Weltwirtschaft

Historiker Harold James über Krise und KI: „Wir sehen gerade die Verwundbarkeit Deutschlands“

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VW Werk 1962.
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Der britische Wirtschaftshistoriker Harold James über die Chance in Krisen, die Probleme für Deutsche bei großen Strukturveränderungen, ein neues Zeitalter der Globalisierung und die Umgestaltung der Welt durch künstliche Intelligenz.

Professor James, wenn Sie sich die derzeitige Lage der Weltwirtschaft ansehen, machen Sie sich da Sorgen?

Es ist ein Moment, der etwas verwirrend ist. Es gibt verschiedene Narrative, die in ganz unterschiedliche Richtungen weisen. Auf der einen Seite sagen Beobachter der Geopolitik, dass die Welt fragmentiert sei, es gebe gewachsene Risiken für Kriege, hinzu komme der Handelskrieg zwischen China und den USA, woran sich möglicherweise einer zwischen Europa und China anschließe, da Xi Jinping und Macron ja gerade in Frankreich hart über Zölle und Restriktionen verhandelt haben.

Das ist die negative Perspektive.

Auf der anderen Seite verfolgen wir diese unglaubliche technologische Entwicklung. Die Welt verändert sich so rasant in einem Maße, wie wir es bislang noch nie gesehen haben. Ich meine besonders die künstliche Intelligenz (KI), auch ihre Anwendung in der Medizin. Die Börsen sind natürlich ebenfalls davon begeistert, einige, wie in den USA und Europa, sind geradezu euphorisch. Es ist also ein verwirrendes Bild, vor allem, da man nicht weiß, wie lange es mit den Inflationsschüben so weitergeht. Geht es so weiter, muss man die Zinsen weiter oben halten? Es ist verstörend.

Haben Sie eine Erklärung für die immer noch hohe Inflation?

Was in Amerika passiert ist, ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass das Stimulationspaket in der Covid-Pandemie zu groß war. Es war viel größer als in Europa. Die Impulse, die zu einer erhöhten Inflation führen, sind über die ganze Welt verteilt. Es gibt immer noch Knappheiten, hinzu kommen Sorgen, dass wichtige Handelsrouten unterbrochen werden könnten, wie durch die Huthi-Angriffe im Roten Meer. Aber auch die zahlreichen Dürren spielen hier hinein, die Wetterkatastrophen wie im Panama-Kanal. Der Welthandel ist empfindlich gestört. Möglicherweise wird die Knappheit noch längere Zeit fortbestehen.

Warum?

Das Phänomen ist überall zu beobachten, dass nach Corona sich viele Menschen auf dem Arbeitsmarkt zurückgezogen haben, teilweise wegen der Folgen von Long-Covid oder auch Nebeneffekten der Krankheit, wie psychische Krankheiten, wie Depressionen. Vor allem in den USA, aber auch in Großbritannien schrumpft der Arbeitsmarkt, daher entstehen Knappheiten. Man sieht es fast überall, es fehlen Fachkräfte. Auch in Deutschland werden händeringend Bus- oder Bahnfahrer gesucht. Der Arbeitsmarkt leidet unter Knappheit, was für mich ein Indiz ist, dass die Inflation noch länger anhalten wird, als die meisten geglaubt haben.

Wenn Sie auf Deutschland blicken, welchen Eindruck macht das Land im Hinblick auf das 75-jährige Bestehen der Bundesrepublik?

Die ganze deutsche Geschichte seit der Einheit von 1871 ist wie kein anderes Land auf den Erfolg der Wirtschaft aufgebaut. Das ist die Geschichte der Bundesrepublik, das ist auch die Geschichte des Kaiserreichs. Wenn die Wirtschaft schwächelt, wie in den 1920er Jahren, ist das auch eine Schwäche des Staates und seines Selbstverständnisses. Ich bringe gerne das Zitat von August Ludwig von Rochau vor der Reichsgründung, dass die Einheit der Nation keine Sache des Herzens ist, sondern eine reine Geschäftssache. Man brauchte die Einheit also nur, damit es der Wirtschaft besser geht.

Diese Stärke wird nun zur Schwäche Deutschlands?

Wir sehen im Moment die Verwundbarkeit Deutschlands, wenn die Weltwirtschaft in Probleme gerät. Deutschland war immer sehr stark in inkrementellen, kleinen kontinuierlichen Fortschritten, kleine Verbesserungen im laufenden Prozess. Die großen Strukturänderungen sind für das Land viel schwieriger. Und damit haben wir es im Moment zu tun. Es fällt schon auf, den Deutschen fällt es da schwerer sich anzupassen, als wenn man einfach nur bessere Verbrennungsautos oder bessere Flugzeuge bauen muss. Die Stärken Deutschlands beruhten stets auf den kleinen kontinuierlichen Fortschritten, weniger auf großen Umbrüchen. Doch wir sind in eine neue Phase eingetreten, die mit einem Strukturbruch verbunden ist.

Denken die Chinesen genauso? Xi besuchte gerade Frankreich, aber nicht Deutschland.

