je mehr Geld Washington bereitstellt, umso leichter lassen sich Häuser, Straßen und andere Infrastruktur wieder instand setzen.
Kongress muss Fluthilfe bewilligen
Die Fluthilfe muss vom US-Kongress bewilligt werden, und hier gibt es Komplikationen, da er mit Trump wegen der hohen Kosten von dessen „Mexiko-Mauer“ über Kreuz liegt. Trump hat ein Veto gegen das zur Verabschiedung anstehende Ausgabengesetz für den Fall angekündigt, dass es keine Mauer-Mittel enthält. Auch die Harvey-Hilfen könnten dann nicht fließen. Trump hat aber auch angekündigt, seine Drohung nicht wahrzumachen und die Regierung lahmzulegen („Shutdown“). Dem Vernehmen nach soll der Kongress um 5,9 Milliarden Dollar Nothilfe angefragt werden.
Andere Schätzungen der Harvey-Schäden liegen niedriger, US-Experten sprachen von 50 Milliarden. Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), die auf Berechnung der Schäden von Naturkatastrophen spezialisiert sind, halten „42 bis gut 80 Milliarden Dollar“ für realistisch – je nachdem, wie sich das Wetter vor Ort noch entwickelt. Rund 90 Prozent der von Harvey bislang verursachten Zerstörungen sind danach Folge der historischen Rekordwassermassen, die in der Region Houston niedergingen, nur zehn Prozent wurden durch die hohen Windgeschwindigkeiten von bis zu 212 Stundenkilometern verursacht.
Die Katrina-Gesamtschäden – inklusive der nicht von Washington übernommenen Kosten – beziffert das KIT sogar auf 160 Milliarden Dollar; Harvey läge deutlich darunter, wäre aber immer noch eine der zehn teuersten Naturkatastrophen weltweit seit 1900. In New Orleans und Umgebung kamen 2005 mehr als 1800 Menschen ums Leben, Harvey forderte bislang zum Glück „nur“ etwa 30 Opfer.
Die aktuelle Flutkatastrophe auf dem indischen Subkontinent hat demgegenüber bisher bereits mehr als 1200 Menschen das Leben gekostet. Die Region wird derzeit von den heftigsten Monsun-Regenfällen seit Jahren heimgesucht. Insgesamt sind über 40 Millionen Menschen betroffen. Besonders erwischt hat es die indische Millionenmetropole Mumbai, die praktisch lahmgelegt ist.
Die Straßen sehen aus wie Flüsse, der Verkehr ist zusammengebrochen, Häuser sind eingestürzt. Flüge mussten gestrichen werden.
Land unter in Nepal und Bangladesch
In Bangladesch und Nepal stand zeitweise jeweils ein Drittel der Landesfläche unter Wasser. Allein in Nepal wurden nach Angaben von Hilfsorganisationen über 43 000 Häuser zerstört und 192 000 beschädigt. Da in Indien, Bangladesch und Nepal über 18 000 Schulgebäude zerstört wurden, können Hunderttausende Kinder nicht zur Schule gehen.
Das gesamte Ausmaß der Katastrophe ist noch nicht bekannt, da viele Regionen von der Außenwelt abgeschnitten sind.
In der Monsunzeit, die von Juni bis September dauert und auf dem Subkontinent rund 80 Prozent der Regenfälle bringt, kommen Überschwemmungen zwar regelmäßig vor. In diesem Jahr fallen die Niederschläge nach einer Serie von trockenen Jahren jedoch außergewöhnlich konzentriert und heftig aus,
Schon seit Jahren gibt es Anzeichen, dass der Klimawandel den Monsun aus dem Gleichgewicht bringen könnte. Nach einer Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung von 2013 ist künftig mit stärkeren Schwankungen zu rechnen. Dürren könnten intensiver werden, wenn die Monsunzeit verspätet beginnt, Niederschläge heftiger.
„Monsun-Niederschläge werden extremer, wenn Treibhausgasemissionen nicht reduziert werden“ kommentierte PIK-Forscher Anders Levermann die aktuelle Lage. „Wie beim US-Sturm kann eine wärmere Atmosphäre mehr Feuchtigkeit aufnehmen, die dann bei sintflutartigen Regenfällen freigesetzt werden kann.“ (mit afp)