- VonMicha Brumlikschließen
Spannungsvolles Miteinander: Igal Avidan erzählt vom arabischen und jüdischen Miteinander im Staat Israel.
Es sind keineswegs bloß eingefleischte israelbezogene Antisemiten und Antisemitinnen, die der festen Überzeugung sind, dass der Staat Israel – die Rede ist nicht von den besetzten Gebieten – ein Apartheidsstaat ist. Dass dem nicht so ist, mehr noch: dass dieser Staat ein Vorbild für multikulturelles und multiethnisches, wenn auch nicht spannungsfreies Zusammenleben ist, zeigt das neue Buch des in Berlin lebenden israelischen Publizisten Igal Avidan, der zuletzt – 2017 – eine packende zeitgeschichtliche Studie publiziert hat: „Mod Helmy. Wie ein arabischer Arzt in Berlin Juden vor der Gestapo gerettet hat.“
In diesem Geiste zeigt Avidan jetzt, dass im Staat Israel – auch wenn die arabische Minderheit in manchen Hinsichten strukturell benachteiligt ist – die dort lebende nichtjüdische Bevölkerung nach allen staatsbürgerlichen Kriterien der jüdischen Bevölkerung gleichgestellt ist. Damit ist ausgerechnet der jüdische Staat Israel der einzige nahöstliche Staat, in dem arabische Personen die Vorzüge einer Demokratie genießen.
Er beschönigt nichts
Avidans Buch folgt dem Prinzip einer – wenn man so will – Städtereise von Haifa über Jerusalem bis nach Tel Aviv und gibt durch eine Mischung aus eigenen Schilderungen sowie Interviews mit Zeitzeugen und Zeitzeuginnen ein überaus anschauliches Bild der Lage – ohne irgendetwas zu beschönigen. So in einem Interview mit einem israelischen Bürger, der selbst Araber ist und anschaulich von bürgerkriegsähnlichen Konflikten zwischen jüdischer und arabischer Bevölkerung berichtet.
Das Buch
Igal Avidan: …und es wurde Licht! Jüdisch-arabisches Zusammenleben in Israel. Berenberg, Berlin 2023. 254 S., 18 Euro.
Besonders instruktiv ist ein Gespräch zwischen Avidan und einem arabischen Maler im östlichen Jerusalem, der bestes Hebräisch spricht – ein Mann, der seinerzeit einen offenen Brief an den Holocaust leugnenden iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad unterschrieben hatte. Er berichtet etwa von einem Fernstudium an der Hebräischen Universität Jerusalem, er hat dort Geistes- und Sozialwissenschaften studiert, und antwortet auf Avidans Frage, warum er ausgerechnet israelische Landeskunde studiert habe: „Um den Feind kennenzulernen.“
Auf die weitere Frage, ob Israel wirklich sein Feind sei, gibt er zu Protokoll: „Klar, solange es mein Land besetzt. Ich akzeptiere Israel in den Grenzen von 1967 im Rahmen einer Zwei-Staaten-Lösung. Nach einem wirklichen Friedensabkommen werden wir als gute Nachbarn leben, aber lieben würde ich Israel nie“ – was, wie Avidan anmerkt, schon deshalb nicht verwunderlich ist, da dieser Mann in israelischer Haft gefoltert wurde.
Avidan dokumentiert sein Gespräch mit diesem arabischen Bürger Israels, in dem er ihn auch fragt, warum er glaubt, dass im ganzen Nahen Osten nur Israel eine funktionierende Demokratie aufweise, worauf dieser antwortet: „Weil es dort keine Schmiergelder oder Posten zu verteilen gibt. Außerdem sind die (palästinensischen, d. Red.) Häftlinge die Pioniere des palästinensischen Volkes. Sie sind durch ihre Inhaftierung gut informiert und belesen, auch manche Unterhändler der Oslo-Verträge waren im Gefängnis.“ Ein bemerkenswerter Abschnitt über den Holocaust folgt, aus dem deutlich wird, dass und wie die in Israel gepflegte Auseinandersetzung mit dem Holocaust auch und gerade auch politisch bewusste palästinensische Gegner der israelischen Politik prägt.
Igal Avidans neues Buch stellt weniger eine breit angelegte, politologische und sozioökonomische Studie zur Lage der nicht-jüdischen, meist arabischen Population des Staates Israel dar, als vielmehr ein Porträt der ihrer Lage bewussten arabischen Oberschicht in Israel. Igal Avidans luzide dokumentierte Studienreise durch das arabische Israel zeigt – 75 Jahre nach der Staatsgründung – dass und wie allen Konflikten zum Trotz der heutige Staat Israel ein gelungenes Beispiel (vielleicht auch ein Vorbild) für eine multiethnische Demokratie ist und eben alles andere als ein Apartheidsstaat.