Geopolitik

Iran und das Öl: Die Macht der Meerenge

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Der Persische Golf, die Straße von Hormus und der Golf von Oman in einer Satellitenaufnahme.
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Die Straße von Hormus im Zeichen der Kolonialpolitik westlicher Mächte. Von Michael Hesse

Als die Revolution auf den Straßen des Iran tobte, stürzten die Umfragewerte von Jimmy Carter ins Bodenlose. So etwas hatte es bislang nur bei Richard Nixon gegeben. Und der hatte schließlich mit dem Watergate-Skandal für eine Staatskrise gesorgt.

Mit der Islamischen Revolution 1979 und dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan hatten die Spannungen weltweit zugenommen. Die Straße von Hormus rückte mit einem Male ins Zentrum der geopolitischen Auseinandersetzungen. Der Iran unter Ajatollah Khomeini drohte mit ihrer Sperrung. US-Präsident Jimmy Carter fand klare Worte: „Um unsere Position absolut klarzustellen: Jeder Versuch einer außenstehenden Macht, die Kontrolle über den Persischen Golf zu erlangen, wird von uns als Angriff auf die Lebensinteressen der Vereinigten Staaten von Amerika angesehen. Ein solcher Angriff wird mit allen erforderlichen Mitteln, einschließlich militärischer Gewalt, zurückgeschlagen werden.“ Sein entschlossenes Auftreten brachte Carter nun Höchstwerte in den Umfragen.

Der britische Historiker und Nahost-Experte Peter Frankopan ordnete die Worte des Politikers der Demokraten so ein: „Dies war eine Kampfansage, die auf typische Weise jene Haltung zum Öl und zum Nahen und Mittleren Osten zum Ausdruck brachte, die zuerst die Briten eingenommen hatten und die jetzt von den Vereinigten Staaten übernommen wurde: Jedem Versuch, den Status quo zu verändern, werde man mit wilder Entschlossenheit entgegentreten.“ Für Frankopan stand fest: „Das war praktisch die alte imperiale Politik.“ Von dieser alten imperialen Politik führt der Weg fast geradlinig in die Gegenwart.

Der Iran drohte immer wieder und zuletzt deutlich damit, diese Meerenge bei Hormus, die knapp 40 Kilometer breit ist, zu sperren. Weltwirtschaftlich hätte dies immense Folgen. In den 1970er Jahren zeigte sich, wie die Welt auf einen massiven Einbruch des Ölnachschubs reagiert. Nach dem Jom-Kippur-Krieg von 1973 drosselten die Opec-Staaten ihre Förderung.

Die Ölpreise explodierten. Die Folge waren nicht nur autofreie Sonntage in Deutschland und Fahrrad-Events auf den Autobahnen. Vielmehr endete damit auch eine Phase des Wirtschaftswachstums, wie es die Welt bis dahin nicht erlebt hatte. Die trente glorieuses, die glorreichen Jahre fanden ihr Ende und mit ihr eine keynesianisch betriebene Wirtschaftspolitik. 1979 waren die Folgen noch drastischer.

Das kleine Hormus hatte die goldenen Zeiten da bereits hinter sich. Der indische Pfeffer machte es reich und viele andere Gewürze auch. Von den Küsten Malabars bis zu den Gassen Basras zog sich ein Band des Handels, gespannt über die Fluten des Golfs. Aus einem kleinen Ort wurde durch günstige geografische Formen eine pulsierende Stadt, die im 13. Jahrhundert 40 000 Menschen beheimatete. Eine große Zahl für diese frühen Zeiten, rund 5000 sind es heute. Das Sassanidenreich, das sich ab 226 etabliert hatte, verband territoriale Politik mit maritimen Interessen und sorgte so für einen ausgiebigen Handel, der sich zwischen Indien, dem Iran und der Levante erstreckte.

Die Sassaniden folgten der Lehre Zoroasters, besonders aber Fragen der weltlichen Macht. Sie verbanden Landmacht mit Seemacht, Imperium mit Markt. Ihre Schiffe stachen von Hormus aus in See, und der Golf wurde so intensiv befahren, dass er das Rote Meer als Handelsroute in den Schatten stellte. Später lobte Marco Polo den Hafen in seinen Reiseberichten als einen Knotenpunkt der maritimen Seidenstraße.

US-Marineeinheiten in Straße von Hormus am Persischen Golf.

