„Den Tumor finden und zerstören“: Biontech plant mit Anti-Krebs-Impfung bis 2030
VonNico Reiter
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Eine Impfung soll schon bald eine Alternative zur Chemo-Therapie darstellen. Biontech Mitbegründer Uğur Şahin erklärt, wie die Impfung Tumorzellen gezielt bekämpfen kann.
Mainz – Das Biotechnologie-Unternehmen Biontech hat bereits den ersten Corona-Impfstoff auf den Markt gebracht. Nun stellt es ein neues Projekt vor. Eine personalisierte Krebs-Impfung soll in Zukunft eine Alternative zur herkömmlichen Chemo-Therapie sein.
CEO und Mitbegründer von Biontech, Uğur Şahin, beschreibt, wie die personalisierte Krebstherapie geplant ist. Laut ihm soll das körpereigene Abwehrsystem selbst den Krebs bekämpfen. „Wir glauben, dass das eines der zentralen Elemente ist, um Krebs langfristig zu kontrollieren oder im Idealfall heilen zu können“, so Şahin im Interview mit der Bild.
Krebs-Impfung soll alle Tumorzellen erwischen
Der Mediziner spricht auch über die Schwierigkeiten einer Impfung gegen die Krankheit. Krebs ist eine komplexe Erkrankung, die sich je nach Art, Stadium und Patient stark unterscheidet. Es gibt sogar unterschiedliche Krebszellen in einem einzigen Tumor. Therapien sind oft im Stand, einen Großteil der Krebszellen zu zerstören. Werden aber nicht alle erwischt, können die verbleibenden Zellen Metastasen bilden, die anschließend nicht mehr auf die bisherige Therapie anschlagen.
Um dem entgegenzuwirken, hofft Şahin einen maßgeschneiderten Impfstoff zu entwickeln, der auf jeden Patienten und jede Patientin einzeln zugeschnitten ist. Dafür werden die Krebsmerkmale der Betroffenen einzeln analysiert und die Merkmale ausgewählt, anhand derer das Immunsystem alle Tumorzellen erkennen und zerstören soll.
Langjährige Forschung zur Krebs-Impfung zeigt Ergebnisse
Die Entwicklung des Ansatzes hat 25 Jahre Forschung gebraucht. Das Team hat untersucht, welche Merkmale spezifisch für Tumorzellen sind, welche das Immunsystem erkennen kann und welche Zelltypen zur Bekämpfung des Tumors beitragen können. Danach muss das Immunsystem aktiviert werden, um den Krebs zu bekämpfen. Die Studien zum Impfstoff zeigen Erfolg. Aber auch organisatorisch bedarf es viel Arbeit. Ziel ist es, bereits nach vier Wochen einen personalisierten Impfstoff bereitzustellen. Für zehntausende Patienten und Patientinnen im Jahr soll das in Zukunft möglich gemacht werden.
Eine Chemotherapie greift in der Regel nicht nur Krebszellen an, sondern auch gesunde Zellen, die sich schnell teilen. Ein Impfstoff würde verhindern, dass gesunde Zellen beschädigt werden. Şahin setzt auf Antikörper-Wirkstoff-Konjugate, kurz ADCs, die eine Chemotherapie direkt zum Tumor transportieren und gezielt freisetzen können. „Dieser Ansatz birgt das Potenzial, das Immunsystem mit einer Armee an spezialisierten Kämpfern dazu zu bringen, den Tumor zielgerichtet zu finden und zu zerstören.“
Zehn Krebsarten mit den geringsten Überlebenschancen
„Ich bin zuversichtlich, dass innerhalb der nächsten Jahre bei ganz vielen Krebsindikationen zunehmend mehr ADCs als gezielte, anstelle der klassischen Chemo eingesetzt werden“, so Şahin. Er hofft darauf, dass der erste Impfstoff noch vor 2030 zugelassen wird. Bis dahin will das Unternehmen Daten über verschiedene Therapieansätze sammeln. Aber nicht nur an einer Impfung wird geforscht, auch eine Pille gegen Krebs soll in Amerika entwickelt werden.