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Der französische Politik-Experte Olivier Roy über die Neugestaltung der Region nach dem Ende der Herrschaft Assads, Europas schwachen Einfluss und die düstere Zukunft der Palästinenser.
Herr Professor Roy, man staunt, wie schnell Diktaturen stürzen können. Warum konnten sich die Rebellen plötzlich gegen Assad durchsetzen?
Das Regime war bereits extrem geschwächt – die Armee funktionierte nicht mehr richtig, war durch Korruption und mafiöse Strukturen untergraben. Seit 2013 konnte sich das Regime nur durch die Unterstützung der Hisbollah und Russlands halten. Vor allem die russischen Bombardements und die Präsenz der Hisbollah-Truppen verhinderten, dass Assad schon damals vollständig besiegt wurde. Mit dem Krieg in der Ukraine, der Russlands Ressourcen bindet, und der zunehmenden Schwächung des Iran und seiner regionalen Verbündeten änderte sich die Dynamik. Im Falle des Iran hatte sich bereits an dessen militärischen Reaktionen gegenüber Israel gezeigt, dass das Regime nicht in der Lage war, einen Krieg zu führen. Die Hisbollah verlor ihre Fähigkeit, gleichzeitig an zwei Fronten zu kämpfen.
Wie stand es um die Rebellengruppen?
Die oppositionellen Gruppen warteten schon lange auf den richtigen Moment, um ihre Strategie umzusetzen. Sie waren vorbereitet. Al-Dscholani und die Miliz Hajat Tahrir al-Sham (HTS) wurden trotz ihrer früheren Nähe zu dem islamistischen Gedankengut zunehmend als nationale Oppositionskräfte wahrgenommen, die auch mit demokratischen und säkularen Kräften kooperierten. Nur wollte das im Westen niemand wahrhaben. Man hat die Entwicklung dieser Gruppen nicht verstanden.
Dennoch ist es überraschend.
Eine entscheidende Veränderung war, dass islamistische Gruppen wie die um al-Dscholani sich von sektiererischen Konkurrenten wie Al-Kaida distanzierten und Bündnisse mit Nationalisten, Kurden und anderen Rebellen eingingen. Al-Dscholani erkannte, dass es keinen Sinn machte, auf dem Weg einer radikalen islamistischen Gruppe zu bleiben, und streckte seine Hand nach Nationalisten, Demokraten oder Christen aus. So entstand eine heterogene, aber gemeinsame Front gegen Assad, auch wenn die Opposition noch zersplittert ist. Ein Kollege von mir hat bereits 2022 in einem Essay auf das Zugehen al-Dscholanis auf die Christen hingewiesen. Die religiösen und ethnischen Spannungen, insbesondere die Rolle der Alawiten, bleiben eine Herausforderung.
Ist eine Demokratie vorstellbar?
Demokratie ist ein großes Wort. Die Frage, wie Syrien nach Assad politisch organisiert sein wird, bleibt offen. Es geht jetzt eher um die Bildung einer Koalition der heterogenen Gruppen. Entscheidend wird sein, ob die verschiedenen Oppositionsgruppen – von Islamisten über Demokraten bis hin zu Christen – gemeinsam eine stabilisierende Lösung finden können. Die Kurden stellen eine große Herausforderung für einen gemeinsamen Weg dar, die Alawiten die andere. Allerdings denken die Rebellen um al-Dscholani nicht in Kategorien der Scharia, was für die Zusammenarbeit mit den Alawiten wichtig ist. Was das letztlich für den politischen Weg bedeutet, wird sich zeigen.
Was ist wahrscheinlicher: eine Zusammenarbeit der Opposition oder der Zerfall des syrischen Staates?
Ein völliger Zerfall des syrischen Staates scheint unwahrscheinlich, weil er weder von den Alawiten noch von anderen Gruppen angestrebt wird. Die meisten Alawiten wissen, dass ein eigener alawitischer Staat keine Zukunftsperspektive bietet. Auch die Kurden streben keinen eigenen kurdischen Staat in Syrien an. Ihre politischen Ziele in der Türkei stehen auf einem anderen Blatt. Auch säkulare Kräfte und gemäßigte Oppositionsgruppen befürworten ein geeintes Syrien.
Was bedeutet dieser Umbruch für den gesamten Nahen und Mittleren Osten?
Eine zentrale Folge ist die Schwächung des Iran. Das ist die große Konsequenz: Der Iran verliert zunehmend an Einfluss in der Region, insbesondere durch den Rückzug aus Syrien und die schwindende Unterstützung durch andere Akteure. Mit anderen Worten: Der Iran ist aus dem Nahen Osten raus. Die Frage bleibt offen, ob das iranische Regime aufgrund dieser Niederlage nun vollständig zusammenbricht.