Das schwarze Gold, das Öl, rückte Hormus nicht sogleich in den Mittelpunkt des Weltgeschehens. Eher im Gegenteil. Denn zunächst dominierte ein Pipeline-Netzwerk. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Bedarf an fossilen Brennstoffen immens anwuchs, nahm die Bedeutung des Persischen Golfs zu. Ein massiver Ausbau der Förder- und Verschiffungsstruktur für Öl setzte in den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens ein. Iran, Irak, Kuwait, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate oder Bahrain pumpten das schwarze Gold aus der Erde, das nun schneller bewegt werden musste.

Tankerterminals wurden am Persischen Golf errichtet. Vor allem British Petroleum (BP) und Standard Oil of California (später Chevron) sorgten mit Shell zusammen für den Transport, indem sie seit den 1950er Jahren riesige Tankerflotten betrieben, deren Kurs an Hormus vorbeiführte. Ein Fünftel des globalen Ölhandels, ein Viertel des Gashandels wird heute an der Insel vorbei verschifft. So klein sie ist, so groß kann ihre Bedeutung werden, wenn diese Meerenge nicht mehr passierbar ist. Nicht umsonst befahren so viele Kriegsschiffe den Persischen Golf.

Die tiefen Ursachen auch für heutige Konflikte finden sich in der Geschichte, in der alten imperialen Politik der Briten, wie Historiker Frankopan betont. Nichts, aber auch gar nichts war dem British Empire zu Beginn des 20. Jahrhunderts wichtiger, als die Ölfelder in Persien und im Nahen Osten zu sichern. Die Briten waren sich an der Jahrhundertwende klar darüber geworden, dass der Öltreibstoff die „Marinestrategie absolut revolutionieren“ werde und auch einiges andere mehr.

Die alte imperiale Politik

„England erwache!“, rief Sir John Fisher aus, Erster Seelord der Admiralität. Auch der damalige Kolonialminister Winston Churchill hatte keinen Zweifel, was die Bedeutung der Ölvorkommen anging; aus seiner Sicht ging es um die Zukunft Großbritanniens. Ein Abkommen, das 1901 mit dem Schah über die Ölförderung unterschrieben wurde, stuft der Historiker Frankopan als eines der „wichtigsten Dokumente des 20. Jahrhunderts“ ein.

Es legte den Grundstein für den Aufbau eines Milliarden-Dollar-Unternehmens, der Anglo-Persian Oil Company. Aus ihr ging später British Petroleum hervor. Den Briten waren die Ölfelder so wichtig, dass sie sogar die Grenzverläufe des Sykes-Picot-Abkommens in Abstimmung mit Frankreich änderten, Palästina mit Jerusalem wollten sie auch deshalb als Protektorat haben, weil dort die Ölpipelines zum Mittelmeer hin endeten.

Keiner sei so aggressiv gewesen wie die Briten, was die Kontrolle des Öls anging, so Frankopan. Das entging auch den Persern nicht, die von der britischen Ausbeutung ihrer Ressourcen kaum profitierten. Als auch die USA Interesse an dem Öl bekundeten, hofften die Perser, dass sie nun etwas von dem Wohlstand der Amerikaner abbekommen würden. Aber die Amerikaner waren auch nicht anders als die Briten. Die Enttäuschung saß tief.

Die Briten setzen vor allem auf Machthaber, die ihnen gefügig waren, weil man sie gut „schmieren“ konnte. Dazu zählte ein gewisser Reza Khan, der als „unwissend und ungebildet“ eingeschätzt wurde, aber ein „unbeschäftigtes Gehirn“ besitze, das jedoch nicht als leer bezeichnet werden könne. Er erwecke den Eindruck eines starken und furchtlosen Mannes, telegrafierte Sir Edmond Ironside nach London. Reza Khan war der Vorfahre von Reza Pahlevi, der als Schah 1979 von der Revolution im Iran vom Thron gefegt wurde, dessen Politik das heutige Mullah-Regime erst möglich werden ließ.

„Die Tatsache, dass mit dem Vertrag die Kronjuwelen des Landes in die Hände ausländischer Investoren gelegt worden waren, führte in Persien zu einem starken und schwärenden Hass auf die Außenwelt“, erklärt der Nahost-Experte Frankopan mit Blick auf die heutigen Zeiten. „Daraus entstand wiederum ein Nationalismus und letztlich ein tiefer reichendes Misstrauen und eine Ablehnung des Westens, die am besten im heutigen islamischen Fundamentalismus versinnbildlicht werden.“

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