VonMichael Hesseschließen
Der Holocaust-Forscher Saul Friedländer legt ein beeindruckendes Tagebuch über den Nahost-Krieg vor.
Niemand weiß, schreibt Saul Friedländer am Ende seines Tagebuchs, „wie sich der Iran entscheiden wird und was sein Schützling tun wird.“ Der 1932 geborene Historiker hat Tag für Tag die Ereignisse in Nahost aufgezeichnet. Sein letztes, äußerst hellsichtiges Tagebuch über die innenpolitischen Entwicklungen in Israel erschien kurz vor dem Massaker der Hamas und der israelischen Reaktion darauf. Diese Zeit bis weit in das Jahr 2024 hinein wird in dem Tagebuch „Israel im Krieg“ nun nachgezeichnet.
Am Ende des Buches fragt Friedländer nicht allein, ob der Iran in den Krieg eintritt oder nicht, sondern er skizziert auch, was für ihn ein Licht am Ende des Tunnels wäre, „nämlich die Möglichkeit, einen ziellosen Krieg zu beenden und damit die Geiseln zu retten, die noch gerettet werden können, der Zivilbevölkerung in Gaza Erleichterung zu verschaffen und schlussendlich die Idee eines palästinensischen Staates zu akzeptieren“.
Friedländer kann das Geschehen nur aus einer gewaltigen räumlichen Distanz heraus verfolgen. Er lebt mit seiner Frau in Los Angeles. Dennoch zeigt er sich als ein äußerst gut informierter Beobachter. Die vielen Eintragungen, die er fast Tag für Tag vorgenommen hat, laufen auf einige Hauptpunkte hinaus: Friedländer lehnt die Regierung unter Netanjahu rundheraus ab, sie ist für ihn Mit-Ursache des Übels und nicht Bestandteil einer möglichen Lösung. In der Hamas, Hisbollah und dem Iran glaubt der Historiker die Hauptschuldigen für die Eskalation zu erkennen. Die Situation der Zivilbevölkerung im Gaza-Streifen hält er für unerträglich. Zudem besorgt ihn der in seiner Wahrnehmung wachsende Antisemitismus. Aus alldem helfe nur eine Zwei-Staaten-Lösung heraus, daran lässt er an keiner Stelle Zweifel anklingen. Dafür müsse aber erst einmal die Siedlungspolitik auf der Westbank in den Griff bekommen werden, betont er.
Friedländer hat in seinem Leben viel für Israel getan. Wichtiger noch war sein Wirken als Holocaust-Forscher. Seine beiden bei C.H. Beck erschienenen Bände „Das Dritte Reich und die Juden“ sowie „Die Jahre der Vernichtung“ sind eindrucksvolle Darstellungen, in denen die Geschichte bis zum Holocaust verfolgt wird. Es handelt sich hier um in ihrer Qualität und Tiefe der Forschung unüberbietbare Darstellungen. Hinzu kamen zahlreiche weitere Bücher und Aufsätze über die Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten. Sein Interesse am Schicksal der Juden hatte auch einen ganz persönlichen Hintergrund. Im Jahr 2007 erzählte Friedländer in seiner Dankesrede bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, dass seine Eltern ihn als Kind nach Paris in eine katholische Familie gebracht hatten, damit er dort dauerhaft Schutz vor den Nazis finde. Sie selbst versuchten, sich in die Schweiz durchzuschlagen. Doch an dem Tag, als sie die Grenze überqueren wollten, durften nur Familien mit Kindern den Weg in die Freiheit antreten. Sie blieben zurück und wurden verhaftet und dann nach Auschwitz deportiert.
In Friedländers Tagebuch spricht eine Stimme, die zutiefst besorgt ist über die Ereignisse und vor allem über die Folgen in allererster Linie für Israel. Aber auch das Schicksal der palästinensischen Bevölkerung liegt ihm am Herzen. Ihr Leid betont er an vielen Stellen des Buches. Verständnis für das israelische Vorgehen hat er dennoch. Das Land befinde sich in einem Dilemma, glaubt er, der wie alle anderen von dem Angriff der Hamas 2023 überrascht war. Am 7. Oktober notiert er: „Unfassbar! Das Land wird angegriffen!“ Er schreibt über den Einmarsch von Hamas-Kämpfern nach Israel. „Die Wiederholung des Oktobers 1973 im Oktober 2023 hat Israel völlig überrascht.“ Noch sind die Gräuel nicht übersehbar, welche die Hamas verübt hat. Das wird sich in den nächsten Tagen ändern. Friedländer glaubt, dass nun auch die Hisbollah losschlägt. Er ärgert sich über einen Auftritt des israelischen Ministerpräsidenten. „Netanjahu hat gesprochen und nichts gesagt: ,Wir werden ihnen die Knochen brechen...‘“
Selbst beim Jom-Kippur- Krieg sei der Beginn weniger katastrophal und schrecklich gewesen, findet Friedländer. Er erkennt ein absolutes Versagen der Sicherheitskräfte und der Regierung. Am 9. Oktober notiert er: „Es wird immer schwieriger, sich ein klares Bild zu machen.“ Schilderungen der Taten der Hamas finden sich in seinem Buch, dann die Nachricht, dass ein Kriegskabinett zusammengestellt wird. „Gantz gehört ihm an, ein Platz ist für Lapid freigehalten worden.“ Und weiter: „Netanjahus Versagen wird immer eklatanter.“ US-Quellen hätten bestätigt, dass der ägyptische Geheimdienst den Premierminister wohl drei Tage vor dem Überfall gewarnt hatte. Doch es „gab keine Reaktion oder vielleicht völlige Gleichgültigkeit“.