Was bedeuten die Entwicklungen nun für die Palästinenser?
Auch die Palästinenser sind die Verlierer dieser Entwicklung. Mit dem Rückzug des Iran verlieren sie neben der schwindenden Unterstützung durch die Hisbollah einen ihrer letzten starken Fürsprecher. Die Palästinenser sind jetzt auf sich allein gestellt. Kein arabisches Regime ist bereit, aktiv an der Seite der Palästinenser zu kämpfen, was sie international weiter isoliert.
Kann man sagen, dass Israel mit seinem Vorgehen den Nahen Osten neu ordnet?
Nein, es ist nicht Israel allein. Die aktuellen Entwicklungen sind das Ergebnis komplexer und langfristiger Prozesse, an denen verschiedene Akteure beteiligt sind. Der Prozess der Isolation der Palästinenser zum Beispiel begann nicht mit Israel, sondern mit der Entwicklung unterschiedlicher Ziele der Palästinenser und der arabischen Staaten. Hinzu kommt die Schwächung des Iran und der Hisbollah. Die Hamas für sich allein genommen wurde von israelischer Seite nicht als strategische Bedrohung eingeschätzt.
In welcher Hinsicht?
Die Hauptsorge Israels war, von verschiedenen Gruppen gleichzeitig angegriffen zu werden – vom Iran, von Gaza aus oder von der Hisbollah. Diese Möglichkeit wurde nun stark eingeschränkt. Jetzt hat Israel gegenüber den Palästinensern freie Hand. Niemand wird eingreifen. Der Rest des Nahen Ostens wird sich nicht darum kümmern.
Aber eine neue Gefahr für Israel könnte von einem islamistisch geführten Staat wie Syrien ausgehen.
Zur Person
Olivier Roy , geboren 1949, ist ein französischer Politikwissenschaftler und Berater des französischen Außenministeriums. Neben Politikwissenschaft und Philosophie studierte er Persisch. Vor allem befasst er sich mit dem politischen Islam und Islamismus.
Am Nationalen Forschungszentrum in Paris ist er Forschungsdirektor. Er lehrt zudem am Institut d’études politiques und ist Professor am Robert Schuman Zentrum des Europäischen Hochschulinstituts in Florenz.
Zum Islam und über Zentralasien, speziell Afghanistan, hat Roy zahlreiche Bücher veröffentlicht. Zuletzt erschien von ihm: „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod: Der Dschihad und die Wurzeln des Terrors“ (Siedler, 2017).
Das besorgt Israel eher nicht. Es wurde nie von Gruppen wie Daesh (dem sogenannten Islamischen Staat) bedroht. Solche Akteure werden nicht als primäre Bedrohung wahrgenommen, weil ihre Ziele regional und nicht global ausgerichtet sind. Islamistische Kräfte in Syrien stellen aus israelischer Sicht keine Bedrohung dar. Dies betrifft eher die Palästinenser, die von der schiitischen Achse unterstützt werden. Die Kurden und Gruppen wie Daesh sind Gegner der Schiiten und werden ganz sicher nicht mit den Palästinensern kooperieren.
Die Menschen in Syrien freuen sich, die Zukunft könnte aber hart werden. Wie sieht die wirtschaftliche Zukunft Syriens aus?
Die wirtschaftliche Erholung Syriens nach der Krise ist ungewiss und hängt stark von der politischen Stabilisierung ab. Jetzt geht es erst einmal um die politische Stabilisierung, die natürlich noch ungewiss ist. Die wirtschaftliche Frage ist eine andere Geschichte. Viele aus der syrischen Mittelschicht haben das Land verlassen und sind zum Beispiel nach Deutschland geflohen. Eine mögliche Rückkehr der syrischen Diaspora könnte eine entscheidende Rolle spielen, da sie ein Reservoir an Expertise, Kapital und Wissen darstellt. Millionen Syrer haben das Land verlassen, und die zentrale Frage bleibt, wer zurückkehren wird, um sich am Wiederaufbau zu beteiligen.
Welche Rolle werden Russland und die Türkei spielen?
Die Türkei konzentriert sich weiterhin auf die Lösung der Kurdenfrage. Hier zeichnen sich zwei mögliche Szenarien ab: Zum einen könnte es zu einer militärischen Konfrontation mit kurdischen Gruppen kommen, unterstützt von syrischen Akteuren wie al-Dscholani. Dessen Ziel ist jedoch eine Einigung mit den Kurden. Auf der anderen Seite könnte es zu Verhandlungen zwischen der türkischen Regierung und den Kurden kommen, und am Ende zu einem Deal zwischen Erdogan und der PKK.