Ich würde das nicht als Zeichen mangelnden Respekts ansehen. Es war schon immer das europäische Zusammenspiel, dass Deutschland die wirtschaftliche Stärke verkörpert und Frankreich die militärische und strategische Seite Europas am besten vertritt. Frankreich ist eine Nuklearmacht, die Sprache von Präsident Macron gegenüber der Ukraine ist viel deutlicher als die von Kanzler Scholz. China wollte mit Frankreich über die geopolitischen Fragen sprechen, das ist alles.

Ist Deutschland wieder der kranke Mann Europas?

Es ist richtig, dass man einen neuen Innovationsschub braucht. Vieles ist veraltet, die Infrastruktur, die Autos sind nicht genügend auf elektrischen Anschub vorbereitet, das ist in Frankreich oder Großbritannien nicht anders. Auch die Frage, ob es einen einheitlichen europäischen Kapitalmarkt gibt, ist kein rein deutsches Problem, sondern eine Schwäche Europas.

Aber mit Folgen für Deutschland. Erwarten Sie in Deutschland auch eine größere politische Instabilität, etwa so wie in der Weimarer Zeit?

Nein, wir befinden uns definitiv nicht in Weimarer Verhältnissen. Wir sprechen nach dem Angriff junger Rechtsradikaler auf den SPD-Spitzenkandidaten in Sachsen. Das hatte Anklänge von Weimar, aber es ist weit davon entfernt, die Weimarer Verhältnisse widerzuspiegeln. Damals gab es eine sehr hohe Arbeitslosigkeit, heute haben wir beinahe das Gegenteil davon. Politische Instabilität? Die AfD verliert laut der Meinungsumfragen an Zustimmung. Sie liegt nun wieder unter 20 Prozent. Je mehr die Verbindungen zu China und Russland sichtbar werden, desto mehr verliert die Partei an Attraktivität.

Sie haben den Begriff der Knappheit angesprochen. Die 1840er und 1970er Jahre waren auch davon betroffen, mit welchen Folgen?

Zur Person

Harold James , Jahrgang 1956, lehrt internationale Beziehungen und Wirtschaftsgeschichte an der US-Eliteuniversität Princeton. . Seine Mutter stammt aus Hamburg-Altona, daher spricht James fließend Deutsch. Der vielfach ausgezeichnete Wissenschaftler gilt als einer der bedeutendsten Wirtschaftshistoriker unserer Zeit. Zurzeit ist er Fellow des Wissenschaftskolleg zu Berlin.

Im Verlag Herder erschien von ihm 2022 das Buch „Schockmomente: Eine Weltgeschichte von Inflation und Globalisierung 1850 bis heute.“ Im Verlag C.H. Beck erschien von ihm: „Geschichte Europas im 20. Jahrhundert. Fall und Aufstieg 1914 – 2001“.

Phasen, in denen es Angebotskrisen, also Knappheiten gibt, wirken sich ganz anders auf die Globalisierung aus als Nachfragekrisen wie die Wirtschaftskrise der Zwischenkriegszeit oder Lehman-Brother-Krise 2008. Man ist dann gezwungen, Innovationen einzuführen oder bereits existierende Technologien neu zu nutzen. Die 1840er Jahre kannten bereits Eisenbahnen, aber sie hatten noch kein richtiges Netzwerk. Aber nach der Hungerkrise sah man, dass Europa sich besser ernähren muss. Es geht nicht nur darum, neue Eisenbahnen zu bauen, sondern die Rolle des Staates neu zu definieren, was Zölle etc. betrifft. Das konnte man auch in den 1970er Jahren sehen, auch da nahm die Globalisierung frisch an Fahrt auf. Es gibt viele Anzeichen, dass sich dies jetzt wiederholt. Das ist etwas, was mich optimistisch macht. Die Anschlussfähigkeit beruht jedoch auf Flexibilität. Man muss neu denken.

Ist die Gefahr nicht da, dass man etwa bei der KI von den USA abhängiger wird, wo die ganzen Tech-Riesen sitzen?

Man kann es als Abhängigkeit beschreiben, aber ich würde diese Sichtweise als unbefriedigend empfinden. Die Möglichkeit der Anwendung von KI wird es überall geben. Die großen Investitionen wurden in den USA gemacht, viel stärker als in China. Aber deshalb ist China nicht abhängig von den USA oder die europäischen Länder. Die USA benötigen auch Güter aus China, wie Medikamente oder Vorprodukte für Generika, die in Indien hergestellt werden, diese Vorprodukte kommen auch aus China. Die Weltwirtschaft ist trotz des Geredes vom Ende der Globalisierung immer noch sehr eng miteinander verbunden. Man kann in dieser Welt nicht unabhängig sein, das gilt auch für die USA. Wenn große KI-Entwicklungen in den USA stattfinden, ist das eine große Chance für Europa.

Wie groß ist die Gefahr einer Blase, was die KI angeht?

