Kolonialismus

Hermann Parzinger: „Es ist wichtig, das Konzept einer Erinnerungskultur zu erweitern“

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Bei der Kongokonferenz 1884/85 in Berlin unter Otto von Bismarck wurde Afrika aufgeteilt. Foto: Gemini 2023/Image Images
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Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, über die Schuld der Deutschen während der Kolonialzeit, notwendige Aufarbeitung und neue Lernorte.

Herr Parzinger, würden Sie sagen, die Kolonialgeschichte wird in Deutschland noch immer zu wenig beachtet?

Sie ist in der Vergangenheit in der Tat zu wenig beachtet worden, das hat sich aber grundlegend geändert. Sicher hat da auch das Humboldt Forum, die Debatte um koloniale Kontexte und museale Sammlungen, eine Rolle gespielt. Wichtig ist zudem zu bedenken, dass wir eine Einwanderungsgesellschaft geworden sind. Immer mehr Menschen aus anderen Teilen der Welt leben heute mit uns hier in Deutschland. Das alles hat dazu geführt, dass uns die Kolonialgeschichte bewusster geworden ist. Die heutige Gesellschaft will sich dazu verhalten, und Institutionen wie Museen oder konkret die Stiftung Preußischer Kulturbesitz müssen sich dazu verhalten. Die Aufarbeitung der Kolonialzeit ist eine wichtige Aufgabe. Aber es ist nicht nur eine Sache der Museen allein.

Warum wurde die Aufgabe nicht schon viel früher angepackt?

Die Kolonialgeschichte ist durch die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, die Weltkriege und insbesondere den Holocaust überlagert worden. Es herrschte die Meinung, es handle sich für uns Deutsche ja nur um eine kurze Phase von 34 Jahren, zudem hätten andere europäische Kolonialmächte viel mehr zu verantworten. Aber das ist natürlich so nicht ganz zutreffend. Die Kolonialzeit war aus deutscher Sicht zwar nicht besonders lang, aber sie hatte verheerende Folgen: von Ausbeutung bis Völkermord. Deswegen ist es wichtig, dass wir uns dem zuwenden.

Wie viele Todesopfer gab es in dieser Zeit durch die deutsche Kolonialherrschaft?

Eine Gesamtzahl der Todesopfer wurde meines Wissens nie systematisch erfasst, dafür dürften auch die entsprechenden Quellen fehlen. Der Maji-Maji-Krieg von 1905 bis 1907 im heutigen Tansania soll bis zu 300 000 Todesopfer gefordert haben. Die deutsche Kolonialmacht verfolgte dort eine ähnliche Strategie wie bei dem Genozid an den Herero und Nama in ehemals Deutsch-Südwestafrika, bei dem bis zu 100 000 Menschen den Tod fanden, das gibt schon eine Vorstellung von den Dimensionen. Die Aufstände wurden brutal niedergeschlagen, die Menschen mit ihrem Vieh in trockene Gebiete getrieben, wo viele verhungerten und verdursteten. Auch in anderen Gebieten des deutschen Kolonialreichs kam es immer wieder zu Aufständen und kriegerischen Auseinandersetzungen.

Sind die fehlenden Opferzahlen eine Aufarbeitungslücke?

Wir sollten uns immer die Dimension der Opferzahlen bewusst machen. Die Frage ist allerdings, auf welche Quellen man sich beziehen kann. Wenn wir jetzt an die Aufarbeitung herangehen, geht es eher um die Mechanismen von Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt, mit der die deutsche Kolonialmacht herrschte.

Verbietet sich ein Vergleich der deutschen Kolonialverbrechen Ihrer Ansicht nach mit den deutschen Verbrechen des Holocausts – auch heute und in Zukunft?

Um es klar zu sagen: Die Shoa ist kein Verbrechen unter anderen. Ich finde solche Vergleiche deshalb eher befremdlich, wir wollen keine Opferkonkurrenz. Die europäische Kolonialgeschichte hat, beginnend mit den Spaniern und Portugiesen, ein halbes Jahrtausend gedauert. Wir wissen, dass dadurch sehr viele Menschen zu Tode gekommen sind, entweder ermordet oder auch an von Europäern eingeschleppten Infektionskrankheiten gestorben. Aber das alles gegeneinander aufzurechnen, halte ich nicht für nicht zielführend. Der Holocaust ist und bleibt ein Menschheitsverbrechen. Innerhalb kürzester Zeit hat eine staatliche organisierte Tötungsmaschinerie einen Völkermord von unfassbarem Ausmaß begangen. Der Holocaust wird gerade für uns Deutsche deshalb immer singulär bleiben.

