Nahost-Konflikt

Holocaust-Überlebende: „Die Menschen haben wieder vergessen, dass sie Menschen sind“

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Blickt auf ein bewegtes Leben zurück: Klava Leybova.
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Klava Leybova musste als Kind mit ihrer jüdischen Familie vor den Nazis aus Kiew fliehen. Die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten machten sie krank. Eine Begegnung.

Sie hat sich gerade auf ihre Couch gesetzt, der Blick aus dem 12. Stock geht auf eine Plattenbausiedlung in Ratingen, da platzt es aus ihr heraus: „Ich habe Angst, zu hassen“, sagt Klava Leybova, „und das macht mich krank. Ich weiß, dass Hass keinen Boden hat – und dass ich mich dann nicht mehr von all den Nationalisten und Faschisten unterscheide, die sich von Hass ernähren.“ Aber es sei schwer, dem russischen Präsidenten Putin gerade nicht den Tod zu wünschen und die Menschen nicht zu verdammen, die auf Straßen hier in Deutschland auf Plakaten von einem israelischen Holocaust schreien. Sie schlafe schlecht und sei verzweifelt. „Wie unterscheide ich mich von denen, die ihre Menschlichkeit verloren haben?“ Diese Frage treibt sie um.

Die 85-jährige Klava Leybova ist eine kleine Frau mit großen, wachen Augen. Sie war drei, als die deutsche Wehrmacht 1941 Kiew überfiel und sie mit ihrer jüdischen Familie in die Nähe von Stalingrad floh – ein paar Wochen später erschossen die Nazis in der Schlucht von Babyn Jar mehr als 33000 Juden. Die Massenerschießungen markierten den Beginn des systematischen Genozids gegen die europäischen Juden. Leybovas Familie hatte Kiew gerade verlassen, als alle Juden zu einer Sammelstelle in der Innenstadt gehen sollten – vorgeblich, um umgesiedelt zu werden.

Leybovas Großmutter starb an den Folgen eines Sturzes auf der Flucht, ihr Vater fiel als Soldat für die Rote Armee, viele ihrer Verwandten wurden in Konzentrationslagern ermordet. Sie selbst habe sich schon als kleines Mädchen nicht gefallen lassen, wenn Kinder sie als Jüdin beschimpft hätten: „Ich bin dann sehr wütend geworden und habe mich auch mit Jungs geprügelt“, sagt sie. Die Wut kennt Klava Leybova, seit sie zurückdenken kann.

Wenn Kinder an Schulen sie nach Geschichten aus der Kindheit fragen, erzählt Leybova, wie nach dem Sieg der Russen in Stalingrad ein ausgehungerter Soldat, der für Hitlers Truppen gekämpft hatte, an ihrer Hütte vorbeigekommen sei. „Er stellte sich als gelernter Schneider vor und wollte einen Ring eintauschen gegen ein Stück Brot. Meine Mutter hat sich geweigert, den Ring anzunehmen, ihn angeschrien, dass er wahrscheinlich ihre Schwester ermordet habe, ihm aber aus Mitleid doch ein Stück Brot gegeben. Am Ende des Winters hat meine Mutter eine große Schere im Feuerholz-Stapel gefunden – der Mann hatte sie als Geschenk dagelassen.“ Die Schere nahm Klava Leybova mit, als sie mit ihrem Mann nach Deutschland immigrierte – ins Land der Täter, aus dem auch die Schere kam.

So wie es im Krieg Momente der Menschlichkeit gab, so endeten Antisemitismus und Rassismus nicht danach. Als Leybova nach dem Studium als Ingenieurin beim Flugzeugbau-Unternehmen Antonow bei Kiew begann, habe sie auf die Frage nach ihrer Nationalität selbstverständlich gesagt: „Ich bin Jüdin!“ – „Sie sind mutig“, habe eine Kollegin erwidert. „Warum?“, habe sie gefragt. Da habe die Kollegin zu Boden geguckt. „Jeder wusste, dass Juden weiterhin diskriminiert wurden.“

Am 24. Februar 2022 landeten russischen Fallschirmjäger auf dem Antonow-Flughafen, auf dem Leybova jahrzehntelang ein- und ausgegangen war. Die Infrastruktur des Flughafens wurde stark beschädigt. „Die Russen feuern jetzt Raketen auf uns, die in der Ukraine hergestellt worden sind“, sagt Leybova. „Ich verstehe das alles nicht.“ Ende Februar 2022 trafen zwei russischen Raketen ein Gebäude in unmittelbarer Nähe der Holocaust-Gedenkstätte Babyn Jar. „Die Menschen“, sagt Leybova, „haben wieder vergessen, dass sie Menschen sind.“