In den nächsten Tagen wird jede Nachricht sorgfältig registriert: „Schusswechsel im Norden“. Er freut sich, dass Biden am 18. Oktober in Israel ist, ein Zeichen der Solidarität. Eine israelische Militäraktion lässt auf sich warten, heißt es am 19. Oktober: „Diese Situation kann nicht lange andauern, da sie sich negativ auf die Moral und Motivation von mehreren Hunderttausend Reservisten auswirkt.“ Am 22. Oktober: „Nichts Neues an der Gaza-Front.“
Das Buch
Saul Friedländer: Israel im Krieg: Ein Tagebuch. C.H. Beck, München 2024. 204 Seiten, 24 Euro.
Am 27. Oktober befindet sich Israel bereits im Krieg. „Unter den angreifenden Truppen wurden keine Opfer gemeldet.“ Friedländer macht auf einen Disput zwischen Netanjahu und den Sicherheitskräften aufmerksam und notiert, dass der Premier den Chef des Militärgeheimdienstes kritisierte, weil dieser ihn nicht vor den Gefahren gewarnt habe. Der Dissens wird bis in unsere Gegenwart fortbestehen.
Die Eintragung vom 31. Oktober ist besonders tiefgründig. Der Historiker gibt einen kurzen Abriss der Geschichte von Israels Konflikten, Sechs-Tage-Krieg, Jom-Kippur-Krieg, zwei Libanon-Kriege. Für ihn steht fest, dass es bei allen Feinden Israels immer um das Gleiche gehe: die Juden aus der Region zu vertreiben. „Dieser Krieg gegen die Hamas mag anders sein als die vorangegangenen, er mag länger dauern und schwieriger sein, aber im Grunde führt Israel ein und denselben Krieg gegen Feinde, die ein und dasselbe wollen: diese Eindringlinge aus dem arabischen Raum im Nahen Osten zu vertreiben.“
Aufmerksam verfolgt er auch die inneramerikanischen Debatten. „Die amerikanischen Juden sind gespalten“, heißt es am 2. November. „Die Mehrheit unterstützt Israel bedingungslos, aber eine wachsende Zahl auf der Linken äußert sich zunehmend kritisch, sogar extrem kritisch.“ Friedländer kann mit dieser Art der Kritik an Israel wenig anfangen. Vor allem der Slogan „From the river to the sea...“ ist für ihn ein antisemitischer Spruch. Doch seine Haltungen differieren im Laufe der Zeit. Hält er zu Beginn die Demonstrationen per se für antisemitisch, so heißt es gegen Ende des Buches, dass man sehen müsse, ob und wie stark diese Proteste antisemitisch geprägt seien. Zudem gebe es keinen Anlass, diese Situation mit der zwischen den beiden Weltkriegen zu vergleichen. Anders als damals würden die Regierungen etwas gegen den Antisemitismus unternehmen. Der größte Unterschied sei jedoch: die Existenz Israels.
Am 6. November schreibt er über pro-palästinensische Demonstrationen in den USA. Der Krieg gegen die Hamas in den dicht besiedelten Bereichen Gazas sei „höchst bedauerlich, aber unvermeidlich“, betont er. Immer wieder kommt er zurück auf Berichte, die Neues zu den Angriffen der Hamas aufdecken. Hier sind die amerikanischen Medien anderen oft weit voraus. „Es zerreißt einem das Herz, wenn man den endlosen Zug von Zehntausenden von Palästinensern beobachtet, die aus dem nördlichen in den südlichen Teil des Gazastreifens fliehen“, heißt es am 21. November.
Zum Antisemitismus schreibt er am 5. Dezember: „Woher kommen diese ekelhaften Ausbrüche?“ Wie habe dieser Judenhass nur in die US-amerikanischen Universitäten einsickern können, fragt er. Über die Entwicklung auf den Straßen von London, Paris oder Berlin sei er weniger überrascht. Israel sei zunehmend isoliert, stellt er Ende des Jahres 2023 fest.
Die Vorwürfe gegen Israel geben ihm zu denken, er aber verteidigt das Vorgehen gegen die Hamas. Omer Bartov etwa wirft Israel Genozid vor. Bartov war Friedländers Schüler, dessen Vorwürfe kann dieser nicht akzeptieren. Dann hätte Israel noch heftiger vorgehen müssen, damit diese Behauptung gerechtfertigt wäre, meint Friedländer. Am 23. April fragt er: „Seit genau zweihundert Tagen befinden sich 133 Geiseln in der Hand der Hamas. Wie viele sind noch am Leben?“
Die letzten Einträge betreffen den Monat Mai. „Die Leiche von Ron Benjamin, einer der am 7. Oktober entführten Geiseln, wurde in Gaza geborgen.“ Der letzte Eintrag vom 22. Mai lautet: „Norwegen, Irland und Spanien erkennen einen palästinensischen Staat an.“ Friedländer gelingt es, das Geschehen eindrucksvoll nachzuzeichnen und zu analysieren.