Kann man die Schuld der Deutschen während der Kolonialzeit irgendwie beschreiben oder mit etwas vergleichen?

Der Deutsche Bundestag spricht bei dem Krieg gegen die Herero und Nama inzwischen von einem Völkermord durch das Deutsche Reich, der Maji-Maji-Krieg erreichte womöglich sogar noch höhere Opferzahlen. Das spricht für sich.

Berlin hat ein Konzept für die Erinnerung an die Kolonialgeschichte entworfen, und die Bundespolitik will die Aufarbeitung explizit fördern. Was halten Sie davon?

Ein breit gefasstes Konzept des Erinnerns finde ich richtig. Bisher konzentrierte sich die Aufarbeitung der Kolonialzeit vor allem auf die Museen, die über die Entstehung ihrer Sammlungen Rechenschaft ablegen. Doch das ist nur ein Teil der Geschichte. Der Kolonialismus ist nicht nur eine Sache der Museen, sondern er muss in einem größeren Kontext gesehen werden. Wir sollten uns fragen: Welche Rolle spielten andere Akteure, staatliche wie nicht-staatliche?

Zur Person

Hermann Parzinger ist Prähistoriker und seit 2008 Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Er leitet Forschungsprojekte und publiziert zu kulturpolitischen und wissenschaftlichen Themen.

2021 erschien sein Buch „Verdammt und vernichtet. Kulturzerstörungen vom Alten Orient bis zur Gegenwart“ (C.H.Beck, 368 S.). Foto:Imago Images

Kulturstaatsministerin Claudia Roth möchte die Aufarbeitung der Kolonialzeit neben den NS-Verbrechen und der SED-Diktatur in die bundesweite Erinnerungskultur einschreiben – dafür hat sie massive Kritik einstecken müssen. Können Sie das nachvollziehen?

Wichtig ist mir, dass das Gedenken an den Holocaust nicht relativiert wird. Gleichwohl muss sich diese Gesellschaft offen für den Diskurs über die Kolonialzeit zeigen. Deshalb hat mich die Kritik schon etwas überrascht, denn das Bedürfnis gibt es ja. Vor einigen Jahren haben Bund, Länder und kommunale Spitzenverbände gemeinsam entschieden, dass die Benin-Bronzen zurückgegeben werden sollen, es wurde zudem ein Eckpunktepapier zum Umgang mit Sammlungen aus kolonialen Kontexten verabschiedet. Das waren wichtige Meilensteine. Am Humboldt Forum gab es die ersten Debatten um Erinnerung und Kolonialismus. Frau Roth machte dies dann zu einem zentralen Thema, das war in gewisser Weise folgerichtig. Ich finde es wichtig, das Konzept einer Erinnerungskultur zu erweitern, am besten zusammen mit den Expertinnen und Experten.

Es ist auch ein Erinnerungs- und Lernort zum Kolonialismus geplant. Was versprechen Sie sich davon?

Zunächst finde ich es wichtig, dass das Thema Kolonialismus in den Schulbüchern aufgegriffen wird. Das ist das Erste, damit sich diese Zeit wieder stärker in unserem kollektiven Gedächtnis verankert. Ein Lernort ist eine weitere wichtige Möglichkeit, Geschichte anschaulich zu machen – auch das Humboldt Forum sieht sich dabei in der Verantwortung. Kolonialverbrechen wurden zwar in der Ferne begangen, aber grundlegende Entscheidungen mit weitreichenden Folgen wurden hier bei uns getroffen. Der Berliner Kultursenator Joe Chialo hat ganz richtig vorgeschlagen, in der Wilhelmstraße einen kolonialen Lernort einzurichten. Dort wurde unter Reichskanzler Otto von Bismarck 1884/85 die Kongokonferenz abgehalten, bei der der afrikanische Kontinent aufgeteilt wurde. Die Grenzen, die damals mit dem Lineal gezogen wurden, existieren heute noch. Ein weiterer Aspekt der Aufarbeitung ist die Umbenennung oder Kontextualisierung zahlreicher Straßennamen von Kolonialverbrechern, die noch immer in deutschen Städten existieren.