Da kann man Lehren aus früheren Krisen ziehen. Enthusiasmus und ein großer Boom ist ein Muster, das sich wiederholt. Viele Firmen, die KI-Applikationen machen, werden keinen Erfolg haben. Das Platzen einer Blase ist vorherbestimmt. Das heißt aber nicht, dass es keine große Revolution wäre. Es ist so wie bei der Eisenbahn. Es gab viele Firmen, die die Eisenbahnlinien bauten, aber nur wenige überlebten, es gab Übernahmen und Zusammenschlüsse.

Die KI wird die Weltwirtschaft stimulieren?

Ja, absolut. Stimulieren und revolutionieren. Es wird große persönliche Entwicklungen mit sich bringen. Die Arbeitswelt wird sich sehr stark verändern.

Droht durch die KI nicht eine Massenarbeitslosigkeit?

Nein, das würde ich nicht sagen. Jede technologische Entwicklung ist so geartet, dass Stellen verloren gehen, dafür entstehen neue. Man kann es sich an einigen Beispielen vorstellen, wie KI auch zu einer gerechteren Welt führen kann. Wenn man ein schwieriges juristisches oder medizinisches Problem hat, will man zu dem besten Juristen oder Mediziner gehen. KI kann heute schon vieles besser als in der Diagnostik der berühmteste und bestbezahlte Arzt. Wer Vorteile in der Medizin haben wird, sind nicht die Star-Ärzte, sondern die Pflegerinnen und Pfleger, die besser ihre Arbeit auf ihre Patienten ausrichten können.

Führt der Fortschritt mit der KI demnach zu mehr Stabilität oder politischer Reibung?

Es wird zunächst mehr Reibereien und mehr Instabilität geben. Die Menschen sollten die berechtigte Zuversicht haben, dass ihre Regierungen Gutes tun; wenn sie es nicht tun, ineffizient sind, wählen die Wähler eine andere Regierung. Das ist der politische Wettbewerb. Auch die 1970er Jahre waren Jahre einer großen Instabilität, trotzdem führte es zu Verbesserung.

Wer wird sich da besser behaupten können: Demokratien oder Autokratien?

Die Demokratien, davon bin ich überzeugt. Es ist wichtig in der Demokratie, Optionen zu haben, dass eine Variation von Politiken und Vorschlägen gegeben ist. Wir hatten gerade Kommunalwahlen in Großbritannien, die Konservativen haben sehr schlecht abgeschnitten, es müssen Neuwahlen bis Ende des Jahres stattfinden, die Konservativen werden wohl verlieren, die Labour-Partei wird gewinnen, sie müssen etwas Neues machen und das ist gut. Dass man etwas verändern kann, ist eine Voraussetzung der Demokratie. Und Autokratien sind nicht besser in der Anpassung an neue Bedingungen. Autokraten sind oft nicht gut beraten. Durch ihre Position haben ihre Ratgeber keine Anreize, die Wahrheit zu sagen, sondern sich eher anzubiedern, denken Sie an Russland 2022, wo seine Berater Putin keinen reinen Wein über die Kriegschancen eingeschenkt haben.

Welche Rolle spielt da der Klimawandel?

Das ist eine Herausforderung, was die Notwendigkeit der Kooperation mit anderen Ländern unterstreicht. Die großen amerikanischen Investitionen in Green Technology sind keine Gefahr für Europa, im Gegenteil; wenn die Investitionen die Preise klimafreundlicher Produkte drücken, ist das auch für Europa gut. Man ist zu oft darauf bedacht, grüne Entwicklungen außerhalb des eigenen Landes als Bedrohung zu sehen. Man sollte es aber als Chance sehen.

Sind Sie optimistisch, was die Zukunft der EU angeht? Auch was die rechten Parteien angeht.

Durchaus. Die AfD ist doch auf einem deutschen Sonderweg. Was man in Italien und Frankreich sieht, ist, dass was ehemals außersystemisch und bedrohlich war, sich nun im europäischen Prozess anpasst. Das sieht man mit Giorgia Meloni und ihre Partei Fratelli d’Italia, wo die nationalistischen Töne stark zurückgefahren werden und man sich dem europäischen Konzept anpasst. Le Pen in Frankreich findet die AfD regelrecht peinlich.

Europa redet viel über seine Streitkräfte, tut aber zu wenig, heißt es oft. Wie sehen Sie die Wiederaufrüstung Deutschlands? Wenn man die Zwei-Prozent-Hürde hält, hätte man gleich eine der größten Armeen der Welt.

Es geht nicht nur darum, wie viel Geld bezahlt wird. Es ist nicht eine Frage von Truppengröße und Panzer-Anzahl, sondern es geht auch um technologische Fragen wie die Investition in IT. Die Wahrheit ist, Frankreich, Deutschland, Italien und Polen können es nicht alleine machen, es geht nur, wenn sie zusammenarbeiten. Durch die Herausforderung angesichts der russischen Aggression in der Ukraine ist die Notwendigkeit einer europäischen Armee stark gewachsen. Kooperation ist das Gebot der Stunde.

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