Auch Russland wirkt überraschend schwach.
Für Russland ist der Sturz Assads eine Niederlage. Russland steht vor einer komplexen Situation. Der Krieg in der Ukraine bindet Ressourcen, was Russlands Fähigkeit, seine Interessen in Syrien durchzusetzen, erheblich einschränkt. Russland wird natürlich versuchen, seine Militärbasen in Syrien zu sichern. Die Frage ist, wie. Es könnte versuchen, alawitische Bewegungen zu unterstützen, um seinen Einfluss zu wahren, etwa durch die Gründung eines alawitischen Staates. Diese Strategie ist meines Erachtens aussichtslos. Alternativ könnte Russland mit einer neuen syrischen Regierung verhandeln, um seine Interessen, insbesondere die Marinestützpunkte, langfristig zu sichern. Ich bin da allerdings skeptisch. Der Verlust seiner lokalen Verbündeten hat Russlands Position im Nahen Osten deutlich geschwächt – ob dauerhaft oder vorübergehend, bleibt unklar.
Ebenso unklar ist die Rolle des Westens ...
Dem Westen fehlt eine klare Strategie für den Nahen Osten. Weder die Europäische Union noch die USA scheinen bereit, direkt militärisch in der Region zu intervenieren. Vielmehr steht der Kampf gegen den Terrorismus im Vordergrund, während ideologische Fragen wie Säkularismus in der Region kaum Gewicht haben.
Der westliche Säkularismus scheint in der Region sogar auf massive Ablehnung zu stoßen.
Wen interessiert der westliche Säkularismus? Glauben Sie, dass deshalb jemand in Syrien intervenieren wird? Dass deshalb Trump Truppen dorthin schicken würde, um den Säkularismus zu stützen? Sicher nicht. Das interessiert niemanden, weder hier noch dort.
Syrien-Rebellen stürzen Assad: Die Bilder des Machtwechsels




Mittendrin befindet sich ein Staat wie der Libanon, der von allem, was um ihn herum geschieht, in Mitleidenschaft gezogen wird. Wie geht es weiter?
Im Libanon könnte sich eine Chance zur Stabilisierung ergeben, die aber entscheidend von der Stärke der Hisbollah abhängt. Für Israel bleibt die Hisbollah mit ihrer Basis im Libanon ein zentrales Problem. Die Hisbollah ist eine Bedrohung. Eine seltsame Allianz zwischen Israel und Islamisten könnte darauf abzielen, die Hisbollah weiter zu schwächen.
Werden wir in zwei Jahren einen völlig neu geordneten Nahen Osten sehen, vor allem wenn der Iran an Einfluss verliert?
Das wäre eine wichtige Entwicklung, aber ohne große Auswirkungen auf Länder wie Saudi-Arabien oder Marokko, da das Abraham-Abkommen weiterhin in Kraft bleibt.
Ist es ein guter Tag für die Europäer, wenn der Krieg in Syrien endet und islamistische Gruppen an die Macht kommen?
Was sollen die Europäer tun? Sie denken nur: Islam, Islam, Islam, aber sie verstehen nicht die veränderte Strategie der islamistischen Gruppen. Bewegungen wie Daesh sind keine globalen Bedrohungen mehr und haben keine strategischen Ziele, die über die Region hinausgehen. Ähnlich wie die Taliban verfolgen die Islamisten eine nationale Agenda, ohne Europa ins Visier zu nehmen. Europa spielt in ihrer Strategie schlicht keine Rolle.
Viele fragen sich nun, ob in Syrien nun ein Übel das andere abgelöst hat ...
Das größte Übel war Assad. Er ist jetzt weg. Was aus ihm wird, spielt für die Region keine Rolle mehr. Ohne ihn wird alles besser als mit ihm. Natürlich wissen wir nicht, ob das zu einer Demokratie führen wird. Es war Assad, der den Iran in den Nahen Osten gebracht hat. Sein Sturz war ein notwendiger Schritt, um den Iran aus dem Nahen Osten zurückzudrängen. Der Iran hat seine wichtigsten Verbündeten in der Region verloren. Der Einfluss des Iran und der Hisbollah ist nun nachhaltig geschwächt. Beide waren eine latente Bedrohung, nicht nur für Israel, sondern auch für viele andere.
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