Was wären adäquate Formen des Erinnerns?

Gerade an persönlichen Lebensläufen lässt sich Geschichte anschaulich machen. Man könnte etwa an Anton Wilhelm Amo erinnern, einen jungen, hochbegabten Afrikaner, der vom Golf von Guinea nach Deutschland gebracht wurde, und der an der Universität Halle-Wittenberg Philosophie studierte, promovierte und danach als Philosoph und Dozent arbeitete. Der aus Kamerun stammende Manga Bells wurde nach Deutschland geschickt, studierte Jura und versuchte, sich auf legalem Wege gegen Enteignungen in Douala, der damaligen Hauptstadt von Deutsch-Kamerun, zu wehren. Er wurde von Anwälten und sogar von Reichstagsabgeordneten der SPD unterstützt – auch in Deutschland war der Kolonialismus nicht ganz unumstritten. Am Ende wurde Manga Bell hingerichtet. Das sind historische Persönlichkeiten, von deren Schicksal aus man diese Zeit begreifen lernen kann.

Welche Kolonialverbrechen arbeitet die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) gerade auf?

Wir haben vor einigen Jahren eine Sammlung von Human Remains der Charité übernommen, arbeiten sie auf und wollen sie zurückgeben. Schon vor 2,5 Jahren haben wir unsere Provenienzforschung an einem Bestand von 1200 Schädeln aus Ostafrika abgeschlossen, und zwar gemeinsam mit Fachleuten aus Tansania und Ruanda. Mit DNA-Proben und Speichelproben von Nachfahren konnten wir sogar die Überreste von zwei Anführern des Maji-Maji-Krieges identifizieren. Die Familien der damals Hingerichteten wollen die Überreste ihrer Großväter und Urgroßväter zurück und sie bestatten. Ich kann das sehr gut verstehen, erst vor kurzem habe ich mit den Nachfahren eines der von den Deutschen Hingerichteten gesprochen, die hier bei uns waren, um die Überreste in Augenschein zu nehmen. Wir wollen das alles zurückgeben und sprechen schon seit über zwei Jahren mit der tansanische Seite, ohne dass aber die Repatriierung in Gang kommt, für die wir die Zustimmung Tansanias brauchen.

Wieso wollen einige afrikanische Länder die Schädel nicht zurück haben?

Ich kann mir vorstellen, dass es nicht einfach ist, ein paar Hundert Schädel zurückzubekommen, die aus verschiedenen Landesteilen stammen. Da gibt es eine große Unsicherheit, wie damit umzugehen ist. Die Herkunftsgesellschaften hingegen wollen die Überreste ihrer Vorfahren auf jeden Fall zurück haben. Aber die staatliche Ebene ist bisher sehr zögerlich. Für uns ist die Sache klar: Menschliche Überreste, die aus Gräbern geplündert wurden, werden wir zurückgeben. Ich würde mir wünschen, dass die Herkunftsländer endlich die nötigen Schritte einleiten. Wir stehen bereit.

Was wünschen Sie sich von der deutschen Politik, um das Erinnern an die Kolonialzeit voranzutreiben?

Vieles hängt an den Ressourcen. Die SPK ist vergleichsweise gut aufgestellt, wir haben mittlerweile ein ganzes Team von Provenienzforscher:innen, die sich mit unseren Sammlungen aus kolonialen Kontexten befassen. Aber unsere Sammlung ist riesig, das wird noch dauern, und auch andere Museen in Deutschland mit solchen Beständen brauchen Unterstützung, wirkliche Provenienzforschung kann man nicht nebenbei betreiben.

Kann man angesichts der globalen wirtschaftlichen Abhängigkeiten und der Ausbeutung armer Länder heute überhaupt von Dekolonisierung sprechen?

Das von wirtschaftlichen Interessen geleitete Engagement von Mächten wie China und Russland in Afrika kann man mit Sorge beobachten. Die Gefahr ist groß, dass neue Abhängigkeiten entstehen. Aber es ist Sache der afrikanischen Staaten, wie sie ihre internationalen Kooperationen gestalten, da sollten gerade wir Europäer keine Ratschläge erteilen. Was uns in Deutschland angeht: Hier ist eine Dekolonisierung des Denkens inzwischen zumindest in Gang gekommen.

Der Präsident der Stiftung Preussischer Kulturbesitz (SPK) Hermann Parzinger.

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