Mit 60 kam sie mit ihrem Mann nach Deutschland. Weil ihr Mann sehr krank war, sie als jüdische Kontingentflüchtlinge hier eine kleine Rente erhielten, die medizinische Versorgung besser war als in der Ukraine – und auch, weil Klava Leybova überzeugt war, „dass Deutschland auf wundersame Weise seine Geschichte aufgearbeitet hatte“. Längst ist sie deutsche Staatsbürgerin. Aber ist sie auch Deutsche? Oder ist sie Ukrainerin? „Nein, ich würde mich immer als Jüdin bezeichnen.“

Nur selten sei sie hierzulande offenem Antisemitismus begegnet. „Und wenn, dann war es meistens von russischen Spätaussiedlern.“ Sie kenne einige Spätaussiedler, die mit der AfD wie mit Putin sympathisierten. Und hoffe, „dass bei der Mehrheit der Deutschen so viel Gehirn da ist, dass diese Partei nie an die Macht kommt“. Die AfD stehe wie Putin für „Menschenverachtung“. Allein die Nähe der AfD zu Russland, die Ähnlichkeit der Rhetorik, das Sympathisieren mit dem Diktator, der Menschen als Kanonenfutter missbrauche, „müsste doch eigentlich den meisten einleuchten“. Tue es aber leider nicht.

Vielleicht sollten die Menschen in Deutschland ja doch mal russische Staatsmedien schauen, räsoniert die alte Frau. Da werde ja „seit zehn Jahren durchdekliniert“, was Russland wolle. „Putin wird weitergehen, wenn er die Ukraine einnehmen kann. Er ist eine Gefahr für ganz Europa, für die ganze Welt.“

80 Jahre nach Leybovas Flucht aus Kiew hat Russland die Ukraine überfallen und die Hamas israelische Zivilisten. Leybova hat für kurze Zeit in Israel gelebt, ihre Mutter war mit dem Klima nicht klargekommen und zurück in die Ukraine gegangen. Die 85-Jährige hat viele Verwandte in Israel und telefoniert oft mit ihnen. Alle, wirklich alle seien traumatisiert. Auch in Deutschland haben Jüdinnen und Juden wieder Angst. Es werden Davidsterne auf Häuser geschmiert, in denen Juden leben, israelische Flaggen werden verbrannt. Die Zahl antisemitischer Straftaten ist seit den Terrorangriffen der Hamas vom 7. Oktober stark gestiegen. „Ich hätte nie für möglich gehalten, dass es noch einmal soweit kommt“, sagt Leybova.

Sie wolle nicht darüber sprechen, was sie genau fühle – das ginge ihr zu weit, sagt sie, „da müssten sie Dr. Freud fragen“. Nur so viel: In ihren Träumen und Tagträumen sei „alles wieder da, wie vor 80 Jahren. Ich bin wieder ein Kriegskind“. Das sie bitte nie nochmal werden wollte.

Vor dem Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine sei es ihr einerlei gewesen, dass viele ihrer Bekannten sich über russische Staatssender informierten – in denen vor zehn Jahren schon über den vermeintlichen ukrainischen Faschismus und die Rückkehr eines großen russischen Reichs schwadroniert wurde. Jetzt fasst sie auch das an. „Ich werde jetzt manchmal aggressiv, wenn ich mit Menschen aus Russland spreche“, sagt sie. Und sie ahne, dass sie ihre Aggressionen mit ihrer Gesundheit bezahle. Was also tun, um nicht ins Bodenlose zu fallen?

„Hoffnung zu kultivieren“ versuche sie trotz allem jeden Tag: indem sie mit Freunden aus Deutschland, der Ukraine, Russland und Israel spreche, Geschichten lese, die von Menschlichkeit erzählen, selbst versuche, trotz ihrer Ohnmacht ein guter Mensch zu bleiben. Klava Leybova sagt: „Das Gute siegt nicht immer, oft siegt das Böse. Aber wenn ich nicht sage, das Gute kann sich durchsetzen, und nicht sage, ich will für das Gute stehen, dann kann ich nicht mehr sein.